BILDUNG: Informatik immer zwingender

Die Konferenz der Erziehungsdirektoren erwägt, den Informatikunterricht an Mittelschulen als obligatorisch zu erklären. St. Gallen hat schon Vorarbeit geleistet.

Sina Bühler
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«Das ist eine alte Diskussion», beantwortet Martin Leuenberger die Frage, ob alle Schülerinnen und Schüler programmieren können sollten. «Und es ist genau die Frage, die wir nun beantworten wollen.» Die Schweizerische Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) hat soeben bekanntgegeben, dass sie ein Informatik-Obligatorium an der Mittelschule prüft, Leuenberger koordiniert das Projekt bei der EDK. Informatik sei schon im Lehrplan 21 an der Volksschule vorgesehen, sagt Leuenberger, es sei deswegen nur konsequent, wenn diese Ausbildung auch am Gymnasium fortgesetzt werde.

Wie das konkret ausgestaltet wird, ist Gegenstand einer Anhörung. Bis Anfang Mai haben die Kantone Zeit, um den Entwurf zu beurteilen. Auch Lehrerverbände, Informatik-Organisationen, Universitäten und die parlamentarische Gruppe Digitale Nachhaltigkeit sind eingeladen, sich zum Projekt zu äussern. Wichtig sind dabei auch Überlegungen, wie das Obligatorium im Maturitätsreglement verankert werden soll, das heisst, ob es zum Schwerpunktfach, wie «Wirtschaft und Recht», erklärt wird, oder zum Grundlagenfach. «Dann zählt es für die Matura. Wir müssen festlegen, ob für die Note dann ein Fach mehr dazugerechnet wird oder ein anderes wegfällt», sagt Martin Leuenberger. Das sei natürlich immer wieder eine Konfliktsituation zwischen den Fachschaften an den Schulen. «Jedes Fach ist wichtig, aber die Stundenzahl ist nun mal begrenzt.»

Informatik mit Medienbildung verzahnt

Informatikprofessor Juraj Hromkovic, Leiter des Ausbildungs- und Beratungszentrums für Informatikunterricht an der ETH Zürich, warnt davor, bei anderen Fachrichtungen zu streichen. Er verlangt nach einer grösseren Vision für den Mittelschullehrplan: «Wir müssen im Kontext überlegen, welche Kompetenzen, welches Wissen und welche Denkweisen für eine weitere Entwicklung unserer Zivilisation wichtig sind. Und die gesamten Lehrpläne entsprechend aufräumen.» Bisher sei dies nicht angestrebt worden, auch nicht an der Volksschule mit dem Lehrplan 21. Dort habe man nur über die Methodik nachgedacht und den Unterricht viel zu stark mit Medienbildung verzahnt: «Dabei hat Informatik mit Medienbildung ungefähr so viel zu tun wie Autofahren mit der Physik.»

«Das stimmt», sagt Tina Cassidy, Leiterin des St. Galler Amtes für Mittelschulen, «trotzdem ist Medienkompetenz grundlegend, um in dieser Gesellschaft reif handeln zu können.» Immer wichtiger werde die Fähigkeit, Informationen einordnen, echte Nachrichten von Fake News unterscheiden zu können, die Konsequenzen von Big Data richtig einschätzen zu können. Beim Kanton beschäftigt man sich seit einem Jahr intensiv mit dem Thema Informatik-Obligatorium. Die zuständige Arbeitsgruppe hat soeben ein Papier dazu erarbeitet. «Inhaltlich ist es nicht weit vom EDK-Vorschlag entfernt», sagt Cassidy, durch die Eigenleistung habe man sich in der Diskussion um ein flächendeckendes Obligatorium aber einen Vorsprung verschaffen wollen. Im März wird das Papier vom Erziehungsrat beurteilt, der den Projektauftrag erteilte. Erst dann werde man mehr dazu sagen können.

Die EDK hingegen hat ihren Lehrplan bereits veröffentlicht. Wie Projektkoordinator Martin Leuenberger erläutert, geht es darin um eine breite informatische Grundbildung. «Die Schülerinnen und Schüler lernen die Grundzüge von Programmiersprachen, wichtige technische Hintergründe von Computernetzwerken oder Sicherheitsfragen der digitalen Kommunikation.» Auch die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer wird ein Thema der Anhörung sein. Zwar vergebe die ETH das Lehrdiplom für Informatik schon seit 15 Jahren und das Angebot an Aus- und Fortbildungen sei bereits sehr umfangreich, sagt Institutsleiter Hromkovic. «Aber die Lehrkräfte haben heute noch nicht die notwendigen Kompetenzen.»

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch