BLUTTAT: Moschee-Täter will mildere Strafe

Es war Mord, urteilte das Kreisgericht. Es sei vorsätzliche Tötung gewesen, sagt der Beschuldigte. Nun steht der Serbe, der in einer St. Galler Moschee einen Schweizer erschossen hatte, erneut vor Gericht.

Regula Weik
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Die El-Hidaje-Moschee in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Urs Bucher (29. Mai 2012))

Die El-Hidaje-Moschee in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Urs Bucher (29. Mai 2012))

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

 

Der Tathergang ist klar und ­unbestritten: Der Beschuldigte – ein heute 53-jähriger serbischer Staatsangehöriger, Vater von drei Kindern, seit bald 30 Jahren in der Schweiz wohnhaft und seit einigen Jahren ohne Arbeit – fährt im August 2014 von Unterterzen nach St. Gallen. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Pistole. Er betritt während des Freitagsgebets die El-Hidaje-Moschee im Westen der Stadt. Nach dem ersten Gebetsteil verlässt er die Moschee, begibt sich zum Auto, nimmt die Pistole an sich, steckt den Lauf vorne in den Hosenbund und kehrt in den Gebetsraum zurück. Kurz vor Ende der zweiten ­Gebetshälfte macht er ein paar Schritte auf das spätere Opfer zu und gibt aus kurzer Distanz sieben Schüsse auf den in Gebetshaltung am Boden knienden Mann ab.

Sie müssten keine Angst ­haben, sagt der Schütze zu den schockierten Gläubigen. Es habe nichts mit ihnen zu tun. Die Polizei nimmt den Täter wenig später fest. Er ist geständig. Das Kreisgericht St. Gallen verurteilt den Mann zu 18 Jahren Gefängnis ­wegen Mordes (Ausgabe vom 27. Mai 2016).

«Es war eine eigentliche Hinrichtung»

Ende Oktober wird nun der Mann erneut vor Gericht stehen. Diesmal vor Kantonsgericht. Der Serbe hat gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung eingelegt und fordert eine mildere Strafe. Er will «nur» wegen vorsätzlicher Tötung und Vergehens gegen das Waffengesetz verurteilt werden und verlangt eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren. Dafür hatte sein Verteidiger bereits vor Kreisgericht plädiert und die schwierige psychische Verfassung des Angeklagten betont. Der Staatsanwalt hatte dagegen von Mord gesprochen und eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren gefordert. Der Täter habe das Opfer von hinten erschossen – «eine kaltblütige, verwerfliche Tat». Es sei eine «eigentliche Hinrichtung» gewesen. Die Staatsanwaltschaft hält vor Kantonsgericht an ihrem Antrag auf 20 Jahre Freiheitsstrafe fest.

Kreisgericht sprach von Blutrache

In seiner damaligen Urteilseröffnung hatte der Präsident des Kreisgerichts St. Gallen festgehalten: Der Beschuldigte habe die Tat geplant und das arg- und wehrlose Opfer während des Freitagsgebets erschossen. Das Gericht gehe davon aus, dass Blutrache sein Motiv gewesen sei.

Der Bruder des Serben war vor 20 Jahren in Walenstadt bei einem Streit unter drei albanischstämmigen Männern erstochen worden. Die Beteiligten: der heutige Beschuldigte, sein Bruder und sein späteres Opfer in der St. Galler Moschee – der mutmassliche ­Täter von damals, freigesprochen wegen Notwehr. Er habe jenes Urteil nie akzeptiert, sagte der Serbe vor Kreisgericht. Der ehemalige Freund und Arbeitskollege – «ich kenne ihn seit der Kindheit» – sei zu seinem Feind geworden.

Die Bluttat in der St. Galler Moschee war weltweit wahrgenommen worden. Der Dachverband der islamischen Gemeinden Ostschweiz hatte nach der Tat angekündigt, er wolle «intensiv gegen das Gewohnheitsrecht» vorgehen, denn: «Alle Muslime müssen wissen, dass Blutrache völlig inakzeptabel ist.»