Bodensee
Immer weniger Bodenseefischer erhalten ein Patent – das geht nicht ohne Streit vonstatten

Der Klimawandel, die Quaggamuschel oder der kleine Stichling: Sie gefährden den Lebensraum der Felchen im Bodensee. Seit 2015 hat sich der Bestand drastisch reduziert. Um den Fischern minimale Fangzahlen und damit ihre Existenz zu sichern, wurde die Zahl der Lizenzen heruntergeschraubt. Doch nicht jeder heisst die Regelung willkommen, mancherorts führte sie sogar vor Gericht.

Saskia Ellinger
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Ein Fischer der Bodensee-Fischerei bei seiner Arbeit.

Ein Fischer der Bodensee-Fischerei bei seiner Arbeit.

Bild: Ralph Ribi

Viele lieben es, vor allem an heissen Sommertagen: ein gebratener Fisch mit Zitrone und etwas Salat. Und wenn der Fisch dann noch regional ist und aus dem Bodensee stammt, ist der Appetit bei einigen noch grösser. Doch die Freude am Essen aus dem Binnensee könnte in Zukunft seltener werden, denn der Fischbestand wird zunehmend kleiner. Der Klimawandel und andere, nicht heimische Tierarten machen dem Felchen, dem «Brotfisch» des Bodensee-Berufsfischers, das Leben schwer.

Das belegen auch die Fangzahlen, die sich seit dem Jahr 2011 mehr als halbiert haben: Damals waren es noch 700 Tonnen, die die Fischer aus dem See holten, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 295 Tonnen Fisch. Die internationale Bevollmächtigtenkonferenz für Bodenseefischerei (IBKF) erkannte den Wandel und verständigte sich bereits 2015 darauf, die Fanglizenzen für Berufsfischer schrittweise zu reduzieren.

24 Lizenzen für die Schweiz

Sind viele Fischer am Werk, fängt jeder weniger. Und sind nicht genügend Fische im Netz, so kann der Fischer seine Existenz nicht mehr vollumfänglich sichern. Und genau dem sollte die Reduzierung der Lizenzen entgegenwirken: Die IBKF wollte den Ertrag pro Patent erhöhen.

Deswegen senkte sie die Anzahl der Patente: In diesem Jahr vergab sie 65 Fanglizenzen. Das sind sogar weniger als die eigentliche Zielvorgabe von 80 Lizenzen. Im Vergleich dazu hatten 2012 noch 130 Berufsfischer ein Patent. Der Schweiz stehen 24 dieser Lizenzen zu. Ausschlaggebend für den Verteilungsschlüssel ist die Wasserfläche sowie der Uferbereich der jeweiligen Länder.

Die gesunkene Zahl der Patente zeigt laut IBKF bereits erste Erfolge: Im Jahr 2020 konnten rund 4,3 Tonnen pro Patent gefischt werden. Ein Wert, der zuletzt im Jahr 2012 erreicht wurde. Ein Grund zur verhaltenen Freude, doch nicht für jeden.

Patententzug führte zu Streit

Fischern ab 70 Jahren entzog die IBKF automatisch die Lizenz. Stattdessen gab sie ihnen sogenannte Alterspatente. Während Fischer mit einer vollen Lizenz mit bis zu fünf Schwebnetzen die Felchen aus dem See holen, dürfen Fischer mit Alterspatent nur eines verwenden.

Der Grund für die Einführung von Alterspatenten ist laut Michael Kugler, Mitarbeiter im Amt für Natur, Jagd und Fischerei und Fischerei-Sachverständiger des Kantons St.Gallen, dass Fischer häufig keine Pensionskassen-Altersversorge haben. Werde ihnen das Patent komplett entzogen, könne ihnen die Existenzgrundlage fehlen.

Michael Kugler, Amt für Natur, Jagd und Fischerei und Fischerei-Sachverständiger des Kantons St.Gallen.

Michael Kugler, Amt für Natur, Jagd und Fischerei und Fischerei-Sachverständiger des Kantons St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi
«Der Berufsfischer lebt für seine Arbeit. Er geht auf den See solange es die Gesundheit zulässt.»

In Bayern löste das laut Kugler in einigen Fällen Rechtsstreitigkeiten aus, die bis heute noch nicht geschlichtet sind. Im Kanton St.Gallen und im Thurgau habe die Einführung des Alterspatentes zu keinen grösseren Schwierigkeiten geführt. Das liegt laut Kugler unter anderem daran, dass die Fischbestände im Bodensee nicht überall gleich sind, und die Fänge im südwestlichen Seeteil eher geringer ausfallen. Auch die Überalterung der Berufsfischer auf der schweizerischen Seite sei stärker als in den andern Ländern.

Fremde Arten gefährden Fischbestand

Die rund drei Zentimeter grosse Quaggamuschel.

Die rund drei Zentimeter grosse Quaggamuschel.

Bild: PD

Die Fischerei kann nur abschöpfen, was das Ökosystem im Bodensee natürlicherweise heranwachsen lässt, sagt Kugler.

«Das Ökosystem im Bodensee hat seine Grenzen: Sonnenstrahlen, Nährstoffe und andere Faktoren sind vorgegeben und definieren die biologische Produktivität.»

Und hier ist es in den letzten Jahren zu Veränderungen gekommen. Zwei fremde Tierarten haben sich im Bodensee angesiedelt und tragen zum sinkenden Fischbestands bei. Der kleine Stichling, ein Fisch, der nicht schmeckt und viele Gräten hat, frisst dem Felchen die Nahrung weg. Und auch die Quaggamuschel, die 2016 zum ersten Mal im Bodensee entdeckt wurde, macht ihm den Lebensraum streitig.

Die Reduktion des Fischbestandes von 500 Tonnen auf derzeit 300 Tonnen ist laut Kugler unter anderem auf diese zwei Tierarten zurückzuführen: Ein Teil der biologischen Produktivität werde nun durch die Quaggamuschel und den kleinen Stichling verzehrt.

Kormoran konkurriert mit Fischern

Der Kormoran kommt vor allem in Baden-Württemberg vor.

Der Kormoran kommt vor allem in Baden-Württemberg vor.

Bild: AP Photo

Ein weiteres Übel aus Sicht der Fischerei ist der Kormoran: Er hole mittlerweile fast genauso viel Fische aus dem Wasser, wie die Fischer. Laut Kugler betrifft dies vor allem Baden-Württemberg, da dort die meisten Kormoran-Brutkolonien sind. In der Schweiz seien bisher keine bekannt.

Deswegen hat das Land Baden-Württemberg eine Vorstudie in Auftrag gegeben. Laut Kugler soll dabei festgestellt werden, welche Anzahl von Vögeln den Fischbestand, den Artenreichtum und die Natur nicht zu einseitig beeinflussen, damit auch weiterhin eine nachhaltige Berufsfischerei möglich ist.

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