BIODIVERSITÄT: Der Wald muss sterben, um zu leben

Durch Stürme wie Lothar liegt in Schweizer Wäldern vermehrt totes Holz. Für viele Lebewesen ist das gut: sie sind darauf angewiesen. Doch noch immer herrscht eine «Aufräummentalität». Der Kanton Thurgau bemüht sich daher um mehr Natur im Wald.

Larissa Flammer
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Totholz dient Tausenden Tier- und Pflanzenarten als Lebensgrundlage. (Bilder: Andrea Stalder)

Totholz dient Tausenden Tier- und Pflanzenarten als Lebensgrundlage. (Bilder: Andrea Stalder)

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Der Thurgau hat im Vergleich zum schweizerischen Durchschnitt wenig Waldfläche. Von diesem Wald ist wiederum nur ein ganz kleiner Teil naturbelassen. «Unter Bäumen haben wir das Gefühl, in der Natur zu sein. Dabei ist Wald intensiv bewirtschaftetes Gebiet», sagt Kreisforstingenieur Erich Tiefenbacher. Im Schweizer Mittelland – und damit auch im Thurgau – wird der Wald künstlich verjüngt und damit vielen Lebewesen die Lebensgrundlage entzogen.

Ein naturbelassener, gemischter Wald hat einen Lebenszyklus von 300 bis 600 Jahren. Ein durchschnittlicher Baum wird nach 120 Jahren bereits gefällt. «Dann ist das Holz am wertvollsten», erklärt Ruedi Lengweiler vom Forstamt Thurgau. Doch dadurch wird die ökologisch sehr wichtige Alters- und Zerfallsphase nicht zugelassen. Rund ein Viertel aller im Wald lebender Tier- und Pflanzenarten ist auf Totholz angewiesen, um zu überleben – darunter auch die Fledermaus. «Viele dieser Arten stehen auf der roten Liste», sagt Lengweiler.

Spaziergänger rufen beim Anblick des toten Holzes den Förster

Mit verschiedenen Massnahmen bemüht sich der Thurgau, den Totholzanteil zu erhöhen. Der Waldeigentümer erhält eine finanzielle Entschädigung, wenn er in einem Waldstück gänzlich auf die Bewirtschaftung verzichtet. Ein Beispiel ist die Altholzinsel «Schrandle» im Gebiet der Bürgergemeinde Kreuzlingen. Auf jenen 88 Hektaren wurde seit 25 Jahren nichts mehr gemacht, und auch in den nächsten 25 Jahren werden dort keine Motorsägen kreischen. «Man merkt, das ist eine Oase der Ruhe. Es läuft zwar sehr viel, aber sehr still», sagt Lengweiler. Grüne Gräser bedecken den Waldboden, darunter knacken Äste. Überall liegen und stehen tote Bäume zwischen dem Grün. Der kantonale Fachspezialist für Biodiversität erzählt: «Der Förster hat schon viele Anrufe von Spaziergängern erhalten mit der Meldung, dass hier Bäume gefällt und entsorgt werden müssen.»

Wer durch die Altholzinsel streift, sieht ungewöhnliche Dinge: Bäume mit vier Stämmen etwa. «Bei der Bewirtschaftung würden alle ausser einem schon früh abgetrennt werden», sagt Lengweiler. Grosse Löcher in niedriger Höhe weisen auf Spechte hin. Bei toten Bäumen hämmern sie solche Höhlen, um an die Insekten im Innern des Baumes heranzukommen. Schlafhöhlen sind jeweils viel höher und ausser Sichtweite gebaut. Auf liegenden Bäumen sieht man Tannenschösslinge, die auf dem nährstoffreichen Untergrund keimen.

Die Belastung für den Wald und die Besitzer ist gewachsen

Georg Müller ist Präsident ad interim von Wald Thurgau, dem Verband der Thurgauer Waldeigentümer. Er sagt: «Viele Waldbesitzer kennen den Stellenwert von Totholz und fördern es aktiv.» Er versteht aber auch, dass einige ihr Holz nutzen wollen. Im Thurgau gibt es knapp 9000 private Waldbesitzer – im Schnitt besitzt eine Person also nur 1,3 Hektaren Wald. «Es gilt abzuwägen zwischen Ökologie und Ökonomie», sagt Müller. Durch die Energiediskussion erhalte auch die Verwendung von Restholz eine neue Bedeutung. Im Schweizerischen Zivilgesetzbuch ist festgehalten, dass das Betreten von Wald grundsätzlich jedermann gestattet ist. «Das wurde geschrieben, als noch zwei Millionen Menschen in der Schweiz lebten. Heute sind es viel mehr und trotzdem hat es nicht mehr Wald. Die Belastung ist also gewachsen», sagt Müller. Ihm ist es ein Anliegen, dass Waldbesitzer für ihren Aufwand – auch zu Gunsten der Ökologie und Biodiversität – wertgeschätzt und entschädigt werden.

Am Recht auf freies Betreten des Waldes hält auch das Thurgauer Forstamt fest. «Wir wollen in den Schutzgebieten keine Verbote aussprechen», sagt Förster Lengweiler. Am Rande der Altholzinsel «Schrandle» befindet sich ein Schild, auf dem neben Informationen die Worte «Betreten auf eigene Gefahr» stehen. Ganz nahe am Wegrand werden manchmal tote Bäume zur Sicherheit gefällt. Oder auf fünf Meter gestutzt. Grundsätzlich soll aber alles der Natur überlassen werden. Deshalb sollten Altholzinseln und Schutzgebiete bei kräftigem Wind nicht betreten werden. Denn gerade die grossen Stürme der vergangenen Jahre waren es, die der Schweiz zu mehr Totholz verholfen haben.