Auf den St. Galler Intensivstationen liegen 24 Patienten – und es werden immer mehr

Die St. Galler Regierung hat zusammen mit Medizinern die Coronalage im Kanton beurteilt und die seit Freitag geltenden Massnahmen erklärt. Wegen des unerwartet hohen Patientenstroms verzichten die Spitäler auf dringliche Operationen. Für wirtschaftliche Härtefälle stellt der Kanton 22 Millionen Franken in Aussicht.

Marcel Elsener und Christoph Zweili
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Ein Covid-Patient wird auf der Intensivstation des Kantonsspitals St. Gallen behandelt.

Ein Covid-Patient wird auf der Intensivstation des Kantonsspitals St. Gallen behandelt.

Bild: Arthur Gamsa

Die St. Galler Regierung hat am Dienstag die aktuelle Coronalage eingeschätzt, die beschlossenen Massnahmen erläutert und Fragen beantwortet. «Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos», sagte Regierungspräsident Bruno Damann.

Bruno Damann, Gesundheitschef und Regierungspräsident des Kantons St.Gallen.

Bruno Damann, Gesundheitschef und Regierungspräsident des Kantons St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Der Bundesrat habe die Massnahmen vor einer Woche verstärkt und der Kanton St. Gallen habe am Freitag weitere Anpassungen gemacht. «Einen zweiten Lockdown wollen wir vermeiden.»

In den letzten drei Wochen sind die Fallzahlen stark gestiegen

Danuta Zemp, St. Galler Kantonsärztin.

Danuta Zemp, St. Galler Kantonsärztin.

Bild: Arthur Gamsa

Laut Kantonsärztin Danuta Zemp haben die Fallzahlen in den letzten drei Wochen stark zugenommen: «Der Sieben-Tages-Durchschnitt lag bei 350 Fällen pro Tag.» Es habe vor allem viele kleinere Ausbrüche gegeben – an Schulen, Heimen und im privaten Bereich. Gegen Ende der Woche werde sich zeigen, ob diese aufgrund der neuen Regeln nun abflachen werden. Seit Beginn der zweiten Welle Anfang Oktober wurden 40 Todesfälle registriert, 13 davon in Heimen. Das Durchschnittsalter betrug 85 Jahre, bei praktisch allen lagen Risikofaktoren vor.

Derzeit liegen 157 Patienten auf regionalen Bettenstationen am Kantonsspital St. Gallen und im Spital Grabs, 24 auf den Intensivstationen – 20 müssen beatmet werden. Miodrag Filipovic, Leiter Chirurgische Intensivstation des Kantonsspitals St. Gallen, spricht von einer «ruhigen, aber sehr angespannten Situation», die Kapazitäten in den Spitälern seien bald ausgeschöpft. Am KSSG werden 90 Patienten mit Covid-Symptomen behandelt – davon liegen 18 zwei Wochen oder länger auf der Intensivstation:

Miodrag Filipovic, Leiter Chirurgische Intensivstation am Kantonsspital St. Gallen

Miodrag Filipovic, Leiter Chirurgische Intensivstation am Kantonsspital St. Gallen

Bild: Arthur Gamsa
«Diese Zahl liegt deutlicher höher als die zwölf, die wir als Grenze gesetzt haben, um den Patientenstrom zu bewältigen.»

Diese Patienten seien sowohl vom Alter als auch vom Geschlecht her bunt gemischt, «manche waren vorher gesund, andere hatten Vorerkrankungen». 72 Patienten würden auf medizinischen Bettenstationen behandelt.

Nicht dringliche Eingriffe wurden reduziert

Um die Kapazität auf der Intensivpflegestation (IPS) zu entlasten, wurden diese Woche die nicht dringlichen Eingriffe reduziert, um mehr Kapazitäten zu schaffen. Gleichzeitig werde die Zahl der Betten erhöht, die ausgebauten Intensivstationen stünden ab kommendem Montag zur Verfügung. Filipovic sagt:

«Die benötigten Ärzte, Pflegende, Hilfspersonen werden primär aus dem Bereich der Anästhesie rekrutiert.»

Dafür würden die Operationskapazitäten weiter zurückgebaut. Die sogenannten IPS-Patienten in der gesamten Schweiz zu verteilen, sei kaum möglich: «Viele Spitäler sind bereits ausgelastet oder stehen nur beschränkt zur Verfügung.»

Kanton lockert die Quarantäneregeln

Das Contact-Tracing laufe weiterhin auf Hochtouren, sagt Zemp. Über 50 Personen versuchen sicherzustellen, dass Personen, die mit einer positiv getesteten Person Kontakt hatten, innert 48 Stunden informiert werden: «Da gerieten wir vor allem vergangene Woche stark in Verzug.» Der Kanton lockert daher in Absprache mit dem Bund die Quarantäneregeln, bis er aufgrund der Fallzahlen wieder Herr der Lage ist und das normale Contact-Tracing wieder aufnehmen kann: «Es müssen diejenigen Personen von einer positiven Person informiert werden, welche 48 Stunden vor Beginn der Symptome mit der positiv getesteten Person in Kontakt waren.» Diese Personen müssen nicht mehr in Quarantäne, sondern konsequent Abstand halten, Maske tragen und die Hygieneregeln einhalten.

Medienkonferenz der Regierung zur Coronalage im Pfalzkeller.

Medienkonferenz der Regierung zur Coronalage im Pfalzkeller.

Bild: Arthur Gamsa
Beat Tinner, Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements.

Beat Tinner, Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements.

Bild: Arthur Gamsa

Kanton stellt 22 Millionen für Härtefälle in Aussicht

Die zweite Coronawelle ist nicht ausgestanden, doch gibt es laut Volkswirtschaftsdirektor Beat Tinner zurzeit keine Anzeichen dafür, dass sich die wirtschaftliche Lage und somit die Situation am Arbeitsmarkt dramatisch verschlechtere. Per Ende September zählte der Kanton St. Gallen 7318 Arbeitslose respektive 13'427 Stellenlose. Damit liege man mit Quoten von 2,6 Prozent (gegenüber 3,2 Prozent in der Schweiz) respektive 4,8 Prozent (5,1) «immer besser, tiefer» als der Landesschnitt, sagt Tinner. Die Zahlen dürften für den Oktober ähnlich aussehen und entsprächen «normalen saisonalen Schwankungen, wenn auch auf höherem Ausgangsniveau».

Die vom Bund geregelte Kurzarbeit nimmt im Kanton St. Gallen wieder zu. Derzeit liegen Voranmeldungen von 2000 Betrieben mit rund 30'000 Beschäftigten vor. Auf dem Höchststand diesen Sommer befanden sich laut Tinner in über 9000 Betrieben über 100’000 in der Kurzarbeit, was einem Drittel der St. Galler Beschäftigten entspricht. Im Kanton St. Gallen wurden von März bis August rund 340 Millionen Franken an Kurzarbeitsentschädigungen ausbezahlt.

Der Bundesrat bereitet eine neue Vorlage für Härtefallregelungen für besonders betroffene Firmen vor, die nach einer verkürzten Vernehmlassung in den Kantonen bereits auf 1. Dezember in Kraft gesetzt werden soll. St. Gallen wolle sich gemäss dem freiwilligen hälftigen Kantonsbeitrag an der Finanzierung beteiligen und brauche dafür ebenfalls ein Gesetz. Nachdem der Bund voraussichtlich elf Millionen Franken bereitstellt, wären für St. Galler Härtefälle demnach 22 Millionen vorgesehen. Eine Schätzung betroffener Firmen im Kanton sei schwierig, aber die Regierung werde Zahlen in die Botschaft ans Parlament einfliessen lassen, sagt der Volkswirtschaftsdirektor. Gemäss eintreffender Anfragen von Branchenverbänden gehe es vor allem um Schausteller, Eventveranstalter, Reiseunternehmen oder touristische Betriebe. Ähnliches gilt für den Erwerbsersatz, den etwa berufstätige Eltern nach Wegfall der Kinderbetreuung oder Selbstständige mit behördlich geschlossenem Betrieb geltend machen können, sofern keine andern Hilfsgelder fliessen.

Masken als kleineres Übel als Schulschliessungen

Stefan Kölliker, Vorsteher des Bildungsdepartements.

Stefan Kölliker, Vorsteher des Bildungsdepartements.

Bild: Arthur Gamsa

Aufgrund zunehmender Fälle von Lehrpersonen und ganzen Klassen in Quarantäne hat der Kanton, wie am Freitag gemeldet, eine Maskenpflicht für die von ihm verantwortete Oberstufe (Sek 1) verordnet. Er sei persönlich «kein Fan der Maskenpflicht in Schulen», sagt Bildungschef Stefan Kölliker, doch es sei das kleinere Übel, als Schulen zu schliessen. Der Fernunterricht belaste Schwächere und Familien und sei «unsozial», wogegen die Schule etwas Soziales sei, meint Kölliker. Der Kanton will demnach, wenn immer möglich, am Präsenzunterricht festhalten. Eine besondere Herausforderung ist der Sportunterricht, der laut Bund bis zum 16. Lebensjahr ohne Einschränkungen möglich sein sollte. Trotzdem empfiehlt der Kanton Sport und Bewegung zwar ohne Masken und mit Abstand, aber in der Halle nur in Halbklassen oder dann im Freien. Stefan Kölliker sagt:

«Sportunterricht mit Masken wäre ein absolutes Unding, denn diese wären
nach 15 Minuten unbrauchbar.»

Komplett ausgesetzt wird vorläufig der Singunterricht. Der Kanton wolle dort, wo er selber entscheiden kann, die Schule im Normalbetrieb laufen lassen. Sicher werde man dies «bis Ende November durchziehen», so Kölliker. Anders als der Bundesrat rechne St. Gallen nicht mit Einschränkungen bis im März; man werde in Bern entsprechend Einfluss nehmen. Die Lager will der Kanton auf allen Stufen durchführen, weil sie wichtig seien für die Gemeinschaft. Da vor Weihnachten keine Lager mehr geplant sind, könne der Beschluss für die Skilager Anfang Dezember gefasst werden.

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