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800 Jahre Feldkirch: Das "Studierstädtle" feiert Geburtstag

Feldkirch ist die heimliche Hauptstadt Vorarlbergs. Bildung spielt hier eine grosse Rolle. Schon im 15. Jahrhundert studierte ein Drittel der Bevölkerung. Doch eine Universität gibt es im ganzen Ländle bis heute nicht.
Katharina Brenner
Markt auf der Marktgasse in Feldkirchs Innenstadt. Bild: Urs Bucher

Markt auf der Marktgasse in Feldkirchs Innenstadt. Bild: Urs Bucher

Es riecht nach Käse und Fisch, ein paar Schritte weiter nach Thymian. In Feldkirch ist Markt – auf der Marktgasse. Velos werden an geflochtenen Körben und geblümten Kittelschürzen vorbei geschoben, die ersten Anzugträger machen Mittagspause in den Restaurants unter den Arkaden. Hinter den Barockfassaden ragen Felsen empor, so als würden sie diese pittoreske Stadt vor allem Hässlichen beschützen. Ganz ist ihnen das nicht gelungen – der Beton des Einkaufszentrums Illpark war stärker.

Feldkirch ist eine von fünf Städten in Vorarlberg und mit 36485 Einwohnern nach Dornbirn die zweitgrösste Stadt im Ländle. Grösser also als die Hauptstadt Bregenz, die knapp 30000 Einwohner zählt. Das passt, gilt Feldkirch doch als heimliche Hauptstadt Vorarlbergs. Hier befindet sich das Landesgericht, eine Aussenstelle des Bundesfinanzgerichts, das grösste Landeskrankenhaus Vorarlbergs sowie die Wirtschafts- und die Arbeiterkammer Vorarlberg. Umstritten ist, ob Feldkirch auch die älteste Stadt im Ländle ist. «Ich präferiere Feldkirch», sagt Hans Gruber, Leiter der Stadtbibliothek Feldkirch. Das ist klar, so wie Gruber schwärmt für seine Stadt. Er ist hier aufgewachsen, besuchte das berühmte Jesuitengymnasium Stella Matutina, allerdings nur bis zur Oberstufe. Gruber ist Jahrgang 1964, die Schule schloss 1979. Heute ist das Vorarlberger Landeskonservatorium in den Räumen untergebracht – eine weitere hauptstädtische Institution.

Der Erfinder von Sherlock Holmes als Schulkamerad

Er habe als «Stellaner» sehr viel gelernt, sagt Gruber. Doch erinnere er sich auch gut an das furchtbare Heimweh, manchmal träume er noch heute davon, als er mit zehn Jahren ins Internat kam. Heimweh in der eigenen Stadt? Das sei das Schlimmste: das Elternhaus zu sehen, aber nicht heim zu dürfen. Weil die Internatsleitung wusste, wie schwer es die Neuen haben, durften sie die ersten Monate bis Weihnachten nicht nach Hause; später dann einmal im Monat. Prinzen und Fürsten haben die Stella Matutina besucht, auch der Erfinder von Sherlock Holmes, Arthur Conan Doyle. Thomas Mann liess Leo Naphta, eine Figur aus seinem «Zauberberg», die Stella besuchen.

Das Vorarlberger Landeskonservatorium an der Ill im ehemaligen Gebäude des Jesuitenkollegs Stella Matutina in Feldkirch. Bild: Urs Bucher

Das Vorarlberger Landeskonservatorium an der Ill im ehemaligen Gebäude des Jesuitenkollegs Stella Matutina in Feldkirch. Bild: Urs Bucher

Literatur und Musik spielen in Feldkirch eine bedeutende Rolle; das Poolbar-Festival strahlt weit. Teils wird dieses Selbstverständnis dick aufgetragen – buchstäblich. In der Bahnhofshalle stehen die Namen Vorarlberger Autoren und Autorinnen an der Wand: Wolfang Bleier, Eugen Andergassen, Susanne Alge, viele mehr. Daneben ein Zitat des irischen Jahrhundertschriftstellers James Joyce: «Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden», sagte er während eines späteren Aufenthalts in Feldkirch. Während des Ersten Weltkriegs wäre er bei der Grenzkontrolle um ein Haar als «feindlicher Ausländer» verhaftet worden.

