Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BRAUNE ZEITEN: Vor 80 Jahren: Das Fürstentum entging knapp der Nazi-Katastrophe

80 Jahre ist es her, als das Fürstentum Liechtenstein auf der Kippe steht und in Vorarlberg die Nazis an die Macht kommen. Ein rechter Putsch misslingt: Hitler greift ein.
Rolf App
Im März 1939 stellt sich der neue Liechtensteinische Fürst Franz Josef II. in Berlin vor. Er will herausfinden, ob Hitler sein Land schlucken will. (Bild aus: Peter Geiger, Krisenzeit, Chronos-Verlag)

Im März 1939 stellt sich der neue Liechtensteinische Fürst Franz Josef II. in Berlin vor. Er will herausfinden, ob Hitler sein Land schlucken will. (Bild aus: Peter Geiger, Krisenzeit, Chronos-Verlag)

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Am Abend des 11. März 1938 bricht in Wien die Hölle los. «Die Unterwelt ­hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheusslichsten, unreinsten Geister losgelassen.» So beschreibt der Dichter Carl Zuckmayer Tage, in denen er, obwohl in Lebensgefahr schwebend, in eine Art Schockstarre verfällt. Mit einem Ultimatum hat Hitler den Sturz der ­Regierung herbeigeführt, die Nationalsozialisten übernehmen die Macht, ­deutsche Truppen marschieren ein. ­Österreich – und auch Vorarlberg – jubelt. Nicht zum ersten Mal. Schon im Juni 1933 hat Dornbirn sich den Ruf eines «braunen Nestes» erworben, als es den Bundeskanzler Engelbert Dollfuss mit «Heil, Hitler!»-Rufen empfangen hat.

Eine harmlose Minderheit ist das nicht, denn der Gegner steht auch für Landeshauptmann Otto Ender links. «Was gesund ist am Hitlertum, wollen wir aufgreifen und soweit auch verwirklichen, als es für unsere Vorarlberger und für unsere österreichischen Verhältnisse passt», sagt er am 1. Mai 1933. «Alles ruft heute nach Autorität, nach Führung. Das ist gut so. Liberalismus und Marxismus haben uns Autoritätslosigkeit genug beschert.» So wandelt sich denn Österreich zum «autoritären Staat». Was die Nationalsozialisten im Lande aber stärkt und nicht wie erhofft schwächt. Sozialdemokraten und Kommunisten werden verfolgt, die Juden eingesperrt.

Zuckmayer brüllt im Stil eines deutschen Offiziers

Als 1938 die Deutschen kommen, findet sich Otto Ender als Gefangener der ­Gestapo im selben Zugsabteil mit dem Dichter Jura Soyfer, der verhaftet worden ist, als er über die Berge im Montafon in die Schweiz flüchten wollte. ­Soyfer wird im Konzentrationslager Buchenwald an Unterernährung und Krankheit sterben, Ender wird nur in die Zwangspensionierung geschickt. In umge­kehrter Richtung aber ist der in Deutschland verfemte Carl Zuckmayer unterwegs.

Im allerletzten Moment steigt er am 16. März 1938 in den Zug in Richtung ­Zürich. Es ist ein strahlender Vorfrühlingstag, «selten hatte ich das Land schöner gesehen». Der Salzburger Bahnhof gleicht einem Heerlager, in Innsbruck wird er aus dem Zug geholt. Im Stil eines deutschen Offiziers brüllt er den Beamten an – und darf gehen. Hitlertruppen empfangen ihn in Feldkirch, ein SS-Mann blättert in seinem Pass. Und lässt ihn passieren, obwohl Zuckmayer zugibt, dass seine Werke in Deutschland verboten sind. Seine Orden aus dem Ersten Weltkrieg imponieren ihm. An der Grenze kommen die Schweizer Zollbeamten in den Zug, und Zuckmayer denkt: «Jetzt solltest du dich wohl freuen. Aber ich spürte nichts.»

Zuckmayer ist in Sicherheit. Im selben Zug, der ihn an diesem 16. März nach Zürich bringt, sitzen der liechtensteinische Regierungschef Josef Hoop und sein Stellvertreter. In Bern wollen sie in Erfahrung bringen, wozu die Schweiz zum Schutze Liechtensteins ­bereit wäre. In ihrer Heimat wühlen schon die Nationalsozialisten und hoffen auf ein Eingreifen der Deutschen. Von Feldkirch aus ist es nicht weit. Doch der deutsche Aussenminister winkt ab, für den Moment zumindest. Denn Hitler sucht gerade die Welt mit Friedens­beteuerungen wieder zu besänftigen.

Dass das kleine Fürstentum dennoch tief in die Krise schlittert und einen Monat später nur knapp einem Putsch entgeht, das hat mit den inneren Verhältnissen zu tun. Der Fürst sitzt in Wien, das Land ist politisch zweigeteilt: in die Anhänger der regierenden Fortschrittlichen Bürgerpartei und jene der oppositionellen ­Vaterländischen Union. Deren Anführer widersetzt sich nach dem 11. März dem Aufruf zur Einigkeit, er will Zugeständnisse. Und wird darauf an der Regierung beteiligt. Auch das Proporzwahlrecht kommt.

Der neue Fürst auf Staatsbesuch in Berlin

Und schliesslich: Der 85-jährige Fürst Franz I. überträgt die Regierungsgeschäfte an den 32-jährigen Grossneffen Franz Josef, der sich als erster Fürst in Vaduz niederlässt. Bei einem Staatsbesuch in Berlin versucht Franz Josef herauszufinden, was der deutsche Diktator im Schilde führt. Denn die Lage bleibt unruhig, immer wieder machen Gerüchte um einen Einmarsch die Runde. Mit Böllerschüssen, Schlägereien, Aufmärschen und sogar Bombenanschlägen gegen Judenhäuser verbreiten die Liechtensteiner Nationalsozialisten Angst und Schrecken. Neuwahlen fordern sie nicht mehr: Zu sehr fürchten sie, dabei in die Minderheit zu geraten. Doch wozu braucht man Demokratie, wenn man Verbündete im nahen Feldkirch und im fernen Berlin hat?

Hitler treibt Europa dem Krieg entgegen, im März 1939 zerschlägt er die Tschechoslowakei. Hat jetzt des Fürstentums letztes Stündlein geschlagen? In Feldkirch warten am 24. März 1939 die Vorarlberger Nationalsozialisten auf ihren Einsatz. Marsch auf Vaduz, Zusammenstösse, Hilferuf, Einrücken der ­Feldkirchner Formationen: So lautet der Plan. Doch er geht schief. In den Dörfern gehen Nazigegner auf die Strasse, die Regierung alarmiert den Kölner Bankier Otto Strack, der in Liechtenstein eine Villa hat. Der erreicht in Venedig Otto Meissner, den Chef von Hitlers Reichskanzlei. Meissner ruft in Berlin an. Hitler aber, so berichtet es später Meissners Sohn, habe dem Gauleiter von ­Tirol-Vorarlberg «sofort eins aufs Dach gegeben und verboten, die Sache zu ­machen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.