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Clubbing statt Konzert im Sittertobel: Warum tut man sich das «Casa Bacardi» bloss an?

Gitarrenriffs, herrliche Stimmen und Konzertatmosphäre: Man könnte meinen, am Open Air St.Gallen brauche es keinen Partytempel, in dem DJs vorwiegend Elektro, House und Techno auflegen. Trotzdem ist das «Casa Bacardi» im Sittertobel jeden Abend brechend voll. Warum nur?
Christof Krapf
Treffpunkt für Tanzwütige: Das Casa Bacardi. (Bild: Raphael Rohner)

Treffpunkt für Tanzwütige: Das Casa Bacardi. (Bild: Raphael Rohner)

Den Bass spürt man bis in den Bauch. Die Vibrationen der Musik erfüllen den ganzen Körper. Das ist das Erste, was man spürt, wenn man das Bacardi-Zelt im Sittertobel betritt. Hinter den Plattentellern steht ein DJ aus Zürich und knallt seinen Mix aus elektronischer Musik ins Zelt, das mehrere hundert Personen fasst. Nur rasch den Gehörschutz montieren - es droht der Tinnitus.

Im Zelt drinnen riecht es nach Schweiss, Rauch und klebrigen alkoholhaltigen Mischgetränken. Ab und zu zieht ein Hauch von Parfüm an der Nase vorbei. Da hat sich wohl jemand herausgeputzt für die grosse Sause. Es herrscht ein fürchterliches Gedränge, alle paar Schritte reibt man sich an einem verschwitzten Körper. Die Musik wirkt auf den (Elektro)-Laien irgendwie repetitiv. Ein Synthesizer; dazu ein Beat - mehr ist nicht herauszuhören. Das muss vielleicht so sein, wenn man tanzen will.

Eigentlich könnte man jetzt ein Konzert schauen. An der frischen Luft, mit einem kühlen Bier in der Hand. Man könnte den Musikern beim Spielen zuschauen: Wie die Gitarristen ihre Riffs auf die Saiten zaubern, die Drummer den Rhythmus ins Schlagzeug hauen. Man könnte sich an der Stimme der Sänger erfreuen, die Atmosphäre eines Livekonzerts spüren. Die Sommernacht geniessen.

Im «Casa Bacardi» hingegen steht einer hinter den Plattentellern und am Laptop. In einer Ecke steht ein Palme. Schliesslich kommt Rum, den der Sponsor des Zeltes herstellt, ursprünglich aus der Karibik. Strandfeeling will trotzdem nicht aufkommen. Palme hin oder her. Warum also tut man sich dieses Zelt an?

Im Fitnessstudio gestählte Oberarme

Eigentlich passt das «Casa Bacardi» nicht ins Sittertobel. Elektronische Musik und Clubatmosphäre könnten sich Tanzwütige an jedem anderen Wochenende holen. Im «Elephant» vielleicht oder im Trischli-Club - Angebote gibt es sogar in einer kleinen Stadt wie St.Gallen genug.

Beliebt ist das Zelt trotzdem, davon zeugt die grosse Anzahl von Besucherinnen und Besuchern, die jeden Abend kommen. Die Zeiten sind zwar vorbei, als man hier noch Partywütige mit Minirock und Highheels sah - herausgeputzt wie für einen Clubbesuch. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass die eine oder der andere hier etwas mehr Wert auf das Äussere legt, als man es am Open Air normalerweise tut.

Auf der Tanzfläche steht ein junger Mann im weissen Muskelshirt, die Haare frisiert, den Bart sorgfältig getrimmt. Die Oberarme sind von unzähligen Besuchen im Fitnessstudio gestählt; eine Sonnenbrille sitzt auf der Nase - es ist schon nach Mitternacht. Vielleicht braucht er die, weil das Stroboskop unangenehm in den Augen blendet? Warum er hier ist? Die Frage muss man ihm ins Ohr brüllen. «Party!», schallt es zurück. Mehr ist aus dem Herrn nicht herauszubekommen. Lieber nimmt er einen Schluck von seinem Drink.

An, auf oder unter der Bar

Feiern im "Casa Bacardi". (Bild: Raphael Rohner)

Feiern im "Casa Bacardi". (Bild: Raphael Rohner)

Vielleicht kann eine Gruppe junger Frauen das Phänomen «Casa Bacardi» besser erklären. «Ich tanze einfach gerne, das geht hier am besten», sagt die eine. Auf die Nachfrage, das könne man doch auch an einem Konzert tun, meint sie: «Das ist nicht meine Musik. Und wegen des Programms gehe ich nicht ins Sittertobel.» Das könnte eine Erklärung sein: Das Open Air als einzige grosse Party. Da braucht es für jeden etwas - auch für solche, die normalerweise Clubs besuchen. Nur: Muss man am Open Air das tun, was man sich sonst jedes Wochenende gibt?

Eines muss man dem «Casa Bacardi» lassen: Die Stimmung ist gut und friedlich. Pärchen oder solche, die es vielleicht noch werden, tanzen zusammen; zwei liegen sich auf der Tanzfläche in den Armen und küssen sich. Der DJ gibt alles. Schliesslich hat er auf Facebook geschrieben: «Wir sehen uns an der Bar oder auf der Bar oder unter der Bar. Je nach Zustand.» Unter der Bar liegt noch niemand - auf der Bar tanzt auch keiner. Alles im grünen Bereich.

Wie lange das noch so sein wird, weiss man nicht. Bis 4.30 Uhr dauert die Sause. Wer also nach dem letzten Konzert nicht ins Zelt oder heim will, der strandet hier. Immerhin: Das Engagement des Spirituosenherstellers spült Geld in die Kassen des Open Airs. Geld, welches das Festival für ein attraktives Programm braucht. Davon wollen wir jetzt profitieren. Also nichts wie weg aus diesem Zelt. An die frische Luft. Auf ein kühles Bier. An ein Konzert.

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