Bezirksgericht Arbon
«Sie wussten, dass das Mädchen von der Mutter keine Unterstützung hatte»: Mann wird wegen mehrjähriger sexueller Misshandlung an Stieftochter verurteilt

Ein Mann verging sich an seiner elfjährigen Stieftochter. Nun wurde der 35-Jährige am Dienstag vom Bezirksgericht Arbon zu 24 Monaten bedingt verurteilt.

Christof Lampart
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Die Stieftochter wurde während drei Jahre vom Beschuldigten sexuell missbraucht.

Die Stieftochter wurde während drei Jahre vom Beschuldigten sexuell missbraucht.

Symbolbild: Christof Schuerpf

Ein 35-jähriger Mann wurde am Dienstag vor dem Bezirksgericht Arbon verurteilt. Der Beschuldigte nahm vom Sommer 2012 bis Frühling 2015 am damaligen Wohnort im Thurgau mehrfach sexuelle Handlungen sowie sexuelle Nötigungen an seiner Stieftochter vor. Bei den ersten sexuellen Handlungen im Sommer 2012 war die Stieftochter gerade einmal elfjährig. Nach der Scheidung zog die Mutter 2015 mit ihren Kindern nach Südamerika. Da die Tochter kein gutes Verhältnis zur Mutter hatte, kehrte die junge Frau nach zwei Jahren als noch Minderjährige allein in die Schweiz zurück.

Zum Stiefvater hatte sie seit der Scheidung keinen Kontakt. Dass sie sich drei Jahre nach den letzten Übergriffen trotzdem dazu entschloss, ihn anzuzeigen, erklärte sie mit einem Erlebnis. Sie sei, als sie am Bahnhof Zürich Flyer verteilt habe, von einem Mann sexuell angemacht worden. Aufgrund dessen sei ihr wieder in den Sinn gekommen, was sie als Heranwachsende im Elternhaus erdulden musste. Da sie vom Bruder erfahren hatte, dass ihr ehemaliger Stiefvater wieder geheiratet habe und nun Vater einer kleinen Tochter sei, habe sie sich geschworen, dass «er nie wieder so etwas machen darf».

Angeklagter vermutete hinter Anklage die rachsüchtige Mutter

Das Verhältnis von Tochter und Stiefvater schilderten beide unterschiedlich. Während sie ihn als «dominant, sehr religiös und anstrengend» schilderte, bezeichnete sich der Beschuldigte als vorbildlichen Vater:

«Ich habe mich um die Bedürfnisse der Kinder gekümmert, während die Mutter öfters weg war, rauchte und trank.»

Er vermutete, dass hinter der Anklage – er stritt sämtliche Vorwürfe ab und verlangte Freisprüche – in Wahrheit nicht die Tochter, sondern die rachsüchtige Mutter steckte, die wieder zu ihm habe zurückkommen wollen und ihm sein neues Familienglück nicht gönnte. Das Gericht glaubte ihm nicht. Zwar stünde hier Aussage gegen Aussage, doch seine Ex hätte bei einem solchen Prozess «nichts zu gewinnen», urteilte die Richterin.

Hingegen seien die Schilderungen der Stieftochter «sehr glaubhaft». Sie seien «klar, sachlich und auch in den grössten Punkten widerspruchsfrei gewesen».

Auch habe sie den Beschuldigten nicht unnötig schwer belastet, sondern auch entlastende Momente eingeräumt, sich an Details erinnert und geschildert, wie sie versucht habe, die Übergriffe zu verhindern. So schloss sie ihre Zimmertüre ab oder übernachtete oben im Etagenbett, damit er nicht hinaufkommen konnte. Damit die Mutter nichts mitbekam, liess er nachts im Bad die Dusche laufen. Dies fiel nicht auf – schliesslich musste er wegen seiner Arbeit oft früh raus.

Der Eingangsbereich des Bezirksgerichts Arbon, wo der Mann am Dienstag angeklagt wurde.

Der Eingangsbereich des Bezirksgerichts Arbon, wo der Mann am Dienstag angeklagt wurde.

Bild: Reto Martin

«Egoistische Lust» befriedigt

Die Richterin las dem Mann die Leviten. Er habe die Tatsache, dass zwischen Täter und Opfer ein emotionales Machtgefälle herrschte, zur Befriedigung seiner «egoistischen Lust» ausgenutzt.

«Sie wussten, dass das Mädchen von der Mutter keine Unterstützung hatte und konnten sich darauf verlassen, dass sie der Mutter nichts sagen würde.»

Eine solche Situation sei nur schwer zu ertragen, wenn die einzigen beiden Erwachsenen der Familie in der schweren Phase der Pubertät nicht für die Kinder da seien, um sie durch diese Zeit zu leiten. «Unter diesem psychischen Druck braucht es keine weitere klassische Nötigung, um eine Nötigung herzustellen», urteilte die Richterin.

Ein weiteres Delikt – der Mann liess seine minderjährige Stieftochter auf einem Parkplatz Auto fahren, während er daneben sass – sah das Gericht als verjährt an.

Dass der Mann um die von der Anklage beantragten 25 Monate (davon sechs Monate unbedingt) herumkam, begründete die Richterin mit den verhältnismässig leichten Vergehen. Zwar hatte der Mann seine Tochter unsittlich berührt, sie aber nicht penetriert, weshalb hier von einer «sexuellen Nötigung im leichten Rahmen» auszugehen sei. Des Weiteren sei der Mann unbescholten, verfüge über eine Arbeit, eine junge Familie und sei sozial integriert. Eine teilbedingte Freiheitsstrafe würde jedoch all dies gefährden, weshalb man beim Strafmass auf 24 Monate, bedingt auf vier Jahre, heruntergegangen sei.

Der Angeklagte muss seiner ehemaligen Stieftochter 10'000 Franken Genugtuung bezahlen. Hinzu kommen Untersuchungs- und Verfahrenskosten in Höhe von 16'600 Franken sowie noch nicht ganz bezifferte Anwaltskosten, die aber 25'000 Franken übersteigen.