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Hitze im Schulzimmer: Wenn zu wenig Stoff vom Lernen ablenkt

Steigen die Temperaturen, werden die Kleider kürzer. Gegen zu viel Bein und zu viel Décolleté im Schulzimmer greifen Lehrer meist nach eigenem Ermessen ein. Dabei müssen auch sie Vorbilder sein.
Janina Gehrig
Wie in die Badi, so ins Schulzimmer? Wie viel Stoff zu wenig ist fürs Lernklima, darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild: Imago)

Wie in die Badi, so ins Schulzimmer? Wie viel Stoff zu wenig ist fürs Lernklima, darüber gehen die Meinungen auseinander. (Bild: Imago)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Miniröcke, Hotpants, Trägertops und Caps: Was sich in der Badi und in der Disco vielleicht noch schickt, entpuppt sich auf dem Pausenplatz und im Schulzimmer schnell als Fauxpas. «Wenn man die halben Brüste sieht, die Pobacken, den Bauch, geht das zu weit», sagt eine Lehrerin, die in der Stadt St. Gallen auf der Realstufe unterrichtet.

Es passiere oft, dass Lehrpersonen vor allem Schülerinnen wegen zu freizügiger Kleidung ansprechen müssten. Sie schicke diese dann über Mittag nach Hause mit dem Hinweis, verlorene Zeit müssten sie nach Schulschluss nachsitzen. «In der Oberstufe gibt es lauter pubertierende Buben, die haben so schon Mühe, sich zu konzentrieren. Wenn um sie herum auch noch aufreizend gekleidete Mädchen sitzen, geht das einfach nicht.»

Für die Lehrerin ist klar: Die Jugendlichen müssen lernen, Schule und Freizeit zu trennen. «Trägershirts und Flip-Flops sind für den Strand. Als Lehrperson darf das einem nicht egal sein.»

Ihre Meinung zu Dresscodes in der Schule? Hier geht es zu unserer Facebook-Umfrage:

Gegen unziemliche Kleidung soll ein Gesetz her

Dürfen Schüler nicht experimentieren und Fehler machen – bis zu einem gewissen Alter? Und wer bestimmt, was untragbar ist?

Der Staat müsse zum Rechten schauen, fanden die St. Galler Kantonsräte bereits im Jahr 2014. Sie überwiesen zwei Vorstösse, die unter anderem Bekleidungsvorschriften für Schulen verlangen. Demonstrative Symbole, unziemliche Kleidung und Kopfbedeckungen seien zu untersagen, verlangte die SVP-Faktion. Derzeit schafft eine Arbeitsgruppe eine gesetzliche Grundlage, die «Schülerinnen und Schüler anhält, auf Bekleidung zu verzichten, die den ungestörten Unterricht oder den Schulfrieden gefährdet».

Sirnach verbietet Spucken und Transparentes

Manche Schulen haben bereits vor Jahren Dresscodes in die Schulordnung geschrieben. So etwa die Volksschulgemeinde Sirnach. Genauso, wie das Spucken auf dem Schulareal und das Kaugummikauen im Schulhaus verboten sind, «tragen wir keine Minijupes, knappen Shorts und durchsichtigen Kleider», sondern solche, die Bauch, Brustansatz, Gesäss und Unterhosen bedecken, heisst es. Auch die Sanktionen sind festgehalten: «Bei jedem Verstoss wird ein übergrosses T-Shirt angezogen.»

Eine Art «Knigge» für die Unterrichtskleidung hat 2010 auch die Sekundarschule Sandbänkli in Bischofszell eingeführt. Sichtbare Unterwäsche, Oberteile mit tiefen Ausschnitten oder unangebrachten Motiven, Minijupes, Kleider mit Tarnfarbenmuster oder Armykleider, Caps, Trainerhosen oder tiefsitzende Hosen seien nicht erwünscht, heisst es darin.

«Nachdem einige Schüler in Militärkleidern und Mädchen in Minijupes und bauchfrei in den Unterricht gekommen waren, befanden wir, jetzt müsse man mit einem Kodex deklarieren, was angebracht ist und was nicht», sagt Schulleiter Jörg Ribler. «Wir wollen eine neutrale Zone sein und zudem verhindern, dass Lehrer und andere Schüler abgelenkt werden.»

«Kleidung ist Ausdruck der Individualisierung»

Von einem Gesetz, das die Bekleidung in Schulen regeln möchte, hält Lucas Oberholzer, Dozent für Entwicklungspsychologie an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, wenig. Für ihn ist dies eine «Freiheitseinschränkung, die rechtlich kaum ‹verhebt›.»

Ein persönliches Gespräch zwischen Lehrer und Schüler bringe weit mehr. Zudem stellt er klar: «Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Für Jugendliche, die auf Identitätssuche sind, ist die Kleidung Ausdruck der Individualisierung.»

Ist die Jugend konservativer?

Dabei gehe es weniger um Provokation als um Zugehörigkeit. Auch über besondere Frisuren oder den Musikgeschmack grenzten sich Jugendliche in dieser «Testphase» von der älteren Generation ab. Überhaupt würden sich Jugendliche heute nicht vermehrt schräg anziehen, sagt Oberholzer. «Im Gegenteil, sie sind eher konservativ geworden.»

Während für einige Leser die Schuluniform das Problem lösen würde, sieht Stefan Schneider, Rektor an der Kantonsschule Romanshorn, auch die Lehrer in der Pflicht. «Lehrer müssen mit gutem Vorbild vorangehen, die Schüler sensibilisieren. Den Jugendlichen muss bewusst gemacht werden, dass sie mit ihrer Kleidung immer auch Eindrücke hinterlassen», sagt er.

Das tun auch die Pädagogen. So beriet der Stilpapst Jeroen van Rooijen im Jahr 2014 eine Kreuzlinger Schule: Wollsocken mit Birkenstock-Sandalen, ein aufgeknöpftes Hemd, aus dem das Brusthaar wallt, Kapuzenpullover, verbeulte Jeans und kaputte Socken hätten an Lehrern nichts verloren, befand er.

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