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Esoteriker ja, Satanisten nein: Weshalb die Bücher der Toggenburgerin Christina von Dreien in St.Galler Bibliotheken zu haben sind

Die Toggenburgerin Christina von Dreien ist der aktuelle Star der Esoterikszene. Von Dreien hat zwei Bücher publiziert – diese werden auch in den St. Galler Bibliotheken angeboten. Immer wieder müssen die Bibliothekare aber heikle Bücher ablehnen.
Urs-Peter Zwingli
In der Bibliothek in der Hauptpost St. Gallen findet sich ein breites Angebot. (Bild: Urs Bucher)

In der Bibliothek in der Hauptpost St. Gallen findet sich ein breites Angebot. (Bild: Urs Bucher)

Die 17-jährige Christina Meier mischt die Schweizer Esoterikszene auf. Christina von Dreien – wie sie sich in Anlehnung an ihren Wohnort Dreien bei Mosnang nennt – füllt im deutschen Sprachraum Säle mit Hunderten zahlenden Zuhörern. Die Aussagen der jungen Toggenburgerin sind umstritten: So lehnt sie etwa die Organtransplantation ab und bezeichnet die Wissenschaft als Teil eines manipulativen Weltsystems. Zudem behauptet sie, über Fähigkeiten wie Telepathie, Tierkommunikation und Jenseitskontakte zu verfügen.

Der Sekten­experte Georg O. Schmid sagte gegenüber dieser Zeitung, dass sich Dutzende Personen an seine Beratungsstelle Relinfo gewandt haben, weil sie sich Sorgen um Angehörige machen, die sich sehr stark auf von Dreien eingelassen haben.

Ihre Mutter Bernadette von Dreien – quasi ihre Managerin – hat zwei Bücher über Christina und ihre angeblichen Fähigkeiten veröffentlicht. Beide Bücher stehen weit oben auf Schweizer Bestsellerlisten – und sind in mehreren Exemplaren auch in der St.Galler Kantons- und Stadtbibliothek zu finden.

«In einer demokratischen Gesellschaft zensieren Bibliotheken grundsätzlich nicht», sagt die St. Galler Kantonsbibliothekarin Sonia Abun-Nasr auf die Nachfrage, weshalb die Kantonsbibliothek Vadiana Christina von Dreiens Bücher erworben hat.

Auf unterschiedliche Art zugänglich machen

Christina von Dreien (Bild: Beat Lanzendorfer)

Christina von Dreien (Bild: Beat Lanzendorfer)

Die Kantonsbibliothek ist eine wissenschaftlich ausgerichtete Bibliothek, in ihrem Bestand finden sich die zwei esoterischen Bücher nur, weil sie zu den sogenannten Sangallensien gehören: Diese umfassen alle gedruckten und audiovisuellen Medien, die von St. Galler Autoren oder Verlagen veröffentlicht werden oder einen inhaltlichen Bezug zum Kanton St. Gallen haben. Laut dem St. Galler Bibliotheksgesetz muss die Kantonsbibliothek diese Medien möglichst vollständig sammeln, unabhängig davon, was deren Inhalt ist. Rund 75'000 solche Sangallensien sind derzeit im Bibliothekskatalog erfasst. Diese werden auf unterschiedliche Arten zugänglich gemacht. Abun-Nasr sagt:

«Ein Buch wie jenes von Christina von Dreien werden wir beispielsweise nicht werbend in der Bibliothek Hauptpost ausstellen.»

Die Sangallensien umfassen nicht ganz zehn Prozent der Medien, die die Kantonsbibliothek besitzt. Der restliche Hauptteil des Bestandes wird von Mitarbeitern beschafft, die sich auf verschiedene Themen spezialisiert haben. «Auch dort gibt es heikle Medien, über deren Beschaffung wir intern diskutieren», sagt Abun-Nasr.

Vor einigen Jahren sei beispielsweise vom Münchner Institut für Zeitgeschichte eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers «Mein Kampf» erschienen. Abun-Nasr:

«Weil das Buch durch die Kommentierung eingeordnet wird, haben wir uns entschieden, dieses in der Bibliothek Hauptpost zugänglich zu machen.»

Daneben besitzt die Kantonsbibliothek aber auch eine Originalausgabe von 1933 von «Mein Kampf». Diese kann nur mit Voranmeldung im Lesesaal eingesehen werden und ist nicht ausleihbar.

