Bundesgericht rügt St.Galler Staatsanwaltschaft: Sie liess den Verdacht des sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen vorschnell fallen

Ihre Töchter seien von ihrer Babysitterin sexuell missbraucht worden, davon ist eine St.Galler Mutter überzeugt. Nicht so die Staatsanwaltschaft des Kantons. Sie stellte das Verfahren ein. Dafür ist sie nun vom Bundesgericht teilweise gerügt worden.

Noemi Heule
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Blackbox Smartphone: Allfällige verfängliche Fotos auf dem Handy der beschuldigten Babysitterin könnten klären, ob es im Dezember 2018 zum Kindsmissbrauch kam – oder ob das Verfahren endgültig fallen gelassen wird.

Blackbox Smartphone: Allfällige verfängliche Fotos auf dem Handy der beschuldigten Babysitterin könnten klären, ob es im Dezember 2018 zum Kindsmissbrauch kam – oder ob das Verfahren endgültig fallen gelassen wird.

Bild: Bernd Lucka / www.plainpicture.com

Am Schluss sind es zwei Gegenstände, die doch noch Gewissheit schaffen könnten. Ein Handy und eine Fotokamera. Sie könnten Beweisfotos bergen, die zeigen, ob es am 21. Dezember 2018 zum sexuellen Missbrauch an zwei Mädchen kam, wie es eine Mutter aus dem Kanton St.Gallen befürchtet. Oder sie könnten die Auffassung der Staatsanwaltschaft bestätigen, wonach dies nicht der Fall war – oder sich der Verdacht zumindest nicht erhärten lässt.

Der Verdacht

Der Anruf ging am Heiligabend 2018 bei der St.Galler Notrufzentrale ein. Die Opferhilfe meldete einen Vorfall, den ihr eine Mutter zugetragen hatte. Ihre Töchter, drei und vier Jahre alt, seien drei Tage zuvor von der Babysitterin sexuell missbraucht worden. Ihre Schilderung gibt das Bundesgericht knapp wieder: Ihr Kind habe nach dem Besuch bei der Babysitterin die Unterhose verkehrt herum getragen. Sie seien beim Spielen nackt gewesen, hätten die Töchter erklärt. Später erzählten sie von Berührungen im Intimbereich, einem Fieberthermometer – und von Fotos, die dabei gemacht worden seien.

Das Nachspiel

Der Notruf markierte den Anfang eines Strafverfahrens wegen sexueller Handlungen mit Kindern, das drei Monate später, am 1. April, wieder eingestellt wurde. Zum Unmut der Familie. Sie wandte sich ans Kantonsgericht. Dieses stützte den Entscheid und wies die Beschwerde im August 2019 ab. Der Grund: Die Vorwürfe stützten sich nur auf die Aussagen der Eltern. Objektive Beweise oder unabhängige Drittpersonen gebe es nicht.

Das Urteil

Die Richter in Lausanne kamen nun zu einem anderen Schluss. Sie hiessen die Beschwerde teilweise gut. Auf den möglichen Missbrauchsvorfall ging das Bundesgericht naturgemäss nicht näher ein, stattdessen beurteilte es das Vorgehen der Vorinstanzen. Konkret beleuchtete es vor allem zwei Unterlassungen der Untersuchungsbehörde.

Die fehlende Befragung

Die Staatsanwaltschaft hatte darauf verzichtet, die beiden mutmasslichen Opfer zu befragen. Eine Befragung des jüngeren Mädchens mache keinen Sinn, weil es zum fraglichen Zeitpunkt erst drei Jahre alt gewesen sei. Auch das ältere, vierjährige Mädchen wurde nicht befragt. Die Vorinstanz urteilte: Es sei möglich, dass belastende Aussagen nicht die Erinnerung wiedergeben würden, sondern durch gezieltes Nachfragen entstanden seien. Dies, weil der Vorfall in der Familie immer wieder Thema gewesen sei. Eine Befragung sei deshalb zwecklos oder gar unnötig belastend. Die Mutter hält dagegen: Es sei ihr heute noch präsent, was sie an jenem Tag erlebt habe.

Der blinde Fleck

Während das Bundesgericht die St.Galler Staatsanwaltschaft in diesem Punkt stützte, wies sie es in einem anderen zurecht: Die Strafverfolger verzichtete auch darauf, die Kamera und das Handy der Babysitterin genau unter die Lupe zu nehmen. Die Polizei hatte die Geräte zwar im Januar gesichtet, weil sie keine Hinweise auf Nacktfotos fand, wurden die Daten allerdings nicht forensisch ausgewertet. Damals wusste die Frau aber bereits von den Vorwürfen und hätte verfängliche Fotos problemlos löschen können, heisst es im Bundesgerichtsurteil. Weil dies die «letzte Möglichkeit» sei, den Sachverhalt zu ermitteln, muss das Untersuchungsamt Uznach dieses Versäumnis nun nachholen.