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«Campus Platztor? Nie gehört»: Die Uni hinter den sieben Bergen – was Menschen in Mels und Rapperswil über die HSG und die bevorstehende Abstimmung denken

Nächste Woche entscheidet das Stimmvolk des Kantons St.Gallen über die Erweiterung der Universität. In Mels und Rapperswil haben viele noch nie vom Campus Platztor am Rande der St.Galler Altstadt gehört. Der Hauptort ist weit weg – nicht nur geografisch.
Katharina Brenner
Die HSG will ausbauen – vielen Menschen im Kanton ist das egal. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die HSG will ausbauen – vielen Menschen im Kanton ist das egal. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Mit dem Campus Platztor würde die Universität St.Gallen (HSG) vom Rosenberg auch hinab in die Innenstadt kommen. In einer Woche entscheidet das Stimmvolk darüber, ob sich der Kanton mit 160 Millionen Franken an dem Neubau beteiligen soll.

Was halten die Bewohner im Süden und Westen des Kantons von der Vorlage? Wer sie besucht und fragt, erfährt: Viele wissen gar nichts von ihr. Andere machen ihrem Frust über den Hauptort Luft, wieder andere plädieren für Investitionen in die Bildung. Die meisten von ihnen wollen dabei lieber anonym bleiben.

1. Etappe – auf dem Dorfplatz

Sämtliche Parkplätze auf dem Melser Dorfplatz sind belegt, Bündner und St.Galler Kennzeichen wechseln sich ab. Doch die Fahrer sind bereits in Läden und Büros verschwunden, der Platz ist menschenleer. Bis auf eine Frau, die aber erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Sie steht versteckt zwischen Kaugummis, Zigaretten und Zeitschriften. Campus Platztor? Nie gehört. Kantonale Politik, fügt sie entschuldigend hinzu, sei nicht so ihres. Es ist eng im Kiosk unter dem Balkon des Melser Rathauses.

Eng ist es inzwischen auch auf dem Rosenberg. Der Campus ist für 5000 Studenten konzipiert, eingeschrieben sind derzeit 8669. Deshalb soll am Rande der St.Galler Altstadt ein neuer entstehen. Davon hat der Mann mit Schnauz, der am Kiosk vorbeigeht, noch nie gehört. «Platz wie?» St.Gallen sei «sehr, sehr weit weg». Über die Autobahn sind es gute 50 Minuten. «Wenn ich in eine Stadt will, gehe ich nach Chur», sagt der Mann und verabschiedet sich.

Weitere Passanten queren den Platz. Sie reagieren ähnlich. Und klingen dabei resigniert und amüsiert. Als hätten sie längst mit St.Gallen abgeschlossen und fänden die Frage nach der Uni deshalb irgendwie lustig. Ob sie abstimmen, wissen sie noch nicht. Kantonale Politik interessiere sie wenig und nur dann, wenn sie direkt davon betroffen seien.

Die zierliche Frau, die langsam am Coiffeursalon vorbeigeht, sieht das anders:

«Wenn die jungen Leute mehr Platz brauchen, sollen sie ihn bekommen.»

Auf dem Rathaus sei ihr Name Hedwig Vogler, aber eigentlich sei sie die Hedi. 94 Jahre ist sie alt. «Wenn die Jungen dann ihren Campus bekommen, hoffe ich, dass er schnell gebaut wird. Nicht so wie unsere Kantonsschule.» Bereits 2014 hatte das Volk für den Kanti-Neubau in Sargans gestimmt, bis heute verzögern Einsprachen den Baubeginn.

Dieses Warten stört auch einen weiteren Melser, der lieber anonym bleiben möchte. Er sagt, er könne das Wort «Dezentralisierung» nicht mehr hören. Aus dem Passbüro im Sarganserland sei nichts geworden, ebenso wenig aus der Idee eines st.-gallischen Staatsarchivs in der Region.

«Wir fühlen uns abgehängt. Das bringt die Leute dazu, bei Vorlagen, die St.Gallen betreffen, Nein zu stimmen.»

Abstimmungsresultate bestätigen das. Der Sanierung des Theaters St.Gallen stimmten vergangenes Jahr sämtliche Wahlkreise zu – bis auf das Sarganserland. Der Nutzung der Lokremise in der Stadt St.Gallen als Kulturzentrum stimmten 2008 alle Wahlkreise zu – bis auf das Sarganserland. Die Sanierung und Erweiterung der Uni St.Gallen befürworteten 2005 sämtliche Gemeinden bis auf zwei: Flums und Quarten.

Angesprochen auf den Campus Platztor sagt eine Frau, 68, sie fahre nur nach St.Gallen, wenn sie in die Augenklinik müsse. «Oder um den Ausweis zu verlängern.» Sie wird lauter: «Dass sie uns das nicht hier machen lassen!» Ihre Kollegin, 55, meint:

«Wir werden in St.Gallen einfach vergessen. Als würden wir irgendwo hinter den sieben Bergen leben.»

