Corona im Altersheim
«Die Isolation war schlimmer als mein Einsatz als Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg»: Thurgauer Heimbewohner über ihr Befinden in der Pandemie

In manchen Medienberichten und Diskussionen werden immer wieder Stimmen laut, die den Pflegeheimen vorwerfen, ihre Bewohner zu isolieren und sogar regelrecht einzusperren. Nun kommen die Betroffenen zu Wort.

Alain Rutishauser
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Vereinsamen Bewohner von Alters- und Pflegeheimen? Ein Heimbewohner wartet in der Cafeteria auf seinen Besuch.

Vereinsamen Bewohner von Alters- und Pflegeheimen? Ein Heimbewohner wartet in der Cafeteria auf seinen Besuch.

Francesca Agosta / KEYSTONE (20. Februar 2021)

«Geimpft und trotzdem eingesperrt», schreibt der «KTipp» im Februar, «Nicht geimpfte Senioren werden bevormundet», titelt «Infosperber» am 7. März. Thomas Manhart, ehemaliger Chef des Zürcher Amts für Justizvollzug geht noch weiter: «Die Menschen in den Heimen sind Gefangene», schreibt er in einem Gastbeitrag für den «Tages-Anzeiger» nach dem ersten Lockdown. Meinungen wie «Heimbewohner werden eingesperrt» oder «Betagte vereinsamen in Pflegeheimen» halten sich wacker. Was ist dran an diesen Aussagen? Geht es Bewohnern in Alters- und Pflegeheimen wirklich so schlecht?

Die Coronasituation aus Sicht von Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern

Adolf Löffler, 96-jährig, Tertianum Schloss, Berg

«Eines Morgens standen plötzlich ‹Schneemänner› [Pflegepersonal in weisser Kleidung] in meinem Zimmer und erklärten mir sehr einfühlsam, dass sich verschiedene Personen mit dem Virus infiziert haben und das Heim geschlossen werden muss. Ich durfte das Zimmer nicht mehr verlassen und meine Familie durfte mich nicht mehr besuchen. Die Zeit der Isolation empfand ich schlimmer als meinen Einsatz als Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg in Russland. Mir geht es in letzter Zeit aber viel besser. Ich schlafe nicht mehr fast den ganzen Tag und meine ‹Lebensgeister› kommen zurück. Obwohl ich täglich mit meiner Tochter telefoniert habe, ist ein Besuch etwas ganz anderes, insbesondere da mein Gehör auch nicht mehr das Beste ist. (lacht) Ich kann meine Anliegen wieder mitteilen, man kann sich dabei in die Augen schauen, alles Dinge, die ich sehr vermisst habe.

Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Wenn es Zeit ist zu gehen, dann ist es so.

Ich habe ein sehr schönes und spannendes Leben gehabt, insbesondere auch die letzten zehn Jahre mit meiner Familie hier in der Schweiz. Ich bin einfach dankbar für die wunderschöne Zeit.»

Silvia Furrer, 84-jährig, Alters- und Pflegezentrum Neuhaus, Wängi

«Ich habe mich immer wohl gefühlt. Auch in der Nacht bin ich nicht allein. Die Bewohnerpost habe ich besonders geschätzt. Mir ist wichtig, dass ich gut informiert bin. Dort hat es zum Beispiel auch ein Quiz drin. Das interne Wunschkonzert gefällt mir speziell gut. Und dass die Coiffeuse grad im Haus ist, finde ich sehr praktisch.»

Ida Suter, 82-jährig, Seniorenzentrum Sulgen

«Im September wurden alle im Heim getestet. Ich war damals eine der wenigen, die positiv getestet wurde. Ich hatte aber keinen Husten, keine Schmerzen, mir ging es gut. Wir mussten dann alle für zehn Tage in Quarantäne. In letzter Zeit sind drei Verwandte von mir gestorben. Ich konnte nicht an die Beerdigung, da ich sonst wieder in Quarantäne hätte gehen müssen, da habe ich gesagt ‹Geht lieber ohne mich.›

Aber mir geht es wirklich gut. Ich habe fünf Kinder, die mich regelmässig anrufen und besuchen. Das Personal ist richtig nett und das Essen ist gut. Ich bin nur dankbar, dass ich hier bin.

Ich gehe jeweils mit einer Kollegin aus dem Heim in der Cafeteria Kaffee trinken, sonst lese ich oder mache Kreuzworträtsel. Am Vormittag bietet das Heim jeweils Aktivitäten an – Velofahren, Handarbeit, Turnen – an denen ich immer teilnehme, solange ich noch mag.»

Verena Haussener, 96-jährig, Alters- und Pflegezentrum Neuhaus, Wängi

«Es kommt immer wieder jemand. Man ist nie lange allein. Wenn man mag, kann man mit anderen Bewohnern zusammen sitzen und es gemütlich haben. Wir haben es sehr schön.»

Luzia*, 83-jährig, Tertianum Zedernpark, Weinfelden)

«Ich habe die Zeit für mich genutzt und trainiert – mit Erfolg wie Sie sehen!» (Anmerkung von Daniel Kübler, Geschäftsführer des Tertianum Zedernpark: «Die Frau ist ein Phänomen; vor der Corona-Erkrankung war sie im Rollstuhl unterwegs – als sie das Zimmer wieder verlassen durfte, ist sie auf ihren Beinen rausgelaufen – kein Rollstuhl mehr!»)

Sepp*, Tertianum Zedernpark, Weinfelden

«Ja, es war schon eine harte Zeit – aber wir haben schon viel Schlimmeres erlebt im Krieg oder die Maul- und Klauenseuche, das waren wirklich schlimme Dinge damals.»

