BILDUNG: Ghostwriting: HSG scheitert mit Strafanzeige

Die Universität St.Gallen will verhindern, dass Studenten mit gekauften Arbeiten Diplome erschleichen. Doch die Justiz kommt nicht vom Fleck: Die Ghostwriter sichern sich rechtlich ab und ihre Kunden sind unauffindbar.

Adrian Vögele
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Wer seine Masterarbeit von einem Ghostwriter schreiben lässt, muss Tausende von Franken ausgeben – und riskiert eine Gefängnisstrafe, wenn er die Arbeit unter eigenem Namen einreicht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Wer seine Masterarbeit von einem Ghostwriter schreiben lässt, muss Tausende von Franken ausgeben – und riskiert eine Gefängnisstrafe, wenn er die Arbeit unter eigenem Namen einreicht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch

Es klingt ein bisschen nach Aladin und der Wunderlampe. Du bist ein Student in Not und brauchst eine fertige Masterarbeit? Der Geist ist zur Stelle und liefert rasch. Gegen angemessene Bezahlung natürlich – das ist der kleine Unterschied zwischen Märchen und Realität. Und selbst wenn Geld keine Rolle spielt, bleibt ein grosser Haken: Reicht der Student die Arbeit unter dem eigenen Namen ein, macht er sich strafbar. «Erschleichung einer falschen Beurkundung» heisst das Delikt; es kann mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Auch eine fremdgeschriebene Arbeit als Vorlage für ein eigenes Werk zu verwenden, ist nicht zulässig. Der Student muss gegenüber der Universität bestätigen, dass er die Arbeit ohne fremde Hilfe verfasst hat. An der Universität St.Gallen (HSG) reichen die entsprechenden Sanktionen von einem schriftlichen Verweis bis zum dreijährigen Ausschluss von der Hochschule.

Doch das schreckt nicht alle ab – denn Ghostwriting ist schwer zu entdecken. 2015 ging das HSG-Studentenmagazin «Prisma» der Sache nach. Im Artikel wurde Thomas Nemet zitiert, Chef der Ghostwriting-Agentur Acad Write mit Sitz im Kanton Zürich: Seine Firma verfasse jährlich 10 bis 20 Arbeiten für HSG-Studenten. Eine Bachelorarbeit koste bei Acad Write im Schnitt zwischen 4500 und 5500 Franken, eine Masterarbeit 10 000 Franken. Zwei HSG-Studenten gaben anonym zu Protokoll, sie hätten Abschlussarbeiten fremdschreiben lassen. Als Gründe nannten sie etwa familiäre Probleme oder Zeitmangel wegen Jobs neben dem Studium.

Die Universität wollte solche Aussagen nicht einfach stehen lassen. Sie reichte Strafanzeige ein – doch wie sich nun zeigt, führte diese ins Nichts. Polizei und Staatsanwaltschaft fanden keine schriftliche Arbeit, anhand welcher sich der Vorwurf der «Erschleichung einer falschen Beurkundung» auch nur hätte überprüfen lassen. Der «Fall» ist damit für die Justiz abgeschlossen. Die HSG versuchte daraufhin, ihre eigenen Massnahmen gegen solche Betrügereien auszuweiten. Sie prüfte gemäss eigenen Angaben verschiedene Softwarelösungen zur Entdeckung von Ghostwriter-Arbeiten – doch diese hätten nicht überzeugt. Eines der Probleme hierbei: Im Gegensatz zu Plagiaten, also abgeschriebenen Texten, sind Ghostwriter-Arbeiten in der Regel Unikate.

Die Anbieter von Ghostwriting sichern sich rechtlich ab. Auf der Webseite von Acad Write heisst es: «Die meisten Hochschulen haben Richtlinien, denen es widerspricht, eine von einer dritten Person erstellte Arbeit als eigene Prüfungsarbeit einzureichen.» Mit anderen Worten: Die Verantwortung dafür, was mit der Arbeit passiert, liegt beim Auftraggeber. Geschäftsführer Thomas Nemet formulierte es vor einem Jahr in der SRF-Sendung «Rundschau» folgendermassen: «Das ist wie bei einer Waffe: Man kann nicht den Hersteller dafür verantwortlich machen, wenn jemand beschädigt wird.»

Auch Universität Bern scheiterte mit Strafanzeige

Doch kommen die Ghostwriter wirklich derart leicht davon? Strafrechtsprofessoren der Universität Bern reichten ebenfalls im Jahr 2015 Strafanzeige gegen Acad Write ein. Der Vorwurf: Mittäterschaft oder Gehilfenschaft zur Falschbeurkundung. Aber auch diese Anzeige blieb erfolglos. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft Zürich lag kein «Anfangsverdacht für eine Urkundenfälschung» vor, weil Acad Write die Verwendung der Texte für Prüfungszwecke untersage. Zudem liege kein konkreter Fall vor.

Damit bleibt solches Geistertreiben an den Universitäten weiterhin unbestraft. Vielleicht gar so lange, bis sich ein reuiger Ghostwriter-Kunde selber anzeigt und sein Diplom abgibt.