Bodensee-Sommer
«Ein absolutes Nulljahr»: Charterschifffahrt am Bodensee erholt sich nur langsam von der Coronakrise

Das Foto der Braut ganz in Weiss am Steuer eines Bodenseeschiffes hat strahlende Symbolkraft – sie steuert das Glück im Ehehafen an. Die Charterschifffahrt selbst hofft angesichts der Corona-Einbussen wieder auf bessere Zeiten. Sogar die Vorarlberger Nostalgieschiffe sind nach ihrem Schlingerkurs wieder in ruhigeren Gewässern – auch dank Unterstützung vom Schweizer Ufer.

Gernot Grabher
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Schwimmender Ballsaal: Die «Sonnenkönigin» trifft nicht jedermanns Geschmack. Auch sie hat unter der Coronakrise gelitten.

Schwimmender Ballsaal: Die «Sonnenkönigin» trifft nicht jedermanns Geschmack. Auch sie hat unter der Coronakrise gelitten.

Bild: Gernot Grabher

An allen Ufern des Bodensees, von Konstanz über Romanshorn bis Hard und Bregenz, hoffen die Betreiber von Charterschiffen auf weiter sinkende Corona-Ansteckungen. Und auf gleichzeitig mehr Passagiere an Bord der Eventschiffe. Benno Gmür mit Sitz im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt (SBS) muss eingestehen:

«2020 war für uns in diesem Sektor ein absolutes Nulljahr. Die Pandemie hat das Geschäft gründlich vermasselt.»

Praktisch alle Schiffe der SBS sind auf Absprache zu buchen: von den extra für Charterfahrten nachjustierten Schiffen «St.Gallen» und «Säntis» bis zur kleinen «Rhynegg», die mit Ausflüglern sogar den Alten Rhein bis nach Rheineck befährt. «In normalen Saisons machen wir von der SBS rund einen Drittel unseres Umsatzes mit Charterkursen», sagt Benno Gmür.

Genaue Zahlen will auch Christopher Pape, Pressereferent der von den Stadtwerken Konstanz betriebenen BSB GmbH, noch nicht nennen. Aber auch er hofft auf ein Abklingen der Pandemie. Die Kapazitäten der BSB reichen von 224 Passagieren für die «Bayern» bis zu 1000 Gästen, welche die «Überlingen» an Bord nehmen kann.

«Für uns spielt die Eventschifffahrt eine wichtige Rolle. Eigentlich sind alle unsere Schiffe buchbar, soweit sie nicht auf Linienkursen im Einsatz sind.»

Sogar die Autofähren sind für Partyfahrten zu haben und etwa bei Feuerwerken am See gut frequentiert. «Wir laufen viele Ziele von der Insel Mainau bis zu Museen in Hafenstädten an. Buchungen von Firmen für Betriebsanlässe spielen aber eher eine untergeordnete Rolle.»

«Sonnenkönigin» bleibt bei Anlässen häufig an Land

Auch die «Vorarlberg Lines» hoffen, im laufenden Jahr wieder aus der Coronaflaute zu kommen. Die Werbung für Charterfahrten wurde erfolgreich angekurbelt. Sie reicht vom Krimidinner bis zu Frühstückskursen. Einen Problemfall stellt allerdings die von der architektonischen Komponente her nicht jedermanns Geschmack treffende «Sonnenkönigin» dar. Der schwimmende Ballsaal ist nicht gerade billig zu buchen. Er fällt aber durch kreative Veranstaltungen an Bord auf. Diese finden häufig ohne Auslaufen an der Bregenzer Mole statt, wodurch keine nautische Besatzung erforderlich ist.

Jürgen Zimmermann.

Jürgen Zimmermann.

Bild: Gernot Grabher

Guten Kurs steuert die in Hard liegende «Oesterreich». Das 2019 wieder in Dienst gestellte, im Art-déco-Stil renovierte Nostalgieschiff verbuchte einen fulminanten Start, geriet in der Pandemie aber arg ins Trudeln. «Die Pandemie brachte uns einen Verlust von 900'000 Euro ein», sagt Jürgen Zimmermann, Vater des prächtig für rund 8 Millionen Euro renovierten Schiffes.

«Aber die Buchungen und Anfragen zu Beginn dieses Sommers geben zur Zuversicht Anlass, dass wir die Verluste wieder aufholen können.»

Nostalgieschiffe wieder in ruhigeren Gewässern

Mit dem Corona-Ausbruch gerieten die beiden in Hard ankernden Nostalgieschiffe «Oesterreich» und die «Hohentwiel», der aus dem Jahr 1913 stammende Raddampfer, auch noch durch andere Gründe auf geschäftlichen Schlingerkurs. Nur mit Schweizer Finanzhilfe – die Rede ist von 200'000 Euro – konnte verhindert werden, dass sie auf einem Konkursriff aufliefen. Der langjährige Kapitän und Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, Adolf Konstatzky, musste das Handtuch werfen und soll mittlerweile als Skipper von Charterbooten an der iberischen Küste seine Heuer verdienen.

Das Nostalgieschiff «Oesterreich» am Liegeplatz in Hard.

Das Nostalgieschiff «Oesterreich» am Liegeplatz in Hard.

Bild: Gernot Grabher

Die Gemeinde Hard, ursprünglich lizenzbedingt mit 75 Prozent Mehrheitsgesellschafterin der «Hohentwiel»-Betreiber, geriet durch die gelbe Karte des Rechnungshofes des Landes Vorarlberg in Nöte. Sie berief einen Sanierer an den Quai. Gefunden wurde er mit Benno Gmür, der als Mitglied des Verwaltungsrates der SBS einen guten Ruf mitbrachte, was die geschäftliche Seite der Bodenseeschifffahrt betrifft. Auf seinen Vorschlag hin und mit tatkräftiger Unterstützung des frischgebackenen Harder Bürgermeisters Martin Staudinger wurde für beide Nostalgieschiffe eine neue Gesellschaft gegründet. Sie firmiert unter dem Titel «Historische Schifffahrt Bodensee GmbH».

Hard hält nunmehr nur noch 10 Prozent der Anteile. Die beiden Betreibergesellschaften der «Hohentwiel» und der «Österreich» sind mit je 35 Prozent beteiligt. Neu ist die SBS mit 20 Prozent beteiligt. Die Geschäfte führen für die Schiffsbetreiber Benno Gmür für die «Hohentwiel» und Bernd Hartmann für die «Österreich». Mitentscheidend war das Votum der Harder Gemeindevertretung, welche die «Historische Gesellschaft» mit 32 von 33 Stimmen guthiess.

Blick in den Salon der «Oesterreich».

Blick in den Salon der «Oesterreich».

Bild: Gernot Grabher

Frisches Geld

Der Harder Bürgermeister Martin Staudinger ist heilfroh über die erzielte Lösung. «Die SBS bringt frisches Geld ein, das Know-how, wie man erfolgreich Schiffe betreibt, und den Zugang zum lukrativen Schweizer Markt», sagt er zusammenfassend. Staudinger erinnert zudem daran, dass auch Schweizer Mitglieder des «Hohentwiel»-Vereins ehemals finanziell entscheidend zur Renovierung des Raddampfers beitrugen, aber jetzt kein Geld an die Entschuldung beitragen «wollten oder konnten». «Vertraglich gesichert ist, dass die Liegeplätze der beiden historischen Schiffe in Hard bleiben», betont der Bürgermeister der Seegemeinde.

«Schweizer keine Samariter»

Reinhard Kloser.

Reinhard Kloser.

Bild: Gernot Grabher

Starke Zweifel an der jetzt verbrieften Lösung hat Kapitän Reinhard Kloser, dessen unbestrittenes Lebenswerk die Renovierung des einstigen Wracks der «Hohentwiel» ist. Er fürchtet vor allem, dass sich die Schweizer das Schiff «über kurz oder lang unter den Nagel reissen werden». Zu seiner Zeit als Kapitän und Geschäftsführer des Vereins habe die «Hohentwiel» noch jährlich 100'000 bis 150'000 Euro erwirtschaftet.

«Die Rücklagen wurden in den letzten vertan. Und ich bezweifle auch, dass die jetzt gegründete Gesellschaft schwarze Zahlen bringt.»

Ein untrügliches Anzeichen für die Absichten der Schweizer ist für Kloser die finanzielle Beteiligung der SBS an der historischen Gesellschaft: «Die Schweizer sind keine Samariter», meint Kapitän Kloser. Und sieht langfristig sein Lebenswerk Richtung Rorschach davonschwimmen.

Die «Hohentwiel» ist eins der Schmuckstücke auf dem Bodensee.

Die «Hohentwiel» ist eins der Schmuckstücke auf dem Bodensee.

Bild: Gernot Grabher

«So ein Blödsinn», erklärt Benno Gmür von der SBS zu Klosers Befürchtungen, die «Hohentwiel» könne für immer aus Hard ablegen. Man habe zwar die zuständigen Schweizer Behörden angefragt, ob die «Hohentwiel» überhaupt eine Lizenz bekäme, eidgenössische Gewässer zu befahren. «Dies wurde amtlich eindeutig abgelehnt», sagt Gmür. «Aufgrund von technischen Bedingungen bekäme die ‹Hohentwiel› bei uns keine Lizenz.»