Chläuse und Rentiere

Weihnachtsbeleuchtungen Lämpchen leuchten überall, und sie nehmen viele Formen an. Eine nächtliche Tour durch die Lichterwelt der Ostschweiz. Roger Berhalter

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Samichlaus in Hauptwil: Die Girlande auf dem Balkon lässt den Verputz wie eine Eiswand erscheinen. (Bilder: Reto Martin)

Samichlaus in Hauptwil: Die Girlande auf dem Balkon lässt den Verputz wie eine Eiswand erscheinen. (Bilder: Reto Martin)

An der Davidstrasse in St. Gallen zuckt ein Stern in Regenbogenfarben. Der Fensterladen dahinter ist geschlossen - kein Wunder. Diese nervöse Adventsdisco will niemand ständig vor Augen haben. Hier startet unsere Tour durch die weihnachtsbeleuchtete Ostschweiz. Wir wollen das besonders Schöne, das besonders Hässliche und das besonders Grosse dokumentieren.

Verschämte Lämpchen

Auf dem Weg nach Gossau begegnen wir an der Zürcher Strasse den ersten Kletterchläusen. Einer hangelt sich gerade mit einem goldenen Rucksack hinauf in den ersten Stock. Jemand muss mit diesen Kletterchläusen viel Geld verdient haben, seit ein paar Jahren hängen sie überall. Nur lustig ist das schon lange nicht mehr.

In Gossau blicken wir ehrfürchtig hinauf zu einem Balkon an der Andwilerstrasse, wo fast 20 Sterne in Reih und Glied stehen. Mächtige Lichtersäulen, meterlange Girlanden: ein grosses Arrangement. Verschämt ducken sich am Haus gegenüber ein paar farbige Lämpchen hinter Fensterglas.

Meterhoher Stern

Wir folgen dem Stern von Bethlehem. An einem Hang bei Niederwil ist er nicht zu übersehen und leuchtet allen Autobahnfahrern den Weg.

Der Hund des Bauern, auf dessen Feld der Stern steht, mahnt aber schnell zum Aufbruch, also fahren wir weiter Richtung See. In Hauptwil finden wir den nächsten Samichlaus. Er klettert nicht, sondern thront über dem Gasgrill auf einem Balkon und glänzt im blauen Licht einer Girlande. Sie lässt den Verputz wie eine Eiswand erscheinen.

In Bischofszell erleben wir den Kampf der Weihnachtslichter. Schon von weitem blitzt uns die Girlande am Chinarestaurant an der Stockenerstrasse entgegen. Rot, Orange und Gelb jagen sich über die Fassade, und wir wundern uns, wie hier die Nachbarn schlafen können. Diese reagieren scheinbar gelassen: Im Garten auf der anderen Strassenseite sitzt ein Schneemann lächelnd im Schlitten und lässt sich von zwei Rentieren aus Lichtgirlanden ziehen.

Am Boden glimmen elektrische Kerzen auf Tannzweigen, in einer Ecke glitzert ein Christbaum - eine Lichteridylle, vor der wir eine Minute verweilen.

Plüschlöwen und Rentiere

In Amriswil neben den Bahngeleisen entdecken wir ein seltsames Wesen. Girlanden in vier Farben bilden einen Schneemann (oder ist es ein Pinguin?), der ständig flackernd den Hut aufsetzt und wieder abnimmt.

In Rorschach blenden uns auf der Hauptstrasse die Neonlichter der Autogaragen und Tankstellenshops. Erst in den Quartieren am Hang werden wir fündig - und sind verstört: Was haben Löwen aus Plüsch mit Weihnachten zu tun? Auf einem Balkon an der Wachsbleichestrasse sitzen sich zwei im Schlitten gegenüber. Vor sich zwei Rentiere gespannt, als ob die Löwen wie im Ritterturnier aufeinander losgehen wollten.

Die Engel fehlen

In Au an der Haslachstrasse sehen wir nach all den Samichläusen und Girlanden noch einmal etwas Neues: Sternenförmige Neonlichter an einer Fassade aus Sichtbeton. Weiss auf Grau. Sehr modern, eher kühl, nicht heimelig und doch schön.

Fazit unserer nächtlichen Lichtertour: Im Trend sind Rentiere, Schlitten und (leider immer noch) Klettersamichläuse. Auf der ganzen Fahrt haben wir aber keinen einzigen Engel gesehen.

Lämpchenduo in St. Gallen: Christbaumruhe trifft auf Sternendisco.

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Kletterchlaus in St. Gallen: Schon lange nicht mehr lustig.

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Plüschlöwen in Rorschach: Wie ein Ritterturnier auf dem Balkon.

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Zwitterwesen in Amriswil: Grüsst ein Schneemann oder ein Pinguin?

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