Birnbaum mit Geschichte

Schweizerhose Ein verwittertes Gehölz sichert in Sargans das Überleben einer raren Birnensorte.

Markus Rohner
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Ausgezeichnete «Schweizerhose». (Bild: fructus)

Ausgezeichnete «Schweizerhose». (Bild: fructus)

Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass es sich um ein äusserst rares Exemplar handelt. Vom Alter gezeichnet, steht der Birnbaum in der Nähe des Sarganser Schlosses auf einer Wiese. Ein paar junge Triebe legen immer wieder Zeugnis ab vom Lebenswillen des vermutlich über 100 Jahre alten Baumes. «Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten», sagt Albin Willi. Der Mann mit Schnauz pflegt und hegt den Birnbaum, den sein Grossvater gepflanzt hat und der ihm längst ans Herz gewachsen ist.

Eine Rarität

Vor bald zehn Jahren ist dieser knorrige Baum plötzlich berühmt geworden. Eine von der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil landesweit durchgeführte Inventarisierung alter Obstsorten hat ergeben, dass er in der Schweiz der einzige ausgewachsene Birnbaum der Sorte Schweizerhose ist. «Culotte de Suisse» heisst die aus Frankreich stammende Frucht auch.

Letzte Woche hat der Baum eine weitere Auszeichnung erhalten: Die schweizerische Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten Fructus hat die Schweizerhose zum Obst des Jahres gekürt. Alle zwei Jahre hängen an seinen Ästen viele kleine saftige Früchte: Ihre rot-grün-gelben Streifen erinnern an die Hosen der Schweizergardisten im Vatikan und haben der Frucht den Namen gegeben.

Albin Willi hat nur eine Erklärung, wie diese Birne den Weg ins Sarganserland gefunden hat. «Mein Grossvater ist in jungen Jahren als Portier bis nach Paris gekommen und muss von dort einen Trieb in die Heimat mitgenommen haben.» Die Wiese, auf der heute die Trouvaille steht, war jahrelang im Besitz seiner Familie. Heute sorgt Albin Willi als Baumverantwortlicher der Ortsgemeinde Sargans dafür, dass Grossvaters Birnbaum noch lange lebt.

Massenrodungen

Dieser Birnbaum ist nur ein Beispiel für andere alte Obstsorten, die ums Überleben kämpfen oder verschwunden sind. Ursachen gibt es viele: Als die Alkoholverwaltung in den 50er- und 60er-Jahren Prämien für jeden gefällten Hochstämmer ausrichtete, wurden die Bäume zu Hunderttausenden umgehauen. Oder als in der Landwirtschaft die Mechanisierung Einzug hielt, waren die Bäume für viele Bauern ein lästiges Hindernis. Von einst 13 Millionen Obstbäumen haben weniger als drei Millionen überlebt.

Von seinem alten Baum hat Willi schon mehrere Abkömmlinge gezüchtet. Allein in seiner Obstanlage in Sargans stehen vier Hoch- und vier Mittelstammbäume. Vier weitere werden direkt unter der Schlossterrasse gepflanzt. Dem «Urbaum» gehe es den Umständen entsprechend gut, sagt Willi. Im Herbst habe er durch einen Sturm allerdings einen grossen Ast verloren. Lange wird der Baum nicht mehr leben, doch in manchen Ostschweizer Gärten und Obstanlagen stehen heute seine Nachkommen.

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