«Bombardier schnitt am besten ab»

Der Zuschlag zum Bau von 59 Doppelstockzügen dürfte Bombardier über Jahre auslasten, da die SBB wohl Optionen für 112 weitere Züge einlösen werden. Offen ist, ob die Züge tatsächlich wie geplant schneller durch Kurven fahren können. Stadler Rail und Siemens gehen leer aus.

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Peter Spuhler Chef von Stadler Rail (Bild: Quelle)

Peter Spuhler Chef von Stadler Rail (Bild: Quelle)

Gross war die Nervosität, als die Spitzen von Bombardier und Siemens mit Stadler-Chef Peter Spuhler unlängst dessen Werk im Thurgau besuchten. Selbst für die beiden Weltkonzerne war der SBB-Rekordauftrag so wichtig, dass sie bis zur letzten Minute mitfieberten. Am Mittwoch nun gab Bahnchef Andreas Meyer in Bern bekannt, dass die SBB beim kanadischen Bombardier-Konzern 59 neue Fernverkehr-Doppelstockzüge für zwei Milliarden Franken bestellen. Die beiden anderen Bewerber, Stadler und Siemens, gehen leer aus.

Kampf der zwei Marktführer

Laut Insidern waren Stadlers Chancen bereits gesunken, als die Firma von SVP-Nationalrat Peter Spuhler im April den Zuschlag für weitere Regionalverkehrszüge der SBB erhalten hatte. Der Kampf entschied sich letztlich zwischen Bombardier und Siemens, die zu den globalen Marktführern beim Bau von Fernverkehrszügen gehören. Der Entscheid sei deutlich gefallen, sagte Meyer.

Bombardier habe bei allen Kriterien, etwa bei der Wirtschaftlichkeit und dem Kundenkomfort, klar am besten abgeschnitten. Die SBB hätten sich an internationale Richtlinien gehalten – der Swissness-Faktor spielte bei der Vergabe keine Rolle.

Siemens und Stadler prüfen Rekurs

Die zwei unterlegenen Anbieter analysieren nun, ob sie einen Rekurs gegen die Vergabe einlegen. Dies würde den Bau der Züge, welche die SBB dringend brauchen, verzögern. Siemens habe ein sehr gutes Angebot abgegeben, sagte ein Sprecher.

Peter Spuhler seinerseits zeigte sich «sehr enttäuscht». Dies ist umso verständlicher, als der Vertrag der SBB neben dem beschlossenen Kauf der 59 Züge noch Optionen für 112 weitere Züge nach sich zieht. Und angesichts der wachsenden Nachfrage im Personenverkehr dürften die SBB bald mindestens einen Teil dieser Optionen einlösen.

Mit dem Auftrag hätte Spuhler, der primär im Regionalverkehr sehr erfolgreich ist, definitiv den Einstieg ins Fernverkehrsgeschäft geschafft.

Hohe Wertschöpfung in der Schweiz

Als einzige Partei kritisierte die SVP den «unverständlichen Entscheid gegen die Schweizer Wirtschaft». Bombardier verspricht freilich, dass rund 60 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz anfallen, wie der Schweizer Geschäftsführer Stéphane Wettstein sagte.

Für den Grossauftrag schafft das Unternehmen rund 100 neue Stellen in der Region Zürich und 200 weitere in Villeneuve im Kanton Waadt. Wettstein hofft, dass sich der neue Zug für die SBB dereinst europaweit durchsetzen wird.

Auf die Probleme, mit denen Bombardier in Villeneuve unlängst beim Bau und der Auslieferung von Zügen für die BLS und von Zwischenwagen der SBB zu kämpfen hatte, habe das Unternehmen personell «massiv reagiert» und sei jetzt auf Kurs.

Bereits ab 2013 sollen die ersten neuen Doppelstockzüge im Intercity- und Interregio-Verkehr auf den stark frequentierten Strecken von St. Gallen nach Genf, von Romanshorn nach Brig und von Zürich nach Luzern zum Einsatz kommen. Die Züge verfügen an allen Sitzplätzen über Steckdosen und kabelloses Internet.

Technische Fragezeichen bleiben

Im Gegensatz zu vielen europäischen Bahnen setzen die SBB auf komfortable Viererabteile und verzichten auf eine Flugzeugbestuhlung.

Noch unklar ist derweil, ob die beschleunigungsstarken Züge tatsächlich schneller durch die Kurven fahren können. Auf der Ost-West-Achse soll dies im Rahmen von Bahn 2030 die Fahrzeit verkürzen und Geld für den Ausbau sparen. Die nötige Technik, die sogenannte Wankkompensation, ist für Doppelstockzüge allerdings neu.

Bombardier rüstet noch in diesem Jahr einen Wagen damit aus; nach Tests wollen die SBB 2016 entscheiden, ob alle Züge nachgerüstet werden. Falls die Tests negativ verlaufen, drohen Bombardier hohe Konventionalstrafen.

Der SBB-Verwaltungsrat und dessen Präsident Ulrich Gygi, der seit kurzem für den Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Zürich und Bern plädiert, nahm den Entscheid der Konzernleitung zur Kenntnis. Falls in der Schweiz dereinst tatsächlich eine Strecke für eine Geschwindigkeit von 300 km/h gebaut werden sollte, braucht es eine neue Zugsgeneration, weil die Doppelstockzüge zu langsam sind.

Echte Hochgeschwindigkeitsstrecken dürften hierzulande freilich noch auf Jahrzehnte hinaus eine Utopie bleiben.

Tobias Gafafer, Bern