Corona
Der St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler kämpft gegen 19-Uhr-Regel des Bundesrats: «Sie steigert die Ansteckungsgefahr»

Der Bundesrat will schweizweit die Läden und Restaurants um 19 Uhr schliessen. Der St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler, Gründer von Digitec und Besitzer von Franz Carl Weber, hält das für eine gefährliche Idee.

Stefan Ehrbar
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FDP-Nationalrat Marcel Dobler will Läden länger offen halten.

FDP-Nationalrat Marcel Dobler will Läden länger offen halten.

Benjamin Manser

Mit einer Sperrstunde um 19 Uhr will der Bundesrat die Corona-Fallzahlen wieder senken. Die Massnahme hat er den Kantonen zur Konsultation unterbreitet. FDP-Nationalrat Marcel Dobler aus dem Kanton St. Gallen wehrt sich dagegen – auch aus gesundheitlichen Gründen, wie er sagt.

Der Bundesrat will die Läden und Restaurants um 19 Uhr schliessen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Marcel Dobler: Ich bin gegen eine Schliessung von Restaurants um 19 Uhr. Niemand geht schon um 17 Uhr essen.

Und bei den Läden?

Die Öffnungszeiten zu verkürzen, ist kontraproduktiv. Wenn sie weniger lang offen sein dürfen, verzichten zwar einige wenige Leute auf den Einkauf. Viel gravierender ist aber: Der allergrösste Teil der Käufe fällt nicht einfach weg, sondern wird in einem kürzeren Zeitraum abgewickelt. Es kommt zu einer Konzentration. Es wird überall enger: In den Läden sind mehr Leute gleichzeitig, die zudem zur An- und Rückreise den ÖV benutzen oder zu Fuss in den Strassen unterwegs sind. So steigt die Ansteckungsgefahr. Um diese zu senken, müsste das Gegenteil getan werden. Die Öffnungszeiten müssten erweitert werden, damit sich die Leute möglichst gut verteilen und mehr Abstand zwischen Ihnen möglich ist.

Sie wehren sich auch aus ökonomischen Gründen gegen die Regel.

Die finanzielle Situation und die grossen Unterschiede bei den Infektionszahlen der Kantone kommen hinzu. Die Läden müssen jetzt schon kämpfen. Ich kann diese Massnahmen des Bundesrates nicht unterstützen. Im Covid-Gesetz haben wir festgeschrieben, dass Kommissionen konsultiert werden müssen. Wir werden das heute oder morgen in der Gesundheitskommission traktandieren. Ich werde mich gegen diese Regel einsetzen. Ich halte eine Lösung, wie sie der Kanton Zürich mit dem Verbot von Sonntagsverkäufen ab Weihnachten beschlossen hat, für pragmatisch. Der Vorschlag des Bundesrats geht aber zu weit. Er ist übrigens auch für das betroffene Personal schlecht. Ich habe mit einer Ärztin gesprochen, die auf einer Station mit Covid-Patienten arbeitet und kaum mehr freie Zeit hat. Sie hat sich beklagt, dass sie mit der neuen Regel am Abend nicht einmal mehr Esswaren einkaufen könnte.

Das mag auf die Detailhändler unter der Woche zutreffen. Aber seien wir ehrlich: Die Sonntagsverkäufe sind für viele eher Event als Notwendigkeit.

Bundesrat Alain Berset will einfach alle Freizeitaktivitäten verbieten. Bei den Sonntagsverkäufen wissen wir schlicht nicht, wie hoch der Anteil der Kunden ist, die diese als Event sehen und wie viel Umsatz sich ohne die Sonntagsverkäufe in die Woche hinein verlagert und dort für eine zusätzliche Konzentration sorgt. Auch hier ist es kein evidenzbasierter Entscheid.

In vielen Kantonen schliessen die Läden heute schon um 19 Uhr. Wieso sollte das für die anderen ein Problem sein?

Das zeigt nur, dass die Situation nicht in allen Kantonen dieselbe ist und dass es regional abgestimmte Lösungen braucht. Darüber sollten die Kantone entscheiden.

Ein Problem ist, dass sich Menschen abends in Gruppen vor den geöffneten Läden treffen. Im Kanton Zürich stellte die Regierung etwa fest, dass es zu grossen Ansammlungen vor 24-Stunden-Shops und Tankstellenläden kam.

Das ist aber sehr spezifisch ein Problem der Lebensmittelbranche. Wir sind uns einig, dass es einen Spielwarenhändler oder ein Bekleidungsgeschäft nicht trifft. Wenn dieses Problem besteht, dann müssten Regeln definiert werden. Wie gross es effektiv ist, weiss ich aber nicht. Die andere Frage ist: Wohin zieht es diese Leute, wenn die Läden geschlossen werden? Sie werden nicht einfach alle nach Hause gehen. Das Problem verlagert sich so nur.

Mittlerweile lässt sich fast alles online bestellen. Sie sind selber Pionier des Onlinehandels und haben Digitec mitgegründet. Die längeren Öffnungszeiten braucht es doch gar nicht.

Jedes Jahr gewinnt Online zwei bis fünf Prozent Marktanteil auf Kosten der stationären Läden. Dieses Jahr ist dieser Wert viel höher. Die Kunden entscheiden aber rational, ob sie etwas online oder im Retail bestellen. Es gibt auch Vorteile der Läden. Man muss etwa nicht auf die Post warten. Es gibt einen funktionierenden Wettbewerb der Absatzkanäle. Mit diesen Massnahmen entzieht der Bund aber jenen die Lebensgrundlage, die online nicht stark aufgestellt sind. Er greift in ein funktionierendes System ein und zerstört es.

Sie besitzen den Spielwarenhändler Franz Carl Weber. Dessen Geschäfte sind teils auch bis 20 Uhr geöffnet. Wie viele Leute kaufen überhaupt noch nach 19 Uhr ein?

Diese Stunde ist wichtig für uns, aber noch wichtiger sind die Sonntagsverkäufe. In den letzten zwei Monaten des Jahres machen wir 40 Prozent des Umsatzes. Der Verlust der Sonntagsverkäufe wäre für uns sehr gravierend. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir etwa in Genf schon einen ganzen Monat lang schliessen mussten mit verheerenden finanziellen Auswirkungen. Nun hat die Westschweiz viel tiefere Fallzahlen. Es macht keinen Sinn, mit dieser Regel die ganze Schweiz zu bestrafen und auch noch in der Westschweiz die Sonntagsverkäufe zu verbieten.

Sie haben noch Mitte November die «mutige St. Galler Regierung» gelobt, weil sie auf schärfere Massnahmen verzichtete. Seit Wochen sterben im Kanton St. Gallen aber überdurchschnittlich viele Menschen an Corona, die 7- und 14-Tage-Inzidenz ist derzeit sogar am höchsten von allen Kantonen. Haben Sie sich geirrt?

Tatsächlich befindet sich St. Gallen in einer heiklen Phase. Der Kanton wird weitere Massnahmen ergreifen müssen, und das ist auch richtig so. Die Situation ist aber regional sehr unterschiedlich. So sind die Zahlen in Rorschach, Wil und St. Gallen zu hoch und ein Problem. In anderen Bezirken, etwa in meinem Heimatbezirk See-Gaster, sind sie deutlich tiefer. Ich stehe nach wie vor hinter der Politik unserer Regierung. Ich halte es für falsch, auf Vorrat zu regulieren, wie es zum Beispiel Genf gemacht hat. Es muss jetzt etwas gemacht werden, aber ich vertraue darauf, dass die Regierungsräte die richtigen Lösungen für ihre Kantone finden.

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