BEWILLIGT: «Das war reine Zermürbungstaktik»

Die Bauernfamilie Dudler will ein neues Wohnhaus bauen. Sechs Jahre hat sie für das Vorhaben gekämpft. Mit ihrem Unmut über die Umweltorganisation WWF hält die Obersteinacher Familie nicht zurück.

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Die Tage des heutigen Wohnhauses der Familie Dudler sind gezählt.; das Gebäude inmitten der Obstplantagen wird abgebrochen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Die Tage des heutigen Wohnhauses der Familie Dudler sind gezählt.; das Gebäude inmitten der Obstplantagen wird abgebrochen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Regula Weik
regula.weik@tagblatt.ch

«Endlich.» Gisela Dudler sagt nur dieses eine Wort. Fast sechs Jahre hat die Bauernfamilie für ein neues Wohnhaus gekämpft. Und nun liegt sie auf dem langen Tisch in ihrer Wohnstube: die rechtskräftige Baubewilligung. «Endlich», wiederholt Gisela Dudler. «Gott sei Dank!», sagt ihr Ehemann, Rainer Dudler. Es war im Sommer 2010. Und es war an demselben Tisch, als die Bauernfamilie aus Obersteinach beschloss, ihr heutiges Wohnhaus abzubrechen und ein neues zu erstellen. Im März 2011 reichten sie die ersten Pläne ein – der Auftakt einer jahrelangen Odyssee durch die Verwaltungen verschiedener Ebenen. Einsprachen, Projektanpassungen, erneute Einsprachen, erneute Projektanpassungen. Einmal, knapp zwei Jahre ist es her, war die Familie nahe dran an einem definitiven Entscheid. Doch dann passierte das Malheur. «Unser Anwalt verpasste eine Frist», sagt Rainer Dudler. Dass er sich nie mit einem entschuldigenden Wort gemeldet habe, ärgere ihn bis heute. Nach über vier Jahren hiess es für die Familie zurück auf Feld eins. «Die Erkenntnis, dass wir noch einmal von vorne beginnen müssen, war bitter», sagt Rainer Dudler.

Doch Dudlers wären nicht Dudlers, hätten sie sich deswegen von ihren Plänen abbringen lassen. Sie rappelten sich auf und reichten im Dezember 2015 ein neues Bauprojekt für ihr Wohnhaus ein. Ein Haus mit Giebeldach, wie das bestehende, und etwas kleiner als das erste Projekt. Die Anpassungen kamen nicht von ungefähr. Sie waren Kritikpunkte an ihren Plänen gewesen. Dudlers waren guten Mutes, ausreichend auf den Widerstand reagiert zu haben. Doch es kam anders. «Unsere Hoffnung, der hiesige WWF werde sich diesmal nicht einmischen, war von kurzer Dauer», sagt Gisela Dudler. Die Umweltorganisation erhob auch gegen das neue Bauvorhaben Einsprache bei der Gemeinde. Diese wies das Begehren ab. Daraufhin gelangte der WWF mit einem Rekurs ans Baudepartement. Und erneut begann für die Bauernfamilie das lange Warten.

Rückendeckung vom Bauernverband
Irgendwann, es ist Herbst, greift Gisela Dudler zum Telefon und ruft ins Baudepartement an. Der Schriftenwechsel sei abgeschlossen; als nächstes folge der Entscheid. Doch zunächst passiert nichts. Der WWF hat Fristerstreckung beantragt – ein erstes und ein zweites Mal. Vor Weihnachten dann der erlösende Anruf aus St. Gallen: Die Umweltorganisation hat ihren Rekurs zurückgezogen. Dudlers Baubewilligung ist rechtskräftig.

Die Erleichterung der Familie ist auch einige Wochen später noch greifbar. Und wie schon früher, hält sie mit ihrem Unmut über die Umweltorganisation nicht zurück (Ausgabe vom 2. Juli 2016). Der WWF habe in den letzten sieben Monaten «reine Zermürbungstaktik» betrieben, sagt Gisela Dudler. Das Ganze sei doch nur noch «ein Hinauszögern des Hinauszögerns willen» gewesen; inhaltlich habe der Umweltverband nichts Neues hinzuzufügen gehabt. Die Familie beruft sich auf die Bestandesgarantie für Wohnbauten ausserhalb der Bauzone, sofern diese vor 1972 erstellt wurden. So definiert es das neue Gesetz auf Bundesebene, das seit November 2012 gilt und wesentlich durch eine Standesinitiative des Kantons St. Gallen ausgelöst worden war. Das Wohnhaus der Familie Dudler ist weit älter und hat eine spezielle Geschichte. Die Urgrossmutter von Rainer Dudler hatte das Haus vor 110 Jahren gekauft und nach Obersteinach gezügelt; es war zuvor in Untereggen als Schulhaus genutzt worden. Die Bestandesgarantie sei kein Blankoscheck; sie gelte im Rahmen der Rechtsordnung, und das sei im konkreten Fall das Raumplanungsgesetz, hatte der WWF entgegengehalten.

Auf die Frage, was zu ihrem Gesinnungswandel geführt habe, antwortet Geschäftsführer Martin Zimmermann: Der WWF könne nicht mehr verlangen, als dass geltendes Recht eingehalten werde. «Nun ist es halt ab und zu so, dass sich die Rechtslage oder die Rechtsprechung ändert und wir uns deshalb gezwungen sehen, Rechtsmittel zurückzuziehen.» Er verweist auf das Bundesgericht. Es habe aufgrund jüngster Urteile die Rechtsprechung präzisiert. «Dieser Tatsache hätte sich das Baudepartement kaum verschlossen und unseren Rekurs höchstwahrscheinlich abgelehnt.» Es sei von Anfang an klar gewesen, dass ihr Bauvorhaben bewilligungsfähig sei, halten Dudlers dagegen. «Der WWF hielt über Jahre mehrere Juristen des Kantons auf Trab. Verlierer sind neben der Umwelt – unser heutiges Haus ist energetisch eine Katastrophe – auch die Steuerzahler.» Die Familie wirft dem Umweltverband vor, das Rechtssystem «zu missbrauchen, um seine politischen Überzeugungen durchzusetzen». Es spreche für sich, dass der WWF in den meisten Fällen Recht erhalte; auch Dudlers hätten ihr zunächst geplantes Haus «erheblich» verkleinern müssen, entgegnet Zimmermann auf diese Vorwürfe. «Die Familie Dudler soll doch froh sein, dass sie nun bauen kann.»

Die Familie hat stets Rückendeckung vom St. Galler Bauernverband erhalten. «Die Bestandesgarantie gilt für alle, auch für Bauern – und zwar unabhängig davon, ob das Gebäude landwirtschaftlich genutzt wird oder nicht», hatte Geschäftsführer Andreas Widmer immer vertreten. Der Verband sei deshalb froh, dass «der WWF einsichtig war». Es