Interview

St.Galler Bischof Markus Büchel zu sexuellem Missbrauch in der Kirche: «Wir haben uns verpflichtet, jeden Täter, der noch lebt, in Rom zu melden»

Kirchenaustritte, Missbrauchsfälle, Klosterschliessungen: Die katholische Kirche steckt in einer Krise. Der St.Galler Bischof Markus Büchel über sein neustes Versprechen, streikende Frauen und darüber, woran er Nichtkatholiken erkennt.

Katharina Brenner, Regula Weik
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Bischof Markus Büchel: «Die Kirche der Zukunft entwickelt sich vielleicht in Asien oder Afrika.» (Bild: Benjamin Manser)

Bischof Markus Büchel: «Die Kirche der Zukunft entwickelt sich vielleicht in Asien oder Afrika.» (Bild: Benjamin Manser)

Der Katholische Frauenbund ruft Kirchenfrauen zum Streik auf, weil sich die Kirche mit ihnen schwer tut. Verstehen Sie den Aufruf?

Bischof Markus Büchel: Das Anliegen der Frauen verstehe ich gut. Die Frage ist, wie realistisch die Forderungen sind. Dort, wo wir können, setzen wir Frauen ein: in der Seelsorge, in der Katechese, in Leitungsgremien. Die Möglichkeiten, die ich als Bischof habe, reize ich aus.

Ohne Frauen würde die katholische Kirche zusammenbrechen.

Unsere Pfarreien würden ohne das Mittragen von Frauen nicht mehr existieren. Dass in Rom auf oberster Ebene nur über Frauen geredet wird, aber selten mit ihnen, ist ein starkes Missverhältnis.

Geht es zu weit, wenn Frauen die Priesterweihe fordern?

Aus lehramtlicher Sicht gibt es wenig Gründe, sich absolut dagegen zu stellen. Darüber müsste aber ein Konzil entscheiden. Heute gäbe es wohl eine Spaltung der Kirche. Wir gehen bei solchen Erwartungen oder Forderungen immer von unserem gesellschaftlichen Kontext aus. Die Gleichstellung der Frau gilt aber längst nicht in allen Kulturen.

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, keine europäische.

Genau. Das zeigt sich bei weltweiten Tagungen. Ich war an der Familiensynode dabei. Wenn wir von unserem Familienkonzept sprachen, wurden wir von Angehörigen anderer Kulturen einfach nicht verstanden. Das ist eine starke Spannung. Wir müssen anerkennen, dass Afrikaner einen anderen Familienbegriff haben als wir.

Gewisse Fragen lassen sich also gar nicht weltweit gleich beantworten?

Ja. Alles andere wäre Kolonialismus.

Ist dieses Denken mehrheitsfähig? Oder hören Sie den Vorwurf, Sie würden damit den Glauben verraten?

Wir Bischöfe sind uns beim Blick auf die Weltkirche einig. Unsere Hauptaufgabe ist es, Wege zu suchen, wie wir das Evangelium so verkünden können, dass es den Menschen Orientierung, Hoffnung, Liebe und Glauben gibt. Dabei dürfen wir den Fokus nicht nur auf jene lenken, die sich wohl bei uns fühlen. Wenn ich mich damals als Pfarrer von Flawil nur um jene gekümmert hätte, die am Sonntag in die Kirche kamen, hätte ich 70 Prozent der Einwohner vernachlässigt.

Veränderungen können bei treuen Kirchgängern Ängste auslösen.

Auch die Kirche muss sich wandeln. Mit dem Projekt Neuland entwickeln wir sogar neue Berufsbilder. Es gibt in den Gemeinden Menschen, die ein Charisma haben und gewisse Aufgaben innerhalb der Seelsorge besser erbringen als andere, die alle notwendigen Ausweise besitzen, aber die Leute nicht erreichen.

Das tönt fast schon revolutionär.

Das ist es auch. Aber die Kirche hat sich immer von unten her verändert. Und keine Sorge: Wir bleiben im Rahmen des Möglichen.

Das Priesteramt hat für junge Männer an Attraktivität verloren. Was müsste sich ändern?

Es müsste mehr junge Männer geben, die in einem katholischen Umfeld aufwachsen. Es wurden früher prozentual nicht mehr junge Männer Priester.

Welche Rolle spielen Orden, wenn es um den Nachwuchs geht?

Eine wichtige. Leider verlieren wir sie nach und nach. Bei den Priestern sind wir stark von Orden abhängig. Die Steyler Missionare in Rheineck etwa holen junge Priester aus ihren Gemeinschaften auf den Philippinen oder in Afrika. Diese Priester müssen begleitet werden, der Kulturschock kann enorm sein. Viele bekommen Heimweh, bleiben nicht lange.

Das hiesige Personalproblem kann also nicht einfach mit ausländischen Kirchenkräften gelöst werden?

Wenn man glaubt, man könnte einfach Priester aus dem grossen Reservoir in Polen, Afrika oder Indien holen, gelingt das nicht. Vielleicht müssen wir eingestehen, dass der Schwerpunkt der Kirche nicht mehr in Westeuropa liegt. Vielleicht entwickelt sich die Kirche der Zukunft in Asien oder Afrika.

