BIODIVERSITÄT: Wenn der Kuckuck verstummt

Die Artenvielfalt im Kanton St. Gallen nimmt ab. Die Zahl der Insekten geht drastisch zurück, und heimische Vögel werden rar. Eine Auslegeordnung nach zehn Kriterien.

Christoph Zweili
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Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Der Kanton St. Gallen hat aufgrund seiner Topografie eine beeindruckende Vielfalt an Lebensräumen auf relativ kleiner Fläche. Doch der Druck auf die Natur steigt, die Biodiversität – die Vielfalt von Ökosystemen, Arten und Genen und ihr Zusammenspiel – ist bedroht. Die in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelten Instrumente zeigen zwar lokal Wirkung, reichen aber nicht aus, um den Verlust der Biodiversität zu stoppen. Dies zeigt eine 2016 durchgeführte Situationsanalyse im Kanton St. Gallen. Bei Amphibien, Insekten, Reptilien, Fischen, Pflanzen, Vögeln und Neuankömmlingen ist der Zustand ungenügend (unten rot dargestellt), lediglich ausreichend (gelb) ist er bei den Fliessgewässern, Fledermäusen und Wäldern.

Die Gesamtartenzahl der Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Vögel und Fische hat sich zwar kaum verändert – sie nimmt dank der sogenannten «Neuankömmlinge» sogar zu. Dem gegenüber steht aber der Rückgang häufiger heimischer Arten: Im Siedlungsgebiet sind Feldlerche und Kuckuck nur noch selten zu hören.

Ein anderes Alarmzeichen: Wer heute mit dem Auto durch die Landschaft fährt, wird meist eine saubere Frontscheibe haben, wie Untersuchungen in Grossbritannien und Deutschland gezeigt haben. Denn: Die Zahl der Insektenarten ist drastisch gesunken. Warum das bei den Insekten wie auch bei anderen Tier- und Pflanzenarten so ist, weiss man nicht so genau: In vielen Bereichen fehlen die Daten zur Beurteilung der Entwicklung im direkten Vergleich zu anderen Kantonen.

Als Grundgerüst für die Biodiversität gelten die Biotope von nationaler, regionaler und lokaler Bedeutung. Im Kanton St. Gallen liegen 170 Flach- und Hochmoore von nationaler und 159 von regionaler Bedeutung; nicht alle schützenswerten Biotope sind im Kanton wirklich geschützt, obwohl die Kantone dazu verpflichtet sind. Die ökologische Qualität der geschützten Moore von nationaler Bedeutung hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verschlechtert. Und noch eines ist alarmierend: Im Kanton St. Gallen liegen 106 Trockenwiesen und -weiden von nationaler und 328 von regionaler Bedeutung. Laut Kanton sind bei 79 Prozent der Trockenwiesen von nationaler Bedeutung die Pflege und der Unterhalt nicht gesichert. Und vielerorts entspreche die Bewirtschaftung nicht den ökologischen Vorgaben.