Bund verärgert Polizeitaucher

ST.GALLEN. Eine neue Verordnung von Bern stösst bei vielen Polizeitauchern auf Ablehnung. Sie sollen neu bei den Tauchgängen eine Vollgesichtsmaske tragen und sich mit einer Sicherheitsleine ans Boot binden. Diese Vorschrift befolgen nicht alle.

Leandra Fiechter
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Polizeitaucher der Kantonspolizei St. Gallen während einer Einsatzübung. Hier tragen die Taucher noch die alten Masken. (Bild: Kapo SG)

Polizeitaucher der Kantonspolizei St. Gallen während einer Einsatzübung. Hier tragen die Taucher noch die alten Masken. (Bild: Kapo SG)

Polizeitaucher dürfen seit dem 1. Januar dieses Jahres nur noch mit einer sogenannten Vollgesichtsmaske tauchen. Teilweise müssen die Taucher auch an einer Sicherungsleine mit dem Boot verbunden sein. Die Verordnung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) schreibt ebenfalls vor, dass bei einem langen und tiefen Tauchgang zwei Fachkundige auf dem Boot sein müssen. Diese Neuerungen stossen bei vielen Polizeikorps auf Ablehnung.

Gefahr bei Kälteschock

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, kritisiert die Vollgesichtsmaske. «Hier geht es um die Sicherheit. Wir tauchen im Buddy-System.» Das heisst, der Tauchgang wird mindestens zu zweit absolviert. Der Tauchkollege ist dann der «Buddy». Krüsi erklärt weiter: «Wenn nun ein Automat – das ist das Gerät, welches der Taucher im Mund hat und ihn mit Luft versorgt – vereist oder abbläst, kann auf die Luftversorgung des Buddys oder auf das zweite alternative System gewechselt werden.» Wenn so ein Fall bei einer Vollgesichtsmaske auftreten würde, wäre der Wechsel der Maske sehr umständlich. «Man hätte keine Sicht mehr, da die ganze Maske weggenommen werden muss», sagt er. Nicht zu unterschätzen sei auch ein möglicher Kälteschock beim Ausziehen der Vollgesichtsmaske unter Wasser. Die Kantonspolizei St. Gallen halte sich aber grösstenteils an die neue Verordnung. «Wir verfügen bereits über einige Vollgesichtsmasken.» Die St. Galler Polizeitaucher würden aber vorläufig keine Fliessgewässer betauchen, da die Vollgesichtsmaske ihrer Ansicht nach die Sicherheit nicht gewährleisten könne.

Auch die Kantonspolizei Thurgau wird alle planbaren Taucheinsätze entsprechend der neuen Verordnung absolvieren. «Notfalleinsätze zur Rettung von Menschenleben werden einstweilen mit bisheriger Ausrüstung und nach herkömmlichem Verfahren durchgeführt», schreibt Andy Theler, Informationschef der Kantonspolizei Thurgau, auf Anfrage.

Nur für statisches Tauchen

Was die Einführung der Sicherheitsleine betrifft, sind sich die Kantonspolizeien einig. «Taucht man beispielsweise um einen Felsen, kann sich die Leine verfangen und damit die Taucher gefährden», sagt Krüsi. Dem stimmt auch Theler zu. Dass für längere Tauchgänge im tiefen Wasser zusätzlich die Anwesenheit von zwei «Fachkundigen» vorgeschrieben wird, benötige mehr Personal. Krüsi bestätigt: «Bei zwölf Tauchern der Kantonspolizei St. Gallen halbiert sich so die Anzahl einsatzfähiger Taucher.» Die Sprecher der Polizeien sehen die Problematik der Verordnung darin, dass die Vorschriften für statisches, nicht für dynamisches Tauchen ausgelegt sind. «Die Suche nach vermissten Personen in Fliessgewässern verlangt die zweite Variante», sagt Theler.

Daniel Bach, Pressesprecher des BAG, verteidigt die neuen Richtlinien: «Die alte Verordnung war nicht mehr auf dem neusten Stand der Forschung und Technik.» Sie hätten bei der Ausarbeitung mit Arbeitsjuristen und Tauchexperten der Suva zusammengearbeitet. Die neue Vollgesichtsmaske sei anspruchsvoller und benötige eine andere Ausbildung. Er sagt aber: «Wenn ein Taucher ohnmächtig wird, bekommt er über die Vollgesichtsmaske weiterhin Luft. Das kann unter Umständen lebensrettend sein.»

«Höheres Rechtsgut»

Die Polizisten würden mit dem Tragen der alten Tauchgeräte das Gesetz nicht in jedem Fall brechen. «Wenn es bei einem Einsatz um den Schutz von Leib und Leben geht, ist dies ein höheres Rechtsgut», sagt Bach. Die alten Geräte würden in diesem Fall toleriert werden. Das BAG hat einen Brief der Justiz- und Polizeidirektoren erhalten, in dem diese ihren Unmut kundtun. Bach sagt dazu: «Wir sind bereits im Gespräch mit verschiedenen Polizeikorps.» Möglicherweise müsse die Verordnung angepasst und Ausnahmeregelungen festgelegt werden.

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