Busse für einmal Sprühen

Weil sie vor zwei Jahren in Lutzenberg ein Ehepaar mit dem Pfefferspray angegriffen hatte, hat das Ausserrhoder Kantonsgericht eine Frau wegen Tätlichkeit zu einer Geldstrafe verurteilt.

Margrith Widmer
Merken
Drucken
Teilen

Der Zoff zwischen den verfeindeten Ehepaaren dauerte seit Jahren. Dann eskalierte der Zwist: Als die Beschuldigte sah, dass ihr Mann vom – nach ihren Aussagen – anderen, kräftigeren und grösseren Mann bedroht wurde, besprühte sie das gegnerische Paar mit Pfefferspray. Gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft wegen vorsätzlicher Tätlichkeit – 500 Franken Busse und 390 Franken Gebühren und Kosten – erhob sie Einsprache. So kam es zum Prozess.

«Ich schlag ihn runter»

Die Beschuldigte hatte ihrer Nachbarin ins Gesicht gesprüht. Das hatte laut Staatsanwaltschaft starkes Brennen und Rötungen der Augen, Stirn, Wangen und Unterarme zur Folge. Die Getroffene stellte Strafantrag wegen Tätlichkeit. Deren Mann bekam nur wenig Spray ab; er zog seinen Strafantrag zurück.

Die 50-Jährige gestand die Pfefferspray-Attacke. Sie habe den Mann treffen wollen, nicht die Frau, sagte die Beschuldigte. Die drei hätten sich «megalaut» gezankt. Der Nachbar sei mit erhobener Faust vor ihrem Gatten gestanden und habe gedroht: «Ich schlag ihn runter.» Er solle weggehen, wenn ihm sein Leben lieb sei.

Anklage: Keine Bedrohungslage

Laut Anklage bestritt der Nachbar die Drohung. Der Staatsanwalt war der Ansicht, weder für die Beschuldigte noch für deren Ehemann habe eine Notwehr- oder Notstandssituation bestanden. Auch Putativ-Notwehr – wenn der Täter irrigerweise einen Sachverhalt für gegeben hält – scheide aus, da die Bedrohungslage nicht bewiesen sei. Der Gatte der Täterin habe sich nicht einmal ansatzweise in ernsthafter Gefahr befunden. Die Staatsanwaltschaft sah in der Notwehrsituation eine Schutzbehauptung. Am Wohnort der Ehepaare herrschte, so die Gerichtsvorsitzende, «normaler Kriegszustand». Den Antrag des Verteidigers, den Nachbarn zu befragen, lehnte sie ab. Die fehlende Konfrontationseinvernahme sei kein Mangel.

Der Verteidiger plädierte auf Freispruch wegen entschuldbarem Notstand und Putativ-Notwehr. Vorausgegangen seien strafrechtliche Auseinandersetzungen, mehrfache Drohungen und üble Nachrede des Paars.

Nazi-Embleme und Vorstrafen

Der Nachbar sei vorbestraft, unter anderem wegen Drohungen und sexuellen Handlungen. Ausserdem habe er Nazi-Embleme aufgehängt und die Beschuldigte jahrelang drangsaliert. Etwa habe er Plakate gegen ihren Mann aufgestellt. Die Bedrohungslage sei vorhanden, der Nachbar völlig ausser sich gewesen. Die Mandantin habe die andere Frau fahrlässig getroffen.

Kein Rechtfertigungsgrund

Die Einzelrichterin verurteilte die Angeklagte wegen Tätlichkeit zu einer Busse von 500 Franken und Kosten von 1260 Franken. Sie habe eine Verletzung der Widersacher in Kauf genommen. Das sei Eventualvorsatz, verbunden mit einem fehlgehenden Schlag. Es gebe keine Rechtfertigung. Dennoch zeigte die Richterin Verständnis: «Ich kann Sie verstehen. Aber Sie hätten davonlaufen und die Konfliktsituation auflösen können.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.