Bundesratsentscheid
«Als wären wir die Pandemietreiber!» – St.Galler Vertreter aus Gastronomie, Gewerbe und Kultur reagieren konsterniert auf die Ansage des Bundesrates

Der Bundesrat hat kein Musikgehör für die Gastrobranche. Restaurants und Bars bleiben einen weiteren Monat geschlossen. Wir haben verschiedene Gastronomen, Gewerbler und Theaterschaffende im Kanton St.Gallen befragt.

Marcel Elsener, Regula Weik und Christoph Zweili
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Gemäss Vorschlag des Bundesrats sollen die Gastrobetriebe ihre Gartenterrassen erst ab 1. April wieder öffnen dürfen.

Gemäss Vorschlag des Bundesrats sollen die Gastrobetriebe ihre Gartenterrassen erst ab 1. April wieder öffnen dürfen.

Bild: Urs Bucher

Der St.Galler Gastropräsident Walter Tobler reagiert mit Unverständnis und Konsternation auf die Botschaft des Bundesrats vom Mittwoch. Tobler knüpft in einer ersten Reaktion an frühere Aussagen an:

«Wir kommen uns vor wie die Pandemietreiber. Das sind wir aber nicht – nur gerade drei Prozent der Covid-19-Ansteckungen finden in der Gastronomie statt.»

Toblers grundsätzlicher Tenor: Bundesbern sei erneut zu zögerlich unterwegs:

«Am 1. April vielleicht die Gartenterrassen öffnen zu können, gibt uns keine Perspektive. Die haben wir aber dringend nötig.»
Gastropräsident Walter Tobler.

Gastropräsident Walter Tobler.

Bild: Urs Bucher

Dazu komme, dass die Hürden für die Lockerung der Corona-Massnahmen «extrem hoch» seien. Es gebe Restaurantsbetriebe, die wegen der Restriktionen der Behörden Zehntausende Franken investiert hätten: «Die könnte man mit den entsprechenden Schutzkonzepten genauso problemlos öffnen wie die Läden.»

Die Öffnung der Gartenterrassen bringe «gar nichts», sagt Tobler:

«Wer will schon in dieser Jahreszeit auf der Terrasse ein Drei-Gänge-Menü zu sich nehmen?»

Weihnachten für Wirte

Die Gutschein-Aktion in den rund 1000 Mitgliedsbetrieben von Gastro St.Gallen hatte Erfolg. Und wie: «Einige Hunderttausend Franken an Gutscheinen für entgangene Weihnachtsessen und andere Feierlichkeiten liegen auf meinem Konto,» sagt Präsident Walter Tobler. Die will er wieder loswerden. Und so stellt er sich das vor: Kunden, die im «Goldenen Schäfli» essen wollen, melden sich beim Wirt und verlangen zum Beispiel einen Gutschein über 100 Franken. Statt der 100 Franken erhält der Wirt einen Gegenwert von 110 Franken. «Das ist ein Beitrag an die Liquidität der Unternehmen», sagt Tobler. Die Aktion dauert noch bis Ende 2021.

Tobler, der zusammen mit seinem Sohn die «Linde» in Roggwil betreibt und auch die «Huus-Braui» in Roggwil führt, ist von den Entscheiden des Bundesrats unmittelbar betroffen. Anders als der Kanton St.Gallen, der im Härtefallregime nach einem Entscheid des Parlaments nun konsequent und mehrheitlich auf A-Fonds-Perdu-Beiträge setzt, setze der Kanton Thurgau ausschliesslich auf Darlehen. Tobler betont:

«Wir wollen uns aber nicht verschulden. Wir haben zwar einen Covid-19-Darlehen beantragt und auch erhalten. Aber wir rühren diesen Kredit nicht an!»

Die Gastrobranche habe sich im vergangenen Jahr so hoch verschuldet wie noch nie zuvor. Toblers persönliche Devise heisst:

«Gürtel enger schnallen, Augen zu und durch!»

