COACHING: Ein offenes Ohr für die Verwandten

Die Pro Senectute St. Gallen will Menschen unterstützen, die ihre Verwandten im Alter betreuen. Sie bietet Fachpersonal an, das für die Angehörigen da ist. Das Projekt ist schweizweit einzigartig.

Martin Rechsteiner
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Hunderttausende Stunden verbringen Ostschweizer jedes Jahr mit der Betreuung von Verwandten im Alter. (Bild: PD)

Hunderttausende Stunden verbringen Ostschweizer jedes Jahr mit der Betreuung von Verwandten im Alter. (Bild: PD)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@tagblatt.ch

Er wolle mit einer guten Nachricht beginnen, sagt Thomas Diener, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Stiftung Pro Senectute St. Gallen. «Drei von vier bedürftigen älteren Personen, werden in der Ostschweiz von Verwandten betreut.» Diener lobt diesen grossen Einsatz, den in den meisten Fällen der Ehepartner, und oft auch Kinder oder Geschwister leisten. «Fiele dieser weg, stünde unsere Gesellschaft vor einem riesigen Problem.» Die Hunderttausenden Stunden, welche Verwandte in die Betreuung von älteren Leuten investierten, könnte nicht durch Professio­nelle übernommen werden. Dazu sei unsere Gesellschaft finanziell und personell niemals in der Lage.

Deshalb sei es wichtig, dass betreuende Angehörige Unterstützung erhalten. «Denn, und das ist die schlechte Nachricht, viele dieser Menschen sind un­sicher oder stossen an ihre Grenzen.»

Angehörige stellen sich Fragen

Mache ich alles richtig? Kommt weitere Unterstützung oder vielleicht doch das Heim in Frage? Wo bleibt mein eigenes Leben? – Menschen, die ihre Verwandten im Alter betreuen, stehen oft vor solchen Fragen. Deshalb hat die Pro Senectute St. Gallen in der Schweiz ein Pionierprojekt lanciert, das Coaching für betreuende Angehörige. Die Stiftung stellt ausgewiesene Fachpersonen für Angehörige zur Verfügung. Sie sind Sozialarbeiterinnen, Pflegefachpersonen oder Seelsorger mit entsprechender Zusatzausbildung.

«Der Coach begleitet und unterstützt betreuende Angehörige ganz nach deren Bedürfnissen und Wünschen», sagt Diener. Er habe ein offenes Ohr für ihre Anliegen und helfe dabei, diese zur Geltung zu bringen. «Bei Bedarf kann er vorübergehend wöchentlich zur Verfügung stehen, dann aber wieder für Monate in den Hintergrund treten, sofern er nicht gebraucht wird.» Das Konzept ist dieses Jahr über mehrere Monate erprobt worden, jetzt will die Stiftung das Angebot öffentlich machen.

«Die Arbeit der Coaches ist für die betreuenden Angehörigen kostenlos.» Dies sei wichtig, sagt Diener. «Sie wenden alle einen Teil ihrer Arbeits- oder Freizeit dafür auf. Damit leisten sie einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, dem man Rechnung tragen muss», betont er. Geld dafür stamme aus der eigenen Kasse, ein Grossteil übernehme die Ostschweizer Förderstiftung Ria & Arthur Dietschwiler. «Ohne sie wäre das Projekt nicht zustande gekommen.»

Interesse in anderen Kantonen

«Wir sind gespannt, wie das Angebot genutzt wird», sagt Diener. Er rechnet fest damit, dass es Schule macht. «Die Erfahrungen aus den Probemonaten sind positiv, die Rückmeldungen gut.» Diener ist überzeugt, dass es auch bei den Partnerorganisationen wie der Spitex, dem Schweizerischen Roten Kreuz oder Palliativ Ost gut ankomme. «Es ist eine wichtige Ergänzung zu bestehenden Angeboten, wie sie von den Entlastungsdiensten offeriert werden.»

Die Pro Senectute Schweiz sowie Sektionen aus anderen Kantonen hätten schon grosses Interesse an dem Modell angemeldet. So könnte es bald auch in anderen Teilen der Schweiz Coachings geben, sagt Diener. Ein kleines bisschen Stolz kann er dabei nicht verbergen.