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Als Verräter gebrandmarkt: Wie sich Wegelin-Bankier Konrad Hummler neu erfinden musste

Der frühere Privatbankier Konrad Hummler ist zurück im Geschäft – als Vordenker der digitalen Finanzrevolution und «Blockchain-Opa». Doch das Establishment geht noch immer auf Distanz zu ihm.
Michael Genova
Konrad Hummler: «Plötzlich wurde ich in der Szene als Blockchain-Opa gefeiert.» (Bild: Ralph Ribi)

Konrad Hummler: «Plötzlich wurde ich in der Szene als Blockchain-Opa gefeiert.» (Bild: Ralph Ribi)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eigentlich wollte er sein Leben als Banker hinter sich lassen. Diesen Plan verkündete Konrad Hummler 2012 in einem Interview nach dem Notverkauf seiner Privatbank Wegelin an die Raiffeisen-Gruppe. Doch insgeheim ahnte er wohl, dass dies nicht sein letztes Wort sein würde. Nun ist er zurück im Finanzgeschäft. Seit Anfang Jahr ist Hummler aus dem Konkurrenzverbot entlassen, das er damals unterzeichnete. Er hat seine Freiheit vermisst. Es sei eine schwierige Phase gewesen, sagt er.

«Ich musste auf den Mund sitzen.»

Seit diesem Sommer ist Hummler Verwaltungsratspräsident der in Zürich ansässigen Private Client Bank AG. Einer kleinen Privatbank für wohlhabende Familien mit rund 20 Mitarbeitern, wie die Wegelin es einst war. Und neu berät er auch die 1741-Gruppe, ein Fondshaus mit Niederlassungen in St. Gallen und Vaduz. «Hummler mischt wieder mit», meldete die Finanzpresse.

Eine Blockchain ist wie eine antike Lutherbibel

Konrad Hummler sitzt im Konferenzraum der Brühl-Laube, einer klassizistischen Villa an der Museumstrasse 1 in St. Gallen, und sinniert über die bevorstehenden Umwälzungen in seiner Branche. Der Raum verströmt die Aura einer vergangenen Welt. Stuckdecken, ein mit Engeln verzierter Kachelofen, spiegelblanker Parkett. Im Steuerstreit mit den US-amerikanischen Behörden war die Villa eine Art Krisenzentrale. Hier erlebte Hummler den Untergang des Schweizer Bankgeheimnisses.

Von dieser ersten Zeitenwende wurden er und seine Bank mitgerissen. Nun kehrt er zurück als Vordenker einer zweiten Zeitenwende. Die Gefahr kommt dieses Mal nicht von der US-amerikanischen Justiz, sondern von den neuen Finanztechnologien.

Nach dem Wegelin-Verkauf tauchte Hummler ab und ging in sich. «Ich versuchte das Bankwesen in seiner Tiefe zu verstehen.» Dabei stiess er in einer Ausgabe des Wirtschaftsmagazins «Economist» auf das Thema Blockchain, die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin. Hummler erinnert sich:

«Erst habe ich kein Wort verstanden.»

Deshalb setzte er das Thema auf die Agenda seiner Denkfabrik M1 und schrieb dar­über in seinem Newsletter «Bergsicht». Eine Blockchain sei eigentlich wie eine antike Lutherbibel, sagt Hummler. Sie wurde innerhalb einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Und die jeweiligen Eigentümer wurden im Einband lückenlos festgehalten. Heute braucht es Grundbücher oder Banken, um Eigentumsverhältnisse festzustellen. Durch die Blockchain entsteht laut Hummler eine neue direkte Form von Eigentum, das ohne Vermittler auskommt – ähnlich wie der Besitz von Bargeld. Die Technologie könnte langfristig Banken im heutigen Sinne überflüssig machen. «Ein unglaublich zerstörerisches Potenzial.»

Zwischen alter und neuer Welt

Hummlers Faszination für die Blockchain-Technologie blieb in der Szene nicht unbemerkt. Er wurde als Redner eingeladen, tingelte von Symposium zu Symposium. «Plötzlich wurde ich in der Szene als Blockchain-Opa gefeiert.» Der ehemalige Privatbankier stand inmitten von Nerds und hatte seine neue Rolle gefunden: als Brückenbauer zwischen neuer und alter Finanzwelt.

Auch seine neuen Engagements stehen für die Umwälzungen im Bankwesen. Bei der 1741-Gruppe berät er einen Fonds, der in Kredite investiert, die über digitale Plattformen vergeben werden. Dabei werden Kreditnehmer und Investoren direkt miteinander verknüpft – das Nachsehen haben die Banken. Und auch die Private Client Bank AG sei bereits eine «dekonstruierte Bank». Sie habe keine eigenen Konti und Depotführung für ihre Kunden mehr und wickle alle Geschäfte über Drittbanken ab.

