BUSSNANG: Rösseler fürchten um Einstellplätze

Nachdem Besitzer Chrigel Meier tödlich verunglückt ist, steht der Pferdehof im thurgauischen Lanterswil vor einer ungewissen Zukunft. Meiers Partnerin Vera Widmer und die Pferdehalter haben Angst vor der Kündigung.

Samuel Koch
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Die Pferdebesitzerinnen auf dem Pferdehof Meier in Lanterswil wollen sich gegen die drohenden Kündigungen wehren. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Pferdebesitzerinnen auf dem Pferdehof Meier in Lanterswil wollen sich gegen die drohenden Kündigungen wehren. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

BUSSNANG. Der Himmel weint. Es schüttet ununterbrochen wie aus Kübeln. Die Pferde stehen ausserhalb des Stalls im Regen. Die Arbeiter gehen in Gummistiefeln ihren Pflichten, die Rösseler in Pelerinen ihrer Leidenschaft nach. Die Stimmung auf dem Pferdehof in Lanterswil ist gedrückt. Schuld daran ist nicht das miese Wetter, sondern der Schmerz über den plötzlichen Tod von Chrigel Meier. Der Besitzer des Pferdehofs ist am 9. März beim Holzfällen ums Leben gekommen.

Der 50jährige Vater von zwei Töchtern besass lange Zeit über 70 Kühe und war einer der ersten Schweizer Bauern, die einen Melkroboter einsetzten. Vor drei Jahren lernte er Vera Widmer kennen, verliebte sich in sie und krempelte zusammen mit ihr alles um. Meier verkaufte seine Kühe und setzte auf Pferde. «Wir haben zusammen den Pferdehof aufgebaut», sagt Widmer. Meiers zwei Töchter – 22 und 20 Jahre alt – waren oft zu Besuch. Jetzt können sie als Erbinnen über die Zukunft des rund 22 000 Quadratmeter grossen Hofs entscheiden.

Pferde und Zusammenhalt

Mittlerweile nutzen über zwei Dutzend Pferdebesitzer den Hof als Pension für ihre Tiere. «Der Pferdehof Meier ist nicht irgendein Hof», sagt Viola Faller. «Hier haben es die Pferde richtig schön, und sie werden artgerecht gepflegt.» Faller hat ihre «zwei Lieblinge» erst seit Anfang Jahr in Lanterswil eingestellt. Dennoch hat sie schon viele neue Freundschaften geschlossen. «Wir sind wie eine Familie mit grossem Zusammenhalt», sagt Faller und betont, dass immer mehr Pferdebesitzer ihre Tiere auf Meiers Hof bringen wollten – auch von weit her, aus Winterthur oder dem Toggenburg. «Es gab sogar eine Warteliste», sagt Viola Faller. Das Geschäft lief so gut, dass Chrigel Meier und Vera Widmer einen Arbeiter anstellen konnten. Trotzdem dachten sie nicht daran, sich auf dem Geleisteten auszuruhen. Sie waren innovativ, nutzten Kompost als Einstreu oder erfanden eine spezielle Futteranlage, damit die Pferde nicht zu viel frassen. «Wir waren ein bisschen verrückt, aber ein perfektes Team», sagt Vera Widmer.

Nebst dem Schmerz über den Tod ihres Lebenspartners fürchtet sie nun um die Zukunft des Pferdehofs. Denn verheiratet waren Widmer und Chrigel Meier nicht. Deshalb sind Meiers zwei Töchter als rechtmässige Erbinnen die neuen Besitzer des Pferdehofs.

«Ich bin definitiv raus», hält Widmer fest. «Klar tut es sehr weh», sagt sie. Sie habe sich seither trotzdem weiter um den Pferdehof gekümmert. «Wir haben so viel Herzblut hineingesteckt.» Der Kontakt zu den beiden Töchtern sei grösstenteils abgebrochen. «Sie besuchen jeweils freitags ihre Grossmutter, die hier wohnt», sagt sie. Miteinander gesprochen hätten sie bisher jedoch nicht. Kontakt habe sie lediglich mit dem Treuhänder der Familie.

Ungewissheit um Kündigungen

Für gestern Samstag war eine Aussprache mit den Erbinnen und den Pferdehaltern über die Zukunft des Pferdehofs geplant gewesen. Diese wurde abgesagt. Seit einer Nachricht des Treuhänders am Freitag sorgen sich Widmer und die Pferdebesitzer definitiv um die Zukunft des Pferdehofs. In der Nachricht stand, dass alle Einstellplätze auf Ende Juni gekündigt würden. «Wir stehen im luftleeren Raum und wissen nicht, wie es weitergeht», stellt etwa Juliane Rabe-stein fest.

Weil keine Klarheit besteht, kommen vermehrt Spekulationen und Gerüchte auf. «Wir verlangen doch nur, dass uns die Absicht der Töchter klar und ehrlich mitgeteilt wird, ohne dass die Kommunikation um drei Ecken geht», sagt Juliane Rabestein. «Sie haben ihren Vater verloren, und das muss schrecklich sein», zeigt sie ihr Mitgefühl. Dennoch habe sie als Mieterin ein Anrecht darauf, zu wissen, ob und wann sie sich einen neuen Platz für ihr Pferd suchen müsse. «Auf die Schnelle etwas Ähnliches zu finden, ist unmöglich», betont Rabestein – «auch nicht für teureres Geld.»

Auf Anfrage lässt die ältere der beiden Töchter ihren Anwalt Peter Dünner sprechen. «Die Nachfolgeregelung für den Pferdehof benötigt zuerst eine klare Auslegeordnung», sagt dieser. Es sei alles noch zu frisch. «Wir wollen den Ball flach halten. Schriftliche Kündigungen liegen definitiv noch keine vor», betont Dünner. Zuerst müssten die verschiedenen Verträge inhaltlich geprüft werden. «Wir werden uns mit Vera Widmer und den Pferdehalterinnen in Verbindung setzen und auf eine gemeinsame Lösung zielen.»

«Das wäre auch im Sinn von Chrigel gewesen», sagt Vera Widmer mit Tränen in den Augen. «Ich hoffe, dass die Unsicherheiten möglichst schnell beseitigt sind und wir gemeinsam eine gute Lösung finden.»