«Die Kantone müssen sich endlich gegen den Bundesrat wehren»

Für viele Betriebe sei es «finanziell desaströs», wenn sie noch länger geschlossen halten müssten, sagt der St.Galler SVP-Nationalrat und Beizersohn Mike Egger:

Mike Egger, St.Galler SVP-Nationalrat.

Mike Egger, St.Galler SVP-Nationalrat.

Bild: Alessandro Della Valle/KEY
«Es geht überhaupt nicht darum, marode Betriebe am Leben zu erhalten. Aber was nun geschieht, das geht auch gesunden Unternehmen an die Substanz.»

Und vor allem: Es belaste die Betriebsinhaber, Geschäftsführer und alle Mitarbeitenden zunehmend nicht nur finanziell, sondern auch psychisch.

«Sie wollen arbeiten. Sie wollen nicht auf Almosen angewiesen sein. Ihr Leidensdruck ist enorm.»

Dass der Bundesrat in einem weiteren Schritt dann zunächst einfach eine Terrassenöffnung in Betracht ziehe, sei ein weiterer Hohn, sagt Egger. Viele Gastrobetriebe hätten keine riesige Terrasse oder Gartenbeiz. «Der Platz ist beschränkt, die Verdienstmöglichkeit eingeschränkt. Und wer es dennoch tut, fällt womöglich aus der Entschädigungszahlung raus.» Das ärgert Egger: «Einmal mehr werden all jene bestraft, die etwas tun.»

Auch wenn nun Härtefallgelder und Coronakredite bereitstünden: «Der Formular-Dschungel ist enorm», sagt Egger. Für das korrekte Ausfüllen müsse man «nahezu studierter Betriebswirtschafter sein oder einen Treuhänder beiziehen».

Von der St.Galler Regierung erhofft sich Egger, dass sie sich für eine schnellere Lösung für die Gastrobranche einsetzt. «Ich erwarte ein klares Zeichen. Die Kantone müssen sich endlich gegen den Bundesrat wehren.» Es gehe nicht länger an, dass die Landesregierung das nationale Parlament und auch sämtliche Stimmen, die sich für Lockerungen entsetzen, einfach ignoriere.

Esther Friedli: Terrassenöffnung bringt nicht viel

Esther Friedli, St.Galler Nationalrätin

Esther Friedli, St.Galler Nationalrätin

Bild: Alessandro Della Valle/KEY

Die SVP kämpft vehement dafür, dass sich die Menschen in der Schweiz endlich wieder frei bewegen können. Öffnen, öffnen, öffnen – so tönt es aus ihren Reihen. Was sagt die Toggenburger Nationalrätin Esther Friedli, die selber eine Landbeiz führt, zu den aktuellen Lockerungsvorschlägen des Bundesrats? Sie habe gehofft, ab März wieder Gäste bedienen zu dürfen. «Ich fordere klar, die Restaurants unter Einhaltung der Schutzkonzepte wieder zu öffnen.»

Sollten die Gastronomen tatsächlich erst wieder im Mai in den Gaststuben wirten dürfen, wäre dies «furchtbar – viele Betriebe haben keinen so langen Schnauf mehr». Eine allfällige Öffnung Anfang Mai sei keine Perspektive für die Branche –

«das geht noch zweieinhalb Monate, so lange dürften wir noch immer keine Gäste bedienen, wenn es nach dem Bundesrat geht».

Der Vorschlag des Bundesrats, ab April die Terrassen zu öffnen sei «gut gemeint», sagt die Nationalrätin. «Das bringt nicht viel, dafür aber neue Probleme.» Wer wolle denn schon an einem kühlen, regnerischen Apriltag auf einer Restaurantterrasse oder in einer Gartenbeiz sitzen – ohne Ausweichmöglichkeit in die warme Gaststube. Hinzu komme, dass die Platzzahl auf der Terrasse bei vielen Restaurants beschränkt sei. «So lässt sich betriebswirtschaftlich kaum arbeiten. Es hilft nur eine allgemeine Öffnung – und dies auch abends.»