Trotzdem haben die beiden für den Campus Platztor gestimmt. «Weil Bildung sehr wichtig ist.»

2. Etappe – am Ufer

Die Fahrt von Mels nach Weesen führt vorbei an den Churfirsten vor wolkenlosem Himmel. Der Walensee glitzert türkisblau vor sich hin, und es ist gut, dass Tunnel den Blick immer wieder zurück auf die Strasse führen. Wer am Ufer in Weesen mit Weesnern sprechen möchte, sucht sie vergeblich. Stattdessen trifft er einen Velofahrer aus Schwyz, eine Frau mit zwei Enkelinnen aus Glarus und eine Gruppe junger Männer aus Winterthur, die Fussball spielen.

Dann, endlich, ein Paar, das zwar in ferienhafter Naturandacht schlendert, aber tatsächlich aus Weesen kommt. Doch es winkt ab. «Mit Politik haben wir gar nichts am Hut», sagt er und geht, die Frau an seinem Arm eingehakt, zügig weiter.

3. Etappe – am Bahnhof

Die Berge im Rücken, die Ebene im Blick, geht es weiter nach Uznach. Am Bahnhof sitzt auf einer Bank eine Frau, eine Zigarette in der Hand. Vom Campus Platztor weiss sie nichts.

«Es gibt eine klare Trennung im Kanton, den Ricken. Uns ist es egal, was in St.Gallen passiert.»

Ein paar Meter weiter wartet August Eicher auf seinen Bus, Jahrgang 1948. Er ist gegen die Vorlage. «Es gibt viel zu viele Akademiker. Wir müssen das Handwerk aufwerten.» Und der Spesenskandal an der Uni St.Gallen sei abschreckend, auch wenn ihn das nicht besonders überrascht habe. Machtspiele gebe es überall.

4. Etappe – in der Stadt

Hinter dem Fahrerfenster wird Gras zu Schilf und Land zur Stadt. An der Promenade in Rapperswil-Jona macht ein Bub an der Hand seiner Mutter babyspeckbeinige Schritte. Die italienischen Restaurants sind gut besucht. Ein paar Gassen weiter fotografiert sich eine Reisegruppe mit den Kirchtürmen, Paare schlendern händchenhaltend durch die Altstadt. Die zweitgrösste Stadt im Kanton strahlt aus, dass sie ein Zentrum ist.

Wenn die Befragten hier sagen, St.Gallen liege weit weg, schwingt in ihren Stimmen keine Frustration mit, sondern eine Art Stolz und Zufriedenheit. «Wir sind jetzt sogar in Bern vertreten», sagt eine Frau und spielt auf den frisch gewählten Ständerat Benedikt Würth an. Sie und ihr Mann haben Ja für den Campus Platztor gestimmt. In Bildung zu investieren, sei sehr wichtig. Das sagen auch andere. Mit der Fachhochschule hat Rapperswil eine eigene bedeutende Bildungseinrichtung – und bald auch den Rektoratssitz der neuen Fachhochschule Ost.

Den meisten Befragten ist die Platztor-Vorlage allerdings kein Begriff. Wie zur Rechtfertigung schieben einige nach: «Wir sind hier sehr stark nach Zürich orientiert.»

5. Etappe – am Fluss

In Wattwil dreht der Feierabendverkehr am Kreisel vor dem Bahnhof seine Runden. Cindy Wunderli, 26, und Konrad Abderhalden, 29, aus Krummenau passieren die Brücke über die Thur. Sie haben sich noch nicht näher mit dem Campus beschäftigt, haben es aber vor. Vorlagen, welche die Bildung fördern, würden sie immer befürworten. Wunderli studiert Psychologie in Zürich. Könnte sie das Fach in St.Gallen studieren, würde sie es machen. «St.Gallen ist einfach viel näher.» Damit meint sie nicht nur die geografische Nähe.

Eine ältere Frau, die mit ihrem Mann am Fluss entlang geht, sagt, sie habe Ja gestimmt.

«Die Jugend muss doch etwas haben. Weiterbildungen sind so wichtig.»

Ihr Mann stimme nicht mehr ab, er sei dement. Still steht er neben ihr. Ein paar Schritte weiter schiebt eine Frau einen Kinderwagen. Sie zögert kurz, dann sagt sie: «Ich habe ein Nein eingelegt. Weil die Uni heute schon viel zu voll ist.» Man sollte lieber etwas für die Jungen tun. Sie zeigt auf ihre Enkelin, die mit einem Stöckchen spielt.

Nutzt der Campus Platztor nicht vor allem den Jungen? Dieses «immer grösser, immer mehr» störe sie. Deshalb sei sie auch gegen das Klanghaus in Wildhaus – über das ebenfalls am 30. Juni abgestimmt wird. Aber das sei ein ganz anderes Thema.

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