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In Brasilien geboren, zu Hause in der Schweiz: "Für einen von uns ist es immer schwierig"

Am Sonntagabend spielt die Schweiz gegen Brasilien. Während sich Claudia Cilene Zünd wenig für Fussball interessiert, fiebert ihr Schweizer Ehemann mit. Das Paar lebt seit 20 Jahren gemeinsam in der Schweiz, was für die Brasilianerin nicht immer einfach ist.
Marlen Hämmerli
Das brasilianisch-schweizerische Ehepaar Claudia Cilene und Bruno Zünd wohnt heute in Niederuzwil. (Bild: Benjamin Manser)

Das brasilianisch-schweizerische Ehepaar Claudia Cilene und Bruno Zünd wohnt heute in Niederuzwil. (Bild: Benjamin Manser)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Verliebt und gleichzeitig zerrissen. Das sind Claudia Cilene und Bruno Zünd seit 20 Jahren. Am Strand von Recife, im Nordosten Brasiliens, war es Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls für Bruno Zünd, der zu seinen Kollegen sagte: «Wenn ich diese hübsche Frau heirate, seid ihr auch dabei.» Claudia Cilene hingegen dachte erst:

«Was will dieser Gringo von mir?»

Der «Gringo» war nur zufällig in Claudia Cilenes Heimatstadt, um zwei Freunde aus Balgach zu treffen. Zuvor war er in São Paulo gewesen, wo er viele Verwandte hat. «Mein Grossonkel ist 1921 ausgewandert.» Nach zwei Tagen wollte Bruno eigentlich weiterreisen. Wegen Claudia Cilene blieb er aber schliesslich zehn Tage in der Küstenstadt. Nach fünf Tagen waren sie verlobt. Drei Monate später reiste Claudia Cilene in die Schweiz: «Am einen Tag kam ich an, am nächsten ging ich in den Deutschunterricht. Bruno hatte mich bereits angemeldet.» Ein halbes Jahr darauf sagten die zwei «Ja».

Seither ist das Heimweh bei Claudia Cilene nicht kleiner geworden, obwohl sie jährlich heimwärts fliegt und täglich mit der Mutter telefoniert. «In letzter Zeit ist es eher stärker geworden, nicht?», fragt Bruno Zünd seine Frau, die nickt und sagt: «Meine ganze Familie ist in Brasilien. Und die kalten, nebligen Wintertage hier – die sind zum Sterben.» In der Heimat der 47-Jährigen ist es rund ums Jahr zwischen 25 und 40 Grad warm und täglich scheint die Sonne.

In Brasilien ist das Arbeiten härter als in der Schweiz

Doch gleichzeitig in zwei Ländern zu leben, ist unmöglich. So mussten sich Zünds entscheiden. «Für einen ist es ­immer schwierig», sagt der Architekt. «Meine Ausbildung ist in Brasilien nicht anerkannt. Um das zu ändern, müsste ich eine Prüfung ablegen.» Schliesslich sei es für ihn in der Schweiz leichter, den Lebensunterhalt zu verdienen. Auch aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten. «Sobald ich auf dem brasilianischen Konsulat etwas erledigen muss, stosse ich auf Schwierigkeiten. In einer fremden Sprache hat man nicht dieselbe Sicherheit wie in der Muttersprache.»

Zudem unterscheidet sich die Arbeitswelt von jener in der Schweiz: «Wir arbeiten viel, aber in Brasilien ist es härter», sagt Bruno Zünd. Der Chef bestimme alleine, wann man Ferien nehmen könne, Arztzeugnisse müssten am ersten Krankheitstag eingereicht werden und wer das Pensionsalter erreicht, müsse oft weiterarbeiten. Denn ein Brasilianer erhält das eingezahlte Pensionsgeld nicht, wenn er kündigt. Auch der Umgang ist laut dem 61-Jährigen ein anderer: «Während Brasilianer in ihrer Freizeit schnell Freundschaft schliessen, emphatisch und herzlich sind, ist es in der Geschäftswelt förmlicher.» Die Büros seien alle klimatisiert, Schlips und Anzug die Regel. «Und wer ab 50 Jahren die geforderte Leistung nicht mehr bringt, ist weg vom Fenster. Gut, bei uns kommt das leider auch vor.»

Auch wenn der Arbeitsalltag strenger sei als in der Schweiz, etwas könnten die Schweizer doch von den Brasilianern lernen, sagt Zünd, der gerne Gitarre spielt: «Beim Tanzen sieht man es sofort. Der Schweizer ist steif, der Brasilianer voller Lebensfreude. Mehr positives Denken würde den Schweizern auch gut tun.» Dem stimmt seine Ehefrau zu und fügt an: «Ein beliebter Spruch hier ist ‹Nicht mein Bier, nicht mein Problem›. In Brasilien hingegen gehe ich nachsehen, ob alles in Ordnung ist, wenn beim Nachbar seit zwei Tagen das Fenster offen steht.»

Alte und Kinder brauchen in Brasilien Begleitschutz

In Brasilien das Fenster offen lassen – zu gefährlich. Für Claudia Cilene Zünd ist es «wunderbar», dass ältere Personen in der Schweiz alleine und ohne Angst zu haben auf die Strasse können. Denn in Brasilien gibt es viele Gewaltverbrechen, nicht zu reden von den Drogendelikten und der Korruption. «Dass Kinder in der Schweiz alleine zur Schule gehen können, Alte sich ohne Begleitung nicht fürchten müssen und vieles behindertengerecht ist, schätze ich sehr», sagt die diplomierte Pflegefachfrau.

Bruno Zünd ist seit 48 Jahren Fan der brasilianischen Nationalmannschaft

Und welche Mannschaft soll heute Sonntagabend siegen? Während sich Claudia Cilene nicht sonderlich für Fussball interessiert, ist hier für einmal Bruno Zünd zerrissen. Seit der WM 1970 fiebert er jeweils für die brasilianische Nationalmannschaft. Doch nun sagt der gebürtige Rebsteiner: «Ich möchte, dass die Schweiz weiterkommt. Aber eigentlich ist es egal, wer gewinnt. Hauptsache, es gibt ein schönes Fussballspiel.»

Der Fussballmatch am Fernsehen

Die Schweiz spielt gegen Brasilien am Sonntagabend (16.6.18), 20 Uhr. Das Spiel wird unter anderem von SRF 2 übertragen.

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