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Clubs müssen sich sputen, Schulen warten ab: Die Coronamassnahmen des Kantons St.Gallen kommen überraschend

Der Kanton St.Gallen führt die steigenden Fallzahlen auf Jugendliche zurück, die das Ansteckungsrisiko sorglos wegstecken. Mit zwei Massnahmen zielt er auf Schüler und Partygänger: Das Contact-Tracing wird an die Betreiber von Bars und Clubs ausgelastet; Mittelschulen sollen die Maskenpflicht verschärfen. Nicht alle sind erfreut.

Rossella Blattmann und Noemi Heule
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Künftig müssen Clubs wie das BBC in Gossau das Contact-Tracing selber durchführen.

Künftig müssen Clubs wie das BBC in Gossau das Contact-Tracing selber durchführen.

Bild: Benjamin Manser

Die Coronazahlen steigen, nicht dramatisch, aber kontinuierlich. Die steigenden Fallzahlen seien vor allem auf Ansteckungen bei Personen zwischen 18 und 30 Jahren zurückzuführen, schreibt der Kanton in einer Mitteilung. Und weiter: «Die Regierung beobachtet mit Sorge, dass viele Jugendliche zunehmend sorglos mit der aktuellen Pandemiesituation umgehen.» Der Kanton hat deshalb am Freitag weitere Massnahmen bekanntgegeben, die auf Jugendliche und junge Erwachsene zielen. Wenn auch über Umwege.

Neu müssen Bars und Clubs nicht nur die Kontaktdaten ihrer Gäste erheben, sondern diese auch kontrollieren. Und vor allem: Sie müssen ihre Gäste selber benachrichtigen, sollte es in ihrem Lokal zu einem Ansteckungsrisiko gekommen sein. Dann nämlich, wenn ein Besucher nachträglich positiv auf Covid-19 getestet wurde. «Die Bars und Clubs müssen dem Kantonsarztamt innert 48 Stunden eine Erledigungsmeldung einreichen», sagt Gesundheitsdirektor Bruno Damann. Die betroffenen Gäste müssen in Quarantäne.

Fehlerhafte Kontaktdaten erschweren Contact-Tracing

Der Kanton lagert damit das Contact-Tracing kurzerhand an die Clubbetreiber aus. Damann sagt:

Der St.Galler Gesundheitsdirektor Bruno Damann.

Der St.Galler Gesundheitsdirektor Bruno Damann.

Bild: Benjamin Manser
«Aufgrund der steigenden Zahl der Fälle im Kanton wollen wir eine Überlastung der Contact-Tracer verhindern.»

Die langen Gästelisten der Clubs stellten die Contact-Tracer des Kantons auf die Probe, zumal die Daten nicht immer korrekt erfasst worden seien: «Wir haben in den letzten Wochen feststellen müssen, dass nicht alle Clubs und Bars die Kontaktdaten systematisch erfasst hatten.» Deshalb habe die Regierung entschieden, die Clubs und Bars stärker zu verpflichten – «mit dem Wissen, dass dies eine Mehrbelastung für die Betreiber bedeutet».

Die Clubs wurden überrumpelt

Nicht nur der Mehraufwand, sondern der Zeitpunkt der Mitteilung überraschte am Freitag Bar- und Clubbetreiber. Sie gilt ab sofort und traf kurz vor dem Wochenende ein.

«Wer die Kontaktdaten bis jetzt händisch erfasste, hat kaum eine Chance, die Vorgaben postwendend umzusetzen.»

Das sagt Daniel Weder im Namen von Nacht Gallen, der Interessengemeinschaft der örtlichen Veranstalter, Gastro- und Kulturbetriebe.

Daniel Weder, Geschäftsführer des St.Galler Kulturlokals Kugl.

Daniel Weder, Geschäftsführer des St.Galler Kulturlokals Kugl.

Bild: Ralph Ribi

Der Betreiber des Kugl selbst nimmt die Neuerung gelassen, wie viele andere Betreiber setzt er auf das System Quickreg.ch des St.Galler IT-Unternehmens Vadian.net. Mittels SMS-Code wird sichergestellt, dass die angegebene Nummer korrekt ist. Mittels SMS können die Gäste auch informiert werden, sollte es zu einem Corona-Alarm kommen. Der Mehraufwand hielte sich deshalb in Grenzen – «es ist vor allem eine Kostenfrage», sagt Weder.

Bewährungsprobe bereits überstanden

Allerdings hätte er sich vom Kanton gewünscht, dass dieser im Vorfeld das Gespräch mit Bars und Clubs gesucht hätte. Schliesslich sträube sich niemand gegen Schutzmassnahmen. Im Gegenteil:

«Wir tun alles, damit wir unsere Lokale nicht irgendwann ganz schliessen müssen.»

Auch das Gossauer BBC setzt auf Quickreg.ch. Und hat das System bereits im Ernstfall getestet: Ende August feierte ein Gast im BBC, bevor er positiv getestet wurde; sechs Mitarbeiter erkrankten anschliessend ebenfalls an Covid-19. «Bereits damals haben wir unsere Gäste in Absprache mit dem Kanton selbst über den Fall informiert», sagt Mediensprecherin Rita Bolt. Auch das BBC blickt dem Wochenende deshalb entspannt entgegen.

Maskenpflicht oder nicht? Mittelschulen warten ab

Die zweite Massnahme des Kantons kommt dagegen mit einem zeitlichen Vorlauf von drei Wochen daher. Just zu Ferienbeginn spricht der Kanton eine Empfehlung zur Maskenpflicht an Mittel- und Berufsschulen aus. Diese soll, so heisst es in umständlichem Behördensprech, nach den Herbstferien auf «Verkehrsflächen» gültig sein – gemeint sind Korridore, Eingangsbereiche oder Toiletten. In den Schulzimmern seien Masken dagegen nicht erforderlich, solange feste Plätze eingenommen würden.

Ob sie der Empfehlung zur Pflicht nachkommen, lassen die Schulen vorerst offen. Man werde in der dritten Ferienwoche über das Vorgehen nach Unterrichtsstart entscheiden, heisst es bei den angefragten Schulen. Das Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen (GBS) kennt bereits jetzt eine Maskenempfehlung, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Diese Anweisung werde auch gut befolgt, sagt Rektor Daniel Kehl. Selbiges gilt bei der Kantonsschule am Burggraben: Sei das Contact-Tracing schwierig, werde ebenfalls zur Maske geraten, sagt Rektor Marc König. Etwa beim Zimmerwechsel in den Pausen oder wenn der Unterricht nicht in Stammklassen stattfindet.