Widerstand gegen mächtige Getränkeindustrie: Vorarlberger Gemeinde Ludesch bändigt den Roten Bullen

Die Bürger der Vorarlberger Gemeinde Ludesch haben sich gegen ein Bauprojekt der Getränkekonzerne Rauch, Red Bull und Ball gewehrt. Selbst die Aussicht auf ein Millionen-Geschenk konnte sie nicht umstimmen.

Michael Genova
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Red Bull und der Fruchtsafthersteller Rauch dürfen nicht bauen: Die Bürger der Vorarlberger Gemeinde Ludesch fürchten um wertvolle Ackerflächen und Grundwasservorkommen. (Bild: Stefan Beusch)

Red Bull und der Fruchtsafthersteller Rauch dürfen nicht bauen: Die Bürger der Vorarlberger Gemeinde Ludesch fürchten um wertvolle Ackerflächen und Grundwasservorkommen. (Bild: Stefan Beusch)

Wir befinden uns im Jahr 2019 nach Christus. Der Fruchtsafthersteller Rauch will in einer Gemeinde 100 Millionen Euro investieren. Ganz Österreich würde sich um einen solchen Investor reissen. Ganz Österreich? Nein! Ein von unbeugsamen Vorarlbergern bevölkertes Dorf namens Ludesch hört nicht auf, der mächtigen Getränkeindustrie Widerstand zu leisten.

56 Prozent der Stimmberechtigten von Ludesch haben sich vor wenigen Tagen gegen ein Erweiterungsprojekt der Firmen Rauch, Red Bull und Ball ausgesprochen. Weil die drei Betriebe an ihre Kapazitätsgrenzen stossen, wollen sie Lager und Produktion ausbauen. Dafür hätten sie eine zusätzliche Fläche von 6,5 Hektaren benötigt.

In den Vorarlberger Gemeinden Ludesch und Nüziders werden Energy Drinks für die ganze Welt produziert. In einer ausgeklügelten Arbeitsteilung: Red Bull erzeugt in Ludesch das Konzentrat, schickt es nach Nüziders ins Abfüllwerk des Fruchtsaftherstellers Rauch, wo es anschliessend in Aludosen von Ball landet. Neun Millionen Dosen pro Tag verlassen das Werk.

Der Gemeinderat von Ludesch hätte die Expansionsstrategie unterstützt und votierte für eine Umzonung der betroffenen Flächen. Doch die Bürger fürchteten um wertvolle Ackerflächen und Grundwasservorkommen. So packten sie den roten Bullen bei den Hörnern, gründeten eine Initiative und erzwangen eine Volksabstimmung.

Fünf Millionen für einen neuen Kindergarten

Je näher die Abstimmung rückte, desto härter wurde die öffentliche Auseinandersetzung geführt. Drei Tage vor dem Termin machte Rauch den Ludeschern ein Angebot, dass sie nicht ablehnen konnten. Der Getränkehersteller versprach der Gemeinde fünf Millionen Euro für einen neuen Kindergarten – sofern sie der Erweiterung zustimmte. Die Initianten reagierten empört: «Hält Rauch die Ludescher wirklich für käuflich?», schrieben sie auf ihrer Website. Und im österreichischen Fernsehen sagte ein Vater:

«Wir brauchen zwar einen neuen Kindergarten, aber es geht auch ohne Rauch.»

Nach der Abstimmung mahnten Lokalpolitiker, man müsse Familienbetrieben wie Rauch in Vorarlberg eine Perspektive bieten. Eine solche hat die Firma im US-Bundesstaat Arizona offenbar bereits gefunden. Dort will sie für 250 Millionen US-Dollar ein Abfüllwerk bauen. Mit der Niederlage in Ludesch habe dies nichts zu tun, betont ein Firmensprecher.