Claudius Graf- Schelling zum Gedenken: Der Bodensee zog ihn immer wieder in seinen Bann

Am 24. November 2019 verstarb im Alter von 69 Jahren alt Regierungsrat Dr. Claudius Graf-Schelling. In der reformierten Kirche in Arbon, in der er getauft wurde und geheiratet hatte, erlitt er einen Herzstillstand. So schloss sich dort sein Lebenskreis, wo dieser begonnen hatte.

Bernhard Bertelmann, Alfi Saam
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Claudius Graf-Schelling (1.4.1950 - 24.11.2019)

Claudius Graf-Schelling (1.4.1950 - 24.11.2019)

Bild: Max Eichenberger

Claudius Graf-Schelling hinterlässt seine geliebte Frau Leoni, drei erwachsene Kinder sowie zwei Enkelkinder. Fast sein ganzes Leben verbrachte Claudius Graf-Schelling in Arbon, wo er auch die Schulen besuchte. Sein wacher Geist, seine Intelligenz und sein Fleiss befähigten Claudi, Sohn eines Typografen, die Kantonsschulzeit in Frauenfeld mit Bravour zu bestehen. Sein Vater Albert Graf-Bourquin, ein bekannter Kunstsammler und -förderer, weckte in ihm wohl schon früh die Liebe zur Kunst und Literatur.

Als Seebub zog ihn der Bodensee immer wieder in den Bann. Ein prägendes Erlebnis für ihn war, als er 1969 als Jugendlicher zusammen mit drei Jugendfreunden den Bodensee von Arbon nach Langenargen schwimmend überquerte. Den Kopf über dem Wasser, das Ziel vor Augen, den Überblick behaltend, beharrlich und willensstark erreichte er als einziger das deutsche Ufer. Diese Beharrlichkeit und Zielorientiertheit ermöglichten ihm auch später, seine gesteckten Ziele erfolgreich umzusetzen.

Zusammenarbeit über die Kantonsgrenzen hinweg

Ein beeindruckendes Erlebnis war für den jungen Claudius Graf-Schelling die Seegfrörni 1963. Mit den Schlittschuhen überquerte er am 25. Februar 1963 mit seinem Bruder und weiteren Schülern den See, um dem Bürgermeister von Langenargen ein Geschenk zu überreichen. Anlässlich des Jubiläums «50 Jahre Städtefreundschaft Langenargen/Arbon» hielt er 2013 einen Vortrag über das «Wunder des Jahrhunderts», die Seegfrörni: «Unbekannte Menschen begegneten sich in der Seemitte als Brüder und Schwestern. Aus den Gesichtern leuchtete die Freude, strahlte das Glück.»

Für Claudius Graf-Schelling trennte der Bodensee die Menschen um ihn herum nicht, sondern er verband sie schon seit Jahrhunderten miteinander, nicht nur während der Seegfrörni. Und so lässt sich auch verstehen, weshalb Claudius Graf-Schelling so grossen Wert auf die Zusammenarbeit über die Kantonsgrenzen hinaus legte. Immer ging es darum, ein geregeltes und friedliches Zusammenleben der Menschen miteinander anzustreben. Dies motivierte ihn auch für die Tätigkeit als Vertreter des Kantons Thurgau in der Internationalen Bodensee Konferenz von 2008 bis 2015.

Präsident der SP-Grossratsfraktion

Nach seinem Studium und einem Aufenthalt in St. Gallen kehrte Claudius Graf-Schelling 1978 als Rechtsanwalt nach Arbon zurück. 1988 wurde er zum Präsidenten des Bezirksgerichts Arbon gewählt. In dieser Funktion blieb er, bis er im Jahr 2000 in den Regierungsrat gewählt wurde. Bereits 1971 trat Claudius Graf-Schelling in die Sozialdemokratische Partei ein und engagierte sich in der lokalen und kantonalen Politik. Von 1979 bis 1987 gehörte er der Ortsverwaltung der Stadt Arbon an und von 1982 bis 1988 präsidierte er die lokale Sektion der SP in Arbon. Von 1984 bis 2000 war er Mitglied des Grossen Rates, wo er ab 1994 die sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Fraktion präsidierte.

Von 2000 bis 2015 Regierungsrat

Im Jahr 2000 wurde er in den Regierungsrat gewählt, wo er die Führung des Departements für Justiz und Sicherheit übernahm. Dreimal präsidierte er in dieser Zeit den Thurgauer Regierungsrat. Als Sozialdemokrat in einem bürgerlich dominierten Regierungsrat war er sich seiner Minderheitsposition sehr wohl bewusst, verstand es jedoch dank profunder Dossierkenntnisse und eines Gespürs für das Machbare, seinen sozialdemokratischen Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen. Mit der von ihm vorangetriebenen neuen Einteilung des Kantons in fünf Bezirke, die 2011 in Kraft trat, wurde eine Ordnung abgelöst, die seit dem 6. Juni 1800 unverändert Bestand gehabt hatte.

Claudius Graf-Schelling war es ein Anliegen, auch die weniger erfreulichen Seiten der Geschichte des Kantons aufzuarbeiten. So entschuldigte sich der Thurgauer Regierungsrat 2011 auf seinen Antrag hin bei allen Verdingkindern. 2014 schliesslich bedauerte der Regierungsrat die damalige Zurückhaltung des Kantons in Sachen Heimaufsicht im Kinderheim St. Iddazell. Nach 15 Jahren erfolgreicher Regierungstätigkeit trat Claudius Graf-Schelling im Mai 2015 zurück.

Den Thurgau während Jahren geprägt

Nach seiner Pensionierung engagierte sich Claudius Graf-Schelling weiterhin in vielen Ämtern und Organisationen, so zum Beispiel als Präsident der Thurgauischen Bodman-Stiftung. Erst dieses Jahr erhielt er vom Regierungsrat den Auftrag, eine Jury zu präsidieren, welche auf dem Spitalfriedhof in Münsterlingen ein «Zeichen der Erinnerung» für die von den Medikamententests Betroffenen realisieren soll.

Seine Kraftquelle und sein Lebenszentrum waren aber während der ganzen Zeit seine Familie, seine Frau Leoni und seine drei Kinder sowie die beiden Enkelkinder. Bei ihnen und mit ihnen konnte er im eigenen Heim im Bergliquartier in Arbon immer wieder Energie tanken.

Mit alt Regierungsrat Claudius Graf-Schelling verliert der Kanton Thurgau eine Persönlichkeit, die den Kanton während Jahren geprägt und weitergebracht hat. Dabei hat ihm der regelmässige Blick zurück in die eigene Geschichte und zu den eigenen Wurzeln geholfen, den Thurgau in die richtige Richtung zu führen. Bei all seinem grossen Engagement für die Sache begegnete er seinen Mitmenschen jedoch immer freundlich und respektvoll.