Was Friedli gar nicht will und vehement bekämpft, dass die Gastrobetriebe am Abend um 19 Uhr zusperren müssen:

«Der Besuch eines Restaurants ist ungefährlicher als eng im ÖV unterwegs zu sein, und der ist ja erlaubt.»

Auch sie hofft, dass die Kantone Widerstand bieten und Druck ausüben – auf dass die Restaurants zügig öffnen können. «Das wäre das einzig Richtige.»

Linus Thalmann: Von «Sehr zufrieden» zu «zufrieden»

SVP-Kantonsrat Linus Thalmann.

SVP-Kantonsrat Linus Thalmann.

Bild: Benjamin Manser

«Klar, der Gastrobranche geht es schlecht», sagt der Kirchberger Gastrounternehmer und SVP-Kantonsrat Linus Thalmann. Doch mit dem neuen Härtefall-Regime im Kanton sei nun klar: Die ungedeckten Fixkosten würden über A-fonds-Perdu-Beiträge gedeckt. «Das ist einfach und simpel gesagt ein klarer Fortschritt», sagt Thalmann, der sich für das Jahr 2020 nun «zumindest eine schwarze Null» verspricht.

Erhält er Geld vom Staat? Der Geschäftsführer der Hotel Toggenburgerhof AG in Kirchberg führt das gleichnamige Hotel und das Unternehmen Mountain Event, das Konzertveranstaltungen organisiert und Catering anbietet. Für beide Unternehmen hat Thalmann ein Härtefallgesuch gestellt – für eines liegt die Verfügung des Kantons bereits vor. Konkreter will er nicht werden. Seine Ansage ist aber deutlich:

«Gastro St.Gallen setzt sich nicht dafür ein, dass man alle Betriebe retten muss.»

Von der St.Galler Regierung wünscht sich Thalmann, dass sie sich beim Bund für eine schnellere Lockerung einsetzt – «damit wir endlich wieder Umsatz machen können».

St.Galler Gewerbe: Mehr Tempo bei den Lockerungen

Diese Erwartung hat auch der kantonale Gewerbeverband: Die Regierung soll auf ein höheres Tempo bei den Lockerungen pochen; der Bundesrat gehe «sehr zögerlich» vor. Und: Den von der Schliessung betroffenen Branchen müssten konkrete, klare Perspektiven aufgezeigt werden:

«Das ist unabdingbar.»

Bereits Anfang Woche hatte sich der Gewerbeverband mit einem offenen Brief an die Regierung gewandt. Das Schreiben schloss mit den Worten:

«Wir wollen öffnen, arbeiten und uns begegnen.»

Werner Signer: «Die Freude, vor Publikum zu spielen, ist gross»

Werner Signer, Geschäftsführender Direktor Theater St.Gallen

Werner Signer, Geschäftsführender Direktor Theater St.Gallen

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Dass das Aufführungsverbot über den Februar hinaus in Kraft bleiben würde, ist für Werner Signer, den Geschäftsführenden Direktor des Theaters St.Gallen, keine Überraschung. «Wir werden im März unser Streaming- und Videoprogramm intensivieren, gleichzeitig laufen die Proben für die geplanten Produktionen unvermindert weiter. Wir werden also bereit sein, wenn die Lichter wieder angehen dürfen.» Für den April habe der Bundesrat die Öffnung der Theater und Konzertsäle «im engen Rahmen» in Aussicht gestellt.

«Es freut uns, dass er beim zweiten Lockerungsschritt auch an die Kultur gedacht und diese bei der Information vom Mittwoch explizit erwähnt hat.»

Natürlich bleibe ein Wermutstropfen: Der Zusatz «im engen Rahmen» werfe «schon einige Fragen» auf. «Wir hoffen, dass diesmal die erlaubte Besucherzahl im Proporz zur Grösse der Säle festgelegt wird. Und ganz klar: Die Vorfreude, wieder vor Publikum zu spielen, ist gross», betont Theaterdirektor Werner Signer.