«Bis 48 hatte ich ein super Leben» – wie ein St.Galler plötzlich ohne Besitz dastand und auf Hilfe angewiesen ist

Der Koch M.B. leidet an einer Radioulnaren Synostose und hat deshalb Schmerzen in den Armen. Von «Ostschweizer helfen Ostschweizern» hat er einen Betrag für seine Küche erhalten.

Christa Kamm-Sager
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M.B. fotografiert seine gekochten Menus und teilt sie auf Instagram.

M.B. fotografiert seine gekochten Menus und teilt sie auf Instagram.

(Bild: Ralph Ribi)

Am Tiefpunkt seines Lebens blieben M.B. nur noch seine Kleider am Körper. Die Wohnung weg, seine Frau weg, das Restaurant musste er aufgeben. Wie konnte es so weit kommen? Mit seiner kubanischen Frau hatte der gelernte Koch in St.Gallen drei Jahre lang ein Restaurant geführt. Es lief gut, die Ehe weniger. Seine Frau war immer wieder tagelang weg und liess ihn alleine zurück. Doch auf ihre Hilfe angewiesen, konnte er mit seinem Handicap längst nicht mehr alles alleine bewältigen. Die Ehe ging in die Brüche. Der Restaurant-Traum platzte.

M.B. übernahm ein anderes Restaurant in St.Gallen. Doch seine angeborene Fehlstellung der Arme – die Radioulnare Synostose – machte ihm immer mehr zu schaffen. «Am Schluss konnte ich nicht mal mehr ein Bier zapfen ohne Schmerzen», sagt der heute 53-Jährige mit den akkurat gekämmten Haaren und dem geschienten Arm.

Weil viele Geräte im Restaurant marode waren und enorme Kosten auf ihn zugekommen wären und wegen der zunehmenden Schmerzen, musste er auch dieses Restaurant aufgeben.

«Ich hatte damals lange nicht auf meinen Körper acht gegeben und die Schmerzen auch mit Substanzen unterdrückt. Jetzt rächt sich das.»

Beinahe kam es in dieser Zeit zu einem Unglück: Während er eine Pfanne mit heissem Öl hochheben musste, verliess ihn die Kraft. Das Öl ergoss sich über die Beine eines anderen Kochs. «Zum Glück trug er eine lange Schürze und hat sich nicht verbrannt.»

Ohne Job, ohne Zuhause, allein

Er zog vorübergehend zu seinem Bruder, der ihn in seiner hoffnungslosen Lage gerne unterstützt hätte. Doch sein Leben so nahe mit der Familie des Bruders zu teilen, war nichts für den bald 50-Jährigen. Er wollte wieder selbständig leben und al­leine verantwortlich sein für seinen Alltag.

Da stand er nun: Ohne Job, ohne Zuhause, alleine und mit kranken Armen, die für kaum eine Arbeit mehr taugen. «Bis 48 hatte ich ein super Leben. Und plötzlich ging alles schief.» Nie habe er invalide sein wollen, sagt der heute 53-Jährige, der sich trotz wenig Möglichkeiten Mühe gibt, gepflegt aufzutreten. «Doch jetzt stecke ich mitten in den IV-Abklärungen.» Es sei verflixt: Wer einmal in dieser Spirale drin sei, schaffe es kaum, wieder heraus zu finden.

Bis entschieden ist, ob er eine IV-Rente erhalten wird, unterstützt ihn das Sozialamt der Stadt St.Gallen. Weil es ihm schwerfällt, von dieser Hilfe abhängig zu sein und er liebend gerne arbeiten würde, hat er sich freiwillig in der Gassenküche eingesetzt.

«Dann ging das leider nicht mehr. Die Schmerzen waren zu stark.»

Um selbständig etwas Sinnvolles machen zu können, eröffnete er unter dem Namen «kitchenhelpline007» einen Instagram-Account: Hobbymässig postet B. darauf in unregelmässigen Abständen Bilder von seinen einfach gekochten Menus und manchmal Tipps und Rezepte. «Ich konnte überall und in jeder Lage kochen. Das ist es, was ich von allem am besten konnte. Jetzt ist das leider nur noch im kleinen Rahmen daheim möglich.» Von der Aktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) hat er für seine Küche letztes Jahr einen Zustupf erhalten. «Für 500 Franken habe ich damit Ausrüstung für die Küche gekauft, denn ich hatte vorher fast nichts», sagt er. «Ohne diesen Zustupf hätte ich in meiner leeren Küche kaum kochen können.»

Auf Familie verzichtet

Im Sommer hat er auf den Fenstersimsen seiner kleinen Zweizimmerwohnung Tomaten und Erdbeeren gezogen. Doch jetzt, in der kalten Jahreszeit, sind die Tage lang, eine Struktur darin zu finden, schwierig. «Ich komme kaum unter Leute und es fällt mir schwer, jemanden zu mir nach Hause einzuladen, weil ich keine zwei Stühle besitze.» Auf ein paar wenige Freunde könne er zählen, der Vater sei gestorben, zur Mutter habe er noch ab und zu Kontakt.

«Es war immer mein Traum, eine eigene Familie zu haben. Doch ich habe bewusst auf Kinder verzichtet, weil diese Krankheit erblich ist und ich nicht will, dass meine Nachfahren dasselbe Schicksal hätten erleiden müssen.»

Er sei ein positiver Mensch und wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde er sich gesunde Arme wünschen, damit er wieder ohne jede Einschränkung wunderbare Menus zaubern könnte. «Denn das konnte ich richtig gut.»

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