BILDUNG: Begabte dürfen die Schule schwänzen

Bis jetzt gibt es im Thurgau kein kantonales Konzept für die Begabtenförderung. Das soll jetzt ändern: Besonders kluge Kinder sollen künftig mit speziellen Ateliers unterstützt werden. Dafür gibt es sogar eine Dispens vom Regelunterricht.

Larissa Flammer
Drucken
Teilen
In Ateliers sollen besonders begabte Schüler sich «anspruchsvoll vertiefen» können. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

In Ateliers sollen besonders begabte Schüler sich «anspruchsvoll vertiefen» können. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Larissa Flammer

ostschweiz@tagblatt.ch

Junge, vielversprechende Sportler werden im Thurgau vom Kanton gefördert. Sie können die «Swiss Volley Talent School» in Amriswil oder die «Sporttagesschule für Eishockey und Einzelsportlerinnen und Einzelsportler» in Frauenfeld besuchen. Auch junge Musik- und Tanztalente werden speziell begleitet. «Die Begabtenförderungsprogramme Sport und Musik bieten besonders begabten Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, auf der Sekundarschulstufe ihre schulische Ausbildung mit der Entwicklung im Sport oder in der Musik zu verbinden», heisst es in einem kantonalen Rahmenkonzept.

Schulisch besonders begabte Schüler werden in jeder Schulgemeinde separat gefördert. Kantonale Angebote gibt es bis jetzt nicht. Beat Brüllmann, Chef des Amts für Volksschule, erklärt: «Im Sport steht eine Lobby dahinter. Sportverbände wollen ihre Talente gezielt fördern. Kognitiv starke Schüler haben keine solchen Fürsprecher.» Die Thurgauer Musikschulen hätten nachgezogen. «Sport und Musik wird im Gegensatz zu kognitivem Talent auch in der Freizeit gelebt. Da geht es um den Sieg und um Erfolg.»

Vorbereitung für «Schweizer Jugend forscht»

Erst jetzt zieht der Kanton im Bereich schulische Förderung nach. Drei Ämter – Volksschule, Mittel- und Hochschulen, Berufsbildung und Berufsberatung – erarbeiten zurzeit zwei Angebote zur Begabungs- und Begabtenförderung: Ateliers und Impulstage. Im September werden die Kursprogramme vorgestellt, im Frühjahrssemester des nächsten Schuljahrs soll eine dreijährige Pilotphase starten. Die Mittel- und Berufsfachschulen sind nun dabei, das Angebot aufzubauen. Unterstützt werden sie dabei von der Koordinationsstelle Begabungs- und Begabtenförderung.

Die Impulstage richten sich an die interessierten Schüler. Gemäss einem kürzlich erschienenen Bericht des Kantons sollen an diesem Halbtag Begabungen entdeckt und Lernfreude sowie Neugier entwickelt werden. «Die vorhandenen Stärken stärken», wie es Brüllmann formuliert.

Besonders begabte und leistungsfähige Schüler können an einem Atelier teilnehmen. Ein solches umfasst 24 bis 38 Lektionen pro Semester, die Teilnehmer können dafür vom Regelunterricht dispensiert werden. In Ateliers werden Jugendliche zusätzlich zum Lehrplan gefördert und auf Wettbewerbe wie «Schweizer Jugend forscht», Wissenschaftsolympiaden oder Literaturfestivals vorbereitet. Das Ziel lautet gemäss dem kantonalen Bericht: «Ansporn zu herausragenden Leistungen.»

Immer mehr Nachhilfe für begabte Schüler

Ausgewählt für die Teilnahme an Impulstagen oder Ateliers werden Schüler von ihren Lehrern und der Koordinationsstelle Begabungs- und Begabtenförderung. «Es sind nicht die Eltern, die ihre Kinder dafür anmelden», bestätigt Beat Brüllmann. Diese kümmern sich heute mehr denn je darum, dass ihr Nachwuchs gefördert wird und Erfolg hat, wie die Thurgauer Nachhilfelehrerin Charlotte Bertet in einem Interview mit der «Thurgauer Zeitung» sagte. Sie helfe mehr guten Schülern, noch besser zu werden, als schlechten Schülern, den Anschluss nicht zu verpassen. Die neuen Angebote des Kantons haben gemäss Brüllmann gewissermassen den Anspruch, Begabte selber zu fördern und zu verhindern, dass sie auf private Angebote ausweichen müssen.

Die Maturitätsquote spielte beim Entscheid für die Fördermassnahmen keine Rolle. Trotzdem hofft der Chef des Amts für Volksschule, dass vermehrt Schüler an nationalen oder gar internationalen Wettbewerben teilnehmen. «Es ist sicher nicht falsch, Leistung zum Thema zu machen und dafür zu sorgen, dass sie nicht per se negativ konnotiert ist.» Im Thurgau sei man diesbezüglich zu bescheiden. «Ich habe an Kantonsschulen viele hervorragende Maturaarbeiten gesehen und die Schüler motiviert, diese für Wettbewerbe einzureichen. Viele wollten dann aber nicht und glaubten, ihre Arbeit sei doch zu schlecht dafür.» Durch die organisierte Förderung von Fähigkeiten soll diese Hemmschwelle gesenkt werden. Ebenfalls ein Mittel für die Förderung begabter Schüler wäre die Wiedereinführung von Untergymnasien im Thurgau. «Doch das ist politisch ein schwieriges Thema und wäre im Moment wohl nicht mehrheitsfähig», sagt Brüllmann. Der Kanton arbeite deshalb mit den ihm gegebenen Möglichkeiten. Nach der Pilotphase werden die Impulstage und Ateliers evaluiert und je nach Ergebnis weitergeführt.

Aktuelle Nachrichten