Heidi*, Tertianum Zedernpark, Weinfelden

«Ich fühle mich gut aufgehoben, aber mir hat während der Quarantänezeit der persönliche Austausch mit den anderen Gästen sehr gefehlt – zum Glück liegt das nun hinter uns.»

*Namen geändert, der Redaktion bekannt

Die Coronasituation aus Sicht von Heimleiterinnen und Heimleitern

Ursi Rieder, stellvertretende Geschäftsführerin Genossenschaft Alterszentrum Kreuzlingen

Ursi Rieder vom Alterszentrum Kreuzlingen.

Ursi Rieder vom Alterszentrum Kreuzlingen.

Bild: Donato Caspari

«Wir hatten nie ein totales Besuchsverbot. Pro Bewohner war immer eine fix definierte Besuchsperson erlaubt. Die Bewohner können sich ausserdem frei im Haus und auch im Freien, unter Einhaltung der Schutzmassnahmen, bewegen und das schätzen sie auch. Unsere Bewohner sind nicht allein, entgegen vieler Aussagen. Sie haben Kontakt mit Mitarbeitenden, Mitbewohnern und der Besuchsperson. Ich könnte mir vorstellen, dass Heimbewohner unter Umständen weniger einsam sind als eine ältere Person, die noch alleine in einer eigenen Wohnung lebt.»

Daniel Kübler, Geschäftsführer Tertianum Zedernpark (Weinfelden) und Rosengarten (Kradolf)

Daniel Kübler, Geschäftsführer der Heime Zedernpark und Rosengarten.

Daniel Kübler, Geschäftsführer der Heime Zedernpark und Rosengarten.

Bild: PD

«Wir veranstalten regelmässig einen Gästestammtisch, an dem die Bewohner ihre Bedürfnisse und Gedanken äussern können. Man merkt, dass sie dankbar sind für die Unterstützung, die sie bei uns erhalten. Klar vermissen viele den persönlichen Kontakt. Besuche sind aber selbstverständlich möglich. Diese finden in der Cafeteria statt. Wenn eine Familie etwas mehr Privatsphäre wünscht, stellen wir einen Sitzungsraum zur Verfügung, wo sie ungestört sind. Diese Räume werden täglich gereinigt und desinfiziert. Die Besucher dürfen auch mit den Bewohnern spazieren gehen oder diese mit nach Hause nehmen. Im Voraus halte ich aber immer ein Gespräch mit den entsprechenden Leuten, um sie auf Risiken und Vorsichtsmassnahmen hinzuweisen.»

Manuela Rast, Leiterin des Alters- und Pflegezentrums Neuhaus in Wängi

«Mir hat in der Berichterstattung und den Diskussionen bisher der Gegenpol gefehlt, unsere Sicht. Denn ein Altersheim kann für viele eine sehr gute Wahl sein mit ganz vielen Vorteilen.

Ich denke, manche ältere Person wäre noch viel einsamer, wenn sie alleine wohnen würde.
Manuela Rast. Leiterin des Alterszentrum Neuhaus.

Manuela Rast. Leiterin des Alterszentrum Neuhaus.

Bild: PD

Wir haben viele Aktivitäten, gestern haben wir beispielsweise Lotto gespielt, wir hatten es lustig. Unsere Bewohner schätzen das ungemein. Auch der Vorwurf, Heimbewohner wären eingesperrt oder würden sogar alleine sterben, stimmt nicht. Familienmitglieder dürfen immer zu Besuch kommen. In einem palliativen Fall dürfen die Angehörigen selbstverständlich auch aufs Zimmer und dabei sein, wenn das Leben zu Ende geht.»

Cornelia Trefzer von der Stadt Frauenfeld über das Alterszentrum Park

Cornelia Trefzer, Leiterin Kommunikation der Stadt Frauenfeld.

Cornelia Trefzer, Leiterin Kommunikation der Stadt Frauenfeld.

Bild: PD

«Das Alterszentrum Park ist bestrebt, den Bewohnerinnen und Bewohnern einen den Umständen entsprechend ‹normalen› Alltag und so viel Kontakt zu Angehörigen und Freunden wie möglich zu ermöglichen. So können Besuchende beispielsweise gratis einen Coronaschnelltest bei den Apotheken ‹Coop Vitality› und ‹Passage› machen lassen, damit sie ihre Angehörigen im Alterszentrum Park länger und auf dem Zimmer besuchen können. Diese Möglichkeit wird von allen sehr geschätzt.»

Daniela Vorburger, Geschäftsführerin Tertianum Schloss in Berg

Heimleiterin Daniela Vorburger in Berg.

Heimleiterin Daniela Vorburger in Berg.

Bild: Ralph Ribi

«Unsere Gäste können sich unter Einhaltung der allgemein gültigen Sicherheitsmassnahmen grundsätzlich frei bewegen. Aufgrund des grossen und schönen Schlossparks wird vor allem der Spaziergang an der frischen Luft in sicherer Umgebung von uns gefördert und von den Gästen sehr geschätzt. Auch Besuche sind unter Einhaltung der Schutz- und Sicherheitsmassnahmen möglich. Die Bewohner gehen, je nach Persönlichkeit, unterschiedlich mit der herausfordernden Situation um. Unsere Mitarbeitenden sorgen dafür, dass niemand einsam sein muss. Die Bewohner sind zufrieden und haben sich mittlerweile an die Situation gewöhnt.»