Feldkirch kommt der Ostschweiz sehr nah

Auf der anderen Seite der Grenze liegt Rüthi. Näher als in Feldkirch kommt Vorarlberg der Ostschweiz nicht: es ist die westlichste Gemeinde Österreichs. «Bleib offen, Feldkirch» lautet das Motto zum Stadtjubiläum. Eine Aufforderung, weil Feldkirch dabei ist, seine Offenheit zu verlieren? Diese Gefahr sehe er nicht, entgegnet Gruber. Das Motto sei an Geburtstagswünsche angelehnt. Auch wenn umstritten ist, ob Feldkirch die älteste Stadt Vorarlbergs ist; eins ist unumstritten: Feldkirch wurde 1218 erstmals urkundlich als «civitas», als Stadt, erwähnt. Dieses Jahr ist grosses Jubiläum mit Lesungen, Konzerten und einer Ausstellung im Palais Liechtenstein. Das Konzept ist durchdacht, die Räume abwechslungsreich, nicht überladen. Von archäologischen Funden über die Gründung bis zur Zeit des Nationalsozialismus, als die Offenheit fern und die Grenzen geschlossen geblieben.

Im Palais Liechtenstein wird die Jubiläumsausstellung zu 800 Jahren Feldkirch gezeigt. Bild: Urs Bucher

Im Palais Liechtenstein wird die Jubiläumsausstellung zu 800 Jahren Feldkirch gezeigt. Bild: Urs Bucher

Ein besonderer Aspekt des Jubiläums: Humanismus. Die Epoche, welche die Neuzeit einleitete. «Der Humanismus ist eine Haltung, die den Menschen ins Zentrum stellt, anderen mit Respekt begegnet», sagt Gruber. Feldkirch hatte seit dem 14. Jahrhundert eine Lateinschule und lag auf der Route von Italien in den Norden; der Geist der Renaissance kam in die Stadt. 470 Feldkircher – knapp ein Drittel der damaligen Bevölkerung – studierte von 1436 bis 1550 an europäischen Universitäten. Gruber erzählt, er habe einmal vor anderen Historikern die Hypothese geäussert, dass Feldkirch Universitätsstadt geworden wäre, hätten die Habsburger das Haus Montfort nicht so früh abgelöst. Als «Feldkirchzentristisch» wurde er daraufhin bezeichnet.

Entscheidung für eine Fachhochschule

Erste Diskussionen über eine Universität in Vorarlberg hat es womöglich also bereits vor über 600 Jahren gegeben. Doch bis heute gibt es keine Uni im Ländle. Einige bedauern das – auch Politiker aus unterschiedlichen Lagern. Ihre Argumente: eine Universität wertet einen Standort auf und junge Vorarlberger würden nicht mehr abwandern. Die «Vorarlberger Nachrichten» fragten vor ein paar Wochen: Braucht Vorarlberg eine eigene Universität? 72 Prozent klickten Ja. Politisch ist es momentan kein Thema. Das war es in den 1990er Jahren, als sich Vorarlberg dafür entschied, in Dornbirn eine Fachhochschule (FH) zu gründen. Diese zählt heute 1300 Studenten. Feldkirch hat zudem eine Pädagogische Hochschule. Auf die Frage, ob Vorarlberg eine Universität brauche, verweist Barbara Schöbi-Fink, als ÖVP-Landesrätin für Bildung zuständig, auf die FH. Vorarlberg habe sich bewusst für die Fachhochschule entschieden, um den Unternehmen der Region das benötigte Fachpersonal zu sichern. Daneben würden Vorarlberger Studierende auch gern die Angebote der österreichischen Universitäten sowie fallweise der Universitäten der Bodenseeregion nutzen.

Die Fachhochschule Vorarlberg steht in Dornbirn. Bild: Hanspeter Schiess

Die Fachhochschule Vorarlberg steht in Dornbirn. Bild: Hanspeter Schiess

Auf die Frage, ob das Ländle eine Uni brauche, sagte Bundesbildungsminister Heinz Fassmann den «Vorarlberger Nachrichten»: «Ganz offen gesagt: Nein.» Der Minister lobte die Fachhochschule. Wahrscheinlich sei das Land «zu klein, um eine Universität zu tragen, die jene Strahlkraft entwickelt, die eine Universität braucht». Sollte das Thema eines Tages doch relevant werden, ist die Frage: Welche Vorarlberger Stadt würde die Universität bekommen? Manchen gilt Feldkirch in Anlehnung an den Humanismus immer noch als «Studierstädtle». Das klingt nicht schlecht.

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