Hummler leitet als Verwaltungsratspräsident ein siebenköpfiges Gremium, in dem unter anderem der Toggenburger Matthias Eppenberger vertreten ist. Bekannt ist der Banker in der Ostschweiz als Miteigentümer und Verwaltungsrat der Toggenburger Bergbahnen.

Als Verräter gebrandmarkt

Hummler ist zurück, doch er musste sich sein Comeback erarbeiten. Das Establishment hatte sich nach dem Verkauf der Wegelin-Bank von ihm abgewendet. Hummler war nicht mehr vermittelbar. Heute sagt er:

«Die Schweiz kann mit sogenannt gefallenen Personen nicht umgehen.»

Dies müsse er illusions- und wertfrei feststellen.

Anfang 2013 bekannten sich die Wegelin-Teilhaber in den USA schuldig, Kunden aktiv bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Sie sagten aber auch, dass «solches Verhalten in der Schweizer Bankenindustrie üblich war». Die Reaktion in der Schweiz war vernichtend. CVP-Präsident Christophe Darbellay bezeichnete Hummler als einen Verräter. Der damalige FDP-Präsident Philipp Müller sagte, das Wegelin-Vorgehen passe in die «Kaskade von Schweine­reien» der von den US-Behörden zur Verantwortung gezogenen Banken. Und auch die NZZ, in deren Verwaltungsrat Hummler sass, ging auf Distanz: Wegelin habe für einen Pappenstiel ihre Existenz verspielt, schrieb sie.

Die Wirtschaftselite geht auf Distanz

Hummler gibt zu, dass ihn die Ablehnung schmerzte. Am Anfang hätten die Leute in St. Gallen die Strassenseite gewechselt, damit sie nicht mit ihm reden mussten. Das dauerte zwar nicht lange. Geblieben ist jedoch die Zurückhaltung der Wirtschaftselite. Wenn es um die Wählbarkeit in den Verwaltungsrat einer grossen börsenkotierten Firma gehe, sei die Wegelin-Geschichte noch immer ein Hindernis, sagt Hummler. «Das ist kein Vorwurf, ich kann das nachvollziehen.» Solche Besetzungen folgten sehr stark der Logik der Risikominimierung.

Gleichzeitig kritisiert Hummler diese Logik. Die Wirtschaft investiere viel Geld in aufwendige Assessments, um Führungskräfte zu rekrutieren. Doch die Wettertannen, die Wetterfesten schliesse man kategorisch aus. Der ehemalige Oberst sagt:

«Die Tatsache, dass man ein Stahlgewitter überlebt hat, ist nicht die schlechteste Qualifikation.»

Die Nerds akzeptieren ihn

Anerkennung fand Hummler in der zukunftshungrigen Blockchain-Community. Zu Beginn habe er bei seinen Vorträgen noch auf seine bewegte Vergangenheit als Privatbankier hingewiesen. «Doch die Nerds kümmerten sich nicht um die Wegelin-Geschichte.» Nun macht Hummler Prognosen, wie die Blockchain-Technologie die Welt verändern könnte. Er glaubt, dass kleine und mittlere Unternehmen künftig ihr Aktienbuch in einer Blockchain führen könnten. Und das ist noch eine simple Anwendung.

Aus seiner Sicht könnte die Technologie sogar die Grundlage von Landreformen in Entwicklungsländern sein. Die Blockchain wäre das neue Grundbuch, Google Earth der global verfügbare Kartendienst. Das ist Hummlers moderne Form der Entwicklungshilfe. Den Armen helfen, indem man sie mit Eigentumsrechten versieht. Noch vor ­einigen Jahren schrieb Hummler den vielzitierten Satz: «Jeder Stutz, den man als Entwicklungshilfeprojekt nicht gibt, ist ein Segen für die Menschheit.»

Seine neue Rolle als kreativer Zerstörer behagt Hummler sichtlich. Neulich sprach er mit UBS-Chef Sergio Ermotti über die Investitionen der Bank in Blockchain-Projekte. Er habe Ermotti gefragt, ob er wisse, dass er am Ast säge, auf dem er sitze. Und Ermotti habe geantwortet, dass es dazu keine Alternative gebe. Ein erster hat Hummlers Ruf erhört.

Zur Person

Konrad Hummler wuchs in St. Gallen auf und studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Zürich und Rochester. Ab 1989 war er bei der Privatbank Wegelin in St. Gallen tätig, seit 1991 als geschäftsführender Teilhaber. Zur Zäsur in Hummlers Karriere kam es Anfang 2012. Die US-Justizbehörden drohten Wegelin mit einer Anklage, weil diese mutmassliche Steuersünder übernommen hatte. Die Bank spaltete sich auf und verkaufte einen Grossteil ihres Geschäfts in Form der neugebildeten Notenstein Privatbank an die Raiffeisen-Gruppe. Im Juli 2018 wurde die Notenstein La Roche Privatbank an die Bank Vontobel weiterverkauft. Hummler ist heute Partner der Denkfabrik M1 mit Sitz in St. Gallen. (mge)

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