BILLETTPREISE: Schwankende Währung auf dem Schiff

Tarifwirrwarr auf dem Bodensee: Auf allen Schiffslinien werden Schweizer Franken und Euro zum tagesaktuellen Umrechnungskurs angenommen. Nur nicht auf der Strecke Rorschach–Lindau. Dort zahlen Schweizer Kunden mehr.

Julia Nehmiz
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Vier Schifffahrtsbetriebe aus drei Ländern müssen sich auf dem Bodensee auf gemeinsame Tarife in zwei Währungen einigen. (Bild: Peer Füglistaller)

Vier Schifffahrtsbetriebe aus drei Ländern müssen sich auf dem Bodensee auf gemeinsame Tarife in zwei Währungen einigen. (Bild: Peer Füglistaller)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

«Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön» – nein, für Stephan R. war die Fahrt über den Bodensee nicht erfreulich. Zum Abschluss der Ferien ging es mit dem Schiff von Rorschach nach Lindau. Das Billett kaufte Stephan R. auf dem Schiff. Der Fahrpreis war nur in Euro angeschrieben: Eine einfache Fahrt kostet 13,30 Euro. Stephan R. wollte das Ticket mit Schweizer Franken bezahlen. Doch das ging nur mit Hindernissen, wie er erbost erzählt. «Franken wurden nur als Geldscheine akzeptiert», sagt Stephan R. «Und das zu einem absurd hohen Umrechnungskurs von 1,25.» Der aktuelle Umrechnungskurs liegt bei 1,17. Er habe mit einem 50-Franken-Schein bezahlt. Als Rückgeld erhielt er 26,70 Euro. Mit Hilfe des Währungsumrechners von Postfinance lässt sich berechnen, dass das Ticket für ihn somit 17 Euro, also rund 20 Franken kostete. Das wirft Fragen auf: Warum der hohe Umrechnungskurs? Warum kann man nicht mit Schweizer Münzen zahlen oder mit Kreditkarte? Und: Wie handhaben die anderen Schifffahrtslinien auf dem Bodensee dies?

Frank Gaffry, Vertriebsleiter der deutschen Bodensee-Schiffsbetriebe GmbH, kann es erklären. Das Tarifsystem auf dem Bodensee ist kompliziert, Schifffahrtsbetriebe aus drei Ländern sind involviert. Und schwankende Währungen.

Der Frankenschock traf auch die Schifffahrt

Seit Jahrzehnten schon gibt es einen Gemeinschaftsverkehr der Schiffsbetriebe aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie teilen sich die Linien und stimmen Fahrpläne und Tarife mit­einander ab. «Früher war die Leitwährung auf dem Bodensee die D-Mark», sagt Frank Gaffry. Die Bodensee-Schiffsbetriebe BSB haben Partnerschaften mit der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft SBS und den Vorarlberg Lines. Heute sei die Leitwährung auf dem Bodensee der Euro. Die Preise der gemeinsam betriebenen Strecke Rorschach–Lindau werden in Euro angegeben. Der Preis in Franken richtet sich danach.

Als nun der Euro gegenüber dem Franken plötzlich in den Keller fiel, standen die Schiffsbetriebe vor einem Dilemma. Entweder hätte man die Euro-Preise erhöhen oder die Franken-Preise senken müssen. «Wir konnten aber nicht einfach nur aufgrund des Gemeinschaftspreises auf der Strecke Lindau–Rorschach unsere Preise erhöhen», sagt Gaffry. Aus demselben Grund konnten die Schweizer nicht die Preise senken. Man einigte sich auf einen Kompromiss. Die Schweizer SBS froren die Preise auf der Strecke Rorschach–Lindau ein, die Deutschen BSB erhoben sie moderat. Aktuell sei man daran, die Preise für kommendes Jahr auszuhandeln.

Den Umrechnungskurs dürfen laut Statuten der Vereinigten Schifffahrtsunternehmen für den Bodensee und Rhein (VSU) die Unternehmen bestimmen: «Bei österreichischen und deutschen Verkaufsstellen sind die Fahrpreise in Euro und bei schweizerischen Verkaufsstellen in Schweizer Franken zu entrichten. Bei Fremdwährungen werden nur Geldscheine akzeptiert, die zu einem vom jeweiligen VSU-Unternehmen festgelegten Umrechnungskurs angenommen werden», heisst es in den Statuten.

Der hohe Umrechnungskurs auf der Strecke Rorschach–Lindau liege am Schweizer Ticketpreis von 17 Franken, sagt Gaffry. Also müsse die Kasse 17 Franken mit 13,30 Euro gleichsetzen. Auf allen anderen Routen halte man sich an den tagesaktuellen Umrechnungskurs.

Den Vorwurf, man könne nicht mit EC- oder Kreditkarte zahlen, entkräftet er mit der schlechten Netzabdeckung auf dem Bodensee. «Da sind wir auch auf der Autofähre nur mässig erfolgreich», sagt Gaffry. Erst in der Mitte des Sees habe man Empfang. Dass man auf den Schweizer Schiffen mit Karte zahlen könne, liege vielleicht am besseren Schweizer Netz.

Bundesamt für Verkehr prüft Aufsichtsbeschwerde

Beschwert habe sich noch nie ein Kunde über die Umrechnungspraxis. Auch bei St. Gallen-Bodensee-Tourismus sind keine Beschwerden eingegangen, ebenso wenig wie bei der Schweizerischen SBS. Einzig beim Bundesamt für Verkehr (BAV): Dorthin hat sich Stephan R. gewandt. «Der vorliegende Fall ist ein Einzelfall», heisst es beim BAV. Das Bundesamt behandelt den Fall als Aufsichtsbeschwerde. Das heisst, das BAV «untersucht die Sach- und Rechtslage und kann – falls tatsächlich ein nicht korrekter Zustand besteht – ein Unternehmen auffordern, den rechtmässigen Zustand herzustellen».

Vielleicht löst sich aber der hohe Umrechnungskurs schon bald in Luft auf. Denn: Auf der Tarifliste 2017 der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt ist der Preis für eine einfache Fahrt von Rorschach nach Lindau mit 14,80 Franken angegeben.

«Seit wann denn das?» fragt Frank Gaffry. Als man die Preise für 2017 gemeinsam diskutierte, habe es von Schweizer Seite geheissen, das Ticket koste 17 Franken. Über den neuen Preis sei er nicht informiert worden. «Wenn wir nun 14,80 Franken mit 13,30 Euro gleichsetzen, dann haben wir ja den realistischen Umrechnungskurs.» Gaffry will bei den Schweizer Anbietern nachfragen, ob der Preis so bestehen bleibt. Dann kann Stephan R. aus München bei seinem nächsten Besuch am Bodensee vielleicht doch das Lied von der lustigen Seefahrt anstimmen.