Gewinnen solche Überlegungen mit Papst Franziskus an Gewicht? Er ist der erste Papst aus Südamerika.

Bei der Amazonassynode im Herbst geht es um Christen in diesen weiten Gebieten, die kaum Eucharistie feiern können. Der Papst will das ändern. Denn zum katholischen Glauben gehört, dass man Eucharistie feiern kann. Wenn das nicht möglich ist, müssen wir die Zulassungsbedingungen ändern. Das könnte heissen, dass nicht mehr nur unverheiratete Männer der Eucharistie vorstehen. Wenn solche Veränderungen irgendwo auf der Welt notwendig werden und dann nach Europa herüberschwappen, wirkt das anders, als wenn wir es weltweit vorgeben.

Wird die westeuropäische Kirche als kolonial wahrgenommen?

Ja, wir werden heute manchmal als Neokolonialisten bezeichnet. Kulturelle Veränderungen brauchen Zeit. Diese Zeit müssen wir einander gewähren.

Kritische Kirchenmitglieder drängen auf rasche Veränderungen.

Viele haben diese Geduld nicht mehr. Das verstehe ich. Doch vielleicht brauchen wir in unserer Wohlstandsgesellschaft den Glauben im Moment auch weniger.

Menschen suchen doch immer nach Spiritualität. Wo finden sie Ersatz?

Sie suchen sie heute nicht mehr unbedingt in einem grossen Gebilde, in dem sie wenig Gestaltungsraum haben. Sie wählen aus unterschiedlichen Ritualen und Religionen das aus, was zu ihnen passt.

Immer mehr Menschen wollen nichts mehr von der Kirche wissen, deren Dienste bei Hochzeit oder Taufe aber trotzdem beanspruchen. Wird die Kirche zu einem Selbstbedienungsladen?

In gewisser Weise, ja. Es sind aber wenige, die keine Kirchensteuer mehr zahlen und dann in der Kirche heiraten wollen. Nicht trauen können wir Paare, bei denen beide nicht getauft sind. Wir trauen aber immer wieder Paare, bei denen entweder nur die Frau oder nur der Mann der Kirche angehört.

Dürfen Reformierte in der Kathedrale zur Kommunion gehen?

Ich habe kein Recht, beim Kommunionsempfang jemanden abzuweisen. Manchmal merke ich daran, wie jemand die Hände hält, ob er katholisch sozialisiert ist. Aber ich schicke niemanden weg, weil er oder sie die katholische Handhaltung nicht kennt.

Muss die Kirche offensiver für sich werben?

Werbung für die Kirche läuft am besten über vernünftige, überzeugte Christinnen und Christen. Ein Stück weit sind wir Rufer in der Wüste. Es ist eine grosse Herausforderung, das Gute, das die Kirche macht, darzustellen. Wir versuchen das etwa mit unserer neuen Homepage «Kirchensteuer sei dank», die aufzeigt, was die Kirche mit den Steuergeldern leistet. Dass wir auch zu dem stehen müssen, was nicht gut ist, erfahren wir im Moment von allen Seiten.

Sie sprechen den Missbrauch an.

Ja. Wir haben Fehler gemacht, dazu müssen wir stehen.

In einem offenen Brief schreiben Sie, die Rolle der Sexualität in der kirchlichen Lehre müsse sich ändern.

Die katholische Kirche vertritt eine restriktive Sexualmoral. Während der sexuellen Revolution 1968 brach in der Gesellschaft etwas auf. In der Kirche hat dies zu einer Verkrampfung geführt. Für sie hat Sexualität den Zweck, Nachkommen zu zeugen. Den grossen Werten, die für Menschen in der Sexualität liegen, hat die Kirche zu wenig Beachtung geschenkt. Da muss sie etwas aufarbeiten.

Wie hilft das Bistum den Opfern?

Wir haben schon vor 20 Jahren ein neutrales Gremium geschaffen, bei dem sich Betroffene melden können. Gerade erst hat die Kirche an einer Konferenz in Rom neue, harte Massstäbe für den Umgang mit Tätern definiert.

Welche?

Wir Schweizer Bischöfe haben uns verpflichtet, sobald wir von einem Vorfall erfahren, diesen der Polizei zu melden, auch wenn er Jahre zurückliegt. Dadurch wird der Fall öffentlich, das ist wichtig. Wir haben uns weiter verpflichtet, jeden Täter, der noch lebt, in Rom zu melden. Wenn ein Bischof dies missachtet und es rauskommt, wird er vom Papst abgesetzt.

Das wird tatsächlich passieren?

Ja, dem Papst ist es ernst damit. Dies hat bereits ein chilenischer Bischof erfahren, der abgesetzt wurde.

Das Bistum Chur braucht einen neuen Bischof. Was für einen Nachfolger wünschen Sie sich für den konservativen Vitus Huonder?

Einen, wie ich es bin (lacht). Jeder ist anders. Ich habe Vitus Huonder in vielem verstanden, in manchem auch gar nicht. Nur das Zusammenspiel von allen bringt uns in den gemeinsamen Fragen weiter.