Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BUNDESGERICHTS-URTEIL: Sonntagsarbeit verboten: St.Galler MS Direct entlässt 15 Callcenter-Mitarbeitende

Bisher hat niemand so genau hingeschaut, wenn sonntags die Telefone heiss liefen. Doch nun hat das Seco der MS Direct AG keine Bewilligung für Sonntagsarbeit mehr erteilt. Die Firma muss 15 Mitarbeiter entlassen und verlagert die Arbeitsplätze nach Österreich.
Janina Gehrig
Im Callcenter der MS Direct AG in St.Gallen arbeiten mehrheitlich Frauen mit Teilzeitpensen. (Bild: Benjamin Manser)

Im Callcenter der MS Direct AG in St.Gallen arbeiten mehrheitlich Frauen mit Teilzeitpensen. (Bild: Benjamin Manser)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

  • Wegen des jüngsten Bundesgerichtsentscheids in Sachen Sonntagsarbeit gegen die MS Direct AG in St.Gallen muss deren Callcenter 15 Mitarbeitende entlassen.
  • Die Arbeitsplätze werden nach Österreich verlagert, wo Sonntagsarbeit erlaubt ist.
  • «Wir hätten die Arbeitsplätze hier behalten wollen», sagt MS-Direct-Chef Milo Stössel.
  • Verkaufsaktivitäten am Sonntag, die nicht besonderen Kriterien genügen, sind in der Schweiz verboten. Bisher liessen die Aufsichtsbehörden die MS Direct damit allerdings gewähren.


«Willkommen bei HSE24»: Mit diesem Satz beispielsweise begrüssen Callcenter-Mitarbeiterinnen der MS Direct AG ihre Kundinnen und Kunden. Diese sehen gerade Mikrofaserreinigungstücher, Sammlermünzen, Haarkuren oder einen Body aus der Schlankstütz-Kollektion über den Bildschirm des Shoppingsenders flimmern und möchten das Produkt bestellen. Gesendet wird sieben Tage die Woche.

Ab sofort werden die Telefone an der Fürstenlandstrasse in St.Gallen sonntags aber nicht mehr bedient. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat der Firma, die auch für andere Versandhäuser Bestellungen aufnimmt und Kunden berät, das Gesuch um die Bewilligung der Sonn- und Feiertagsarbeit verweigert. Nun stützt das Bundesgericht diesen Entscheid.

Vor allem Studenten und junge Mütter

Das ist für Geschäftsleiter Milo Stössel «sehr ärgerlich», bedeute es doch für zehn Prozent seiner Mitarbeiter gar das Ende ihrer Anstellung bei der MS Direct AG. «Wir mussten 15 Personen entlassen, weil wir sie sonntags nicht mehr beschäftigen können. Es handelt sich hier vor allem um Studenten und junge Mütter, die jeweils am Wochenende gear­beitet haben», sagt Stössel. Die Schicht aufrechtzuerhalten, nur um Kundenanfragen entgegenzunehmen, sei zu teuer gewesen. Deshalb werde man die Arbeitsplätze nach Österreich verlagern, wo Sonntagsarbeit erlaubt sei. Das komme die Firma zwar günstiger zu stehen, sei aber eigentlich nicht in ihrem Sinne. «Wir wollten die Arbeitsplätze in St.Gallen halten», sagt Stössel.

Milo Stössel, Chef von MS Direct. (Bild: Benjamin Manser)

Milo Stössel, Chef von MS Direct. (Bild: Benjamin Manser)

Er hatte mit seinem Anwalt jahrelang gegen die Bewilligungspraxis des Seco gekämpft. Vergeblich. Bereits im April 2017 hatte das Bundesverwaltungs­gericht den Entscheid des Seco gestützt, worauf die MS Direct AG ans Bundesgericht gelangte. Doch auch dieses kam in seinem Urteil von vergangener Woche zum Schluss, dass die «Betreuung von Kunden eines Shoppingsenders zum Zweck des Einkaufs rund um die Uhr als kommerzielle Dienstleistung zu qualifizieren» sei. Eine Bewilligung sei in diesem Falle nicht zu erteilen. Nacht- und Sonntagsarbeit sind hierzulande grundsätzlich verboten. Um eine Ausnahmebewilligung zu erhalten, muss ein Betrieb gemäss Arbeitsgesetz ein «dringendes Bedürfnis» oder eine «technische oder wirtschaftliche Unentbehrlichkeit» nachweisen können. So etwa Bäckereien, wo nachts gearbeitet ­werden muss, Radio- und Fernsehbetriebe, deren Produktion weiterläuft, oder auch Theater- oder Kinobetriebe. Die MS Direct begründete ihr Begehren mit der wirtschaftlichen Unentbehrlichkeit für das Unternehmen. Dabei berief sich die Firma auf die Konkurrenz deutscher und österreichischer Callcenter.

Dem widerspricht das Bundesgericht in seinem Urteil. Auch in Deutschland gebe es in Bezug auf den Versandhandel keine Ausnahmen vom Sonntagsarbeitsverbot. Da keine ausländische Konkurrenzsituation vorliege, sei es auch nicht relevant, ob mit der Bewilligung Arbeitsplätze hätten gesichert werden können, sagt Isabel Herkommer, Mediensprecherin beim Seco, auf An­frage der «Ostschweiz am Sonntag».

Stössel gibt sich damit nicht zufrieden. «Diese Regelung ist nicht mehr zeitgemäss», sagt er. Er gehe davon aus, dass sich die Gesetzeslage in Deutschland bald ändern werde und Sonntagsarbeit in Callcentern landesweit zugelassen werde.

Eigentlich war der Verkauf schon immer verboten

Bleibt die Frage, warum das Seco der Firma erst jetzt die Bewilligung verweigert, nachdem ihr diese während über zehn Jahren und letztmals bis Ende Januar 2014 erteilt worden war? Laut Seco hat sich die Gesetzeslage nicht geändert. Die Bewilligungen für die Sonntagsarbeit seien erteilt worden, um den Kundendienst zu gewährleisten – allerdings habe die Bewilligung nicht für «Verkaufs- oder verkaufsähnliche Aktivitäten» gegolten.

Hat sich Stössel einfach darüber hinweggesetzt? «Wir haben jahrelang so gearbeitet. Tatsächlich hat sich niemand daran gestört, weder die Mitarbeiter noch die Kunden», sagt er. Auch sei die Firma nie angezeigt worden. Die Kontrolle über die Einhaltung des Arbeitsgesetzes obliegt den kantonalen Arbeitsinspektoraten. Stellen diese fest, dass Mitarbeiter unrechtmässig während der Nacht oder sonntags beschäftigt werden, können die Inspektorate Anzeige erstatten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.