Kein Platz für die Satanistenbibel

Nebst der Kantonsbibliothek ist in der Hauptpost auch ein Teil der Stadtbibliothek untergebracht. Diese ist nach den Bedürfnissen des Publikums und weniger wissenschaftlich ausgerichtet. Die Bücher von Christina von Dreien seien «Ausleihenrenner», sagt Christa Oberholzer, Leiterin der Stadtbibliothek. Bei der Zusammenstellung des Angebotes gehe es nicht um den persönlichen Geschmack des Bibliothekspersonals, sondern darum, was die Nutzer lesen möchten. Oberholzer fügt an:

«Unsere Aufgabe ist es aber, ergänzende Literatur anzubieten, die in diesem Fall die Esoterik und Sekten kritisch beleuchtet.»

In der Stadtbibliothek werden aber auch regelmässig Medienwünsche abgelehnt, die laut Oberholzer «zu extreme Positionen» vertreten. In letzter Zeit waren dies etwa ein Buch von Scientology-Gründer Ron Hubbard oder die «Satanische Bibel» von Anton Szander Lavey, ein Grundlagenwerk des modernen Satanismus.

Sowohl in der Stadt- als auch in der Kantonsbibliothek werden fragliche Medienwünsche im Team diskutiert, fixe Richtlinien dazu gibt es nicht. Kantonsbibliothekarin Abun-Nasr wird über abgelehnte Medienwünsche jeweils informiert, es seien aber nur sehr wenige. Übrigens: Wer die erwähnten Bücher von Christina von Dreien ausleihen möchte, muss etwas Geduld haben: Alle vier Exemplare der Stadtbibliothek sind derzeit verliehen, das Gleiche gilt für die Hörbuchvariante – von Dreiens Buch ist tatsächlich ein Renner.

Digitales Archiv fordert heraus

Das Angebot der Bibliothek Hauptpost in St.Gallen ist gefragt: 2018 wurde eine Rekordzahl von 106698 Besuchen gezählt. Wie der Kanton mitteilt, nahmen die Ausleihen der digitalen Medien stark zu. Die Archivierung digitaler Medien ist für die St. Galler Bibliotheken eine «riesige Herausforderung», wie Kantonsbibliothekarin Sonia Abun-Nasr sagt. «Für eine mittelgrosse Kantonsbibliothek wie die Vadiana ist es wichtig, mit anderen Bibliotheken zusammenzuarbeiten.» Dieser Austausch laufe intensiv.

Abun-Nasr schätzt, dass die systematische digitale Langzeitarchivierung bei der Kantonsbibliothek in den nächsten zwei Jahren eingeführt wird. Die Vadiana arbeitet in diesem Bereich auch mit dem St. Galler Staatsarchiv zusammen. Dieses ist zuständig für die digitale Archivierung aller Unterlagen der kantonalen Verwaltung, der öffentlich-rechtlichen Anstalten und Stiftungen.

«Unser Bestand umfasst 15 bis 20 Terabyte, jährlich kommen zwei bis drei Terabyte an Daten dazu», sagt der Wirtschaftsinformatiker Martin Lüthi, Leiter Aktenführung und digitale Archivierung. Die grosse Herausforderung seien die vielen verschiedenen Dateiformate. «In der Kantonsverwaltung werden über 1000 Softwareapplikationen verwendet, die jeweils eigene Formate produzieren.» Das kann vom PDF oder Excel-File bis zu hochkomplexen Geodaten reichen. Das Staatsarchiv konvertiert diese in rund zehn Standardformate, die abgespeichert werden.

Die Datensätze liegen auf zwei kantonseigenen Servern, die aus Sicherheitsgründen an verschiedenen Standorten installiert sind. Auf diesen werden einmal jährlich auch die Webseiten der Verwaltung gespeichert. «Die digitale Langzeitarchivierung ist eine stetige Aufgabe, bei der immer wieder neue, komplexe Fragen auftauchen», sagt Lüthi.
Diese können technischer, aber auch rechtlicher und organisatorischer Natur sein: «Man kann sich etwa fragen, ob die Social Media-Kanäle der Verwaltung archivierungswürdig sind und wenn ja, wie oft diese gespeichert werden sollen», erklärt Lüthi. Von einer papierlosen Zeit ist das Staatsarchiv aber weit entfernt: Aktuell lagert es rund zehn Kilometer Akten, jährlich kommen hundert bis dreihundert Meter dazu. Das Staatsarchiv übernimmt aber nur etwa fünf Prozent der Verwaltungsakten, nämlich jene, die rechtlich und historisch bedeutungsvoll sind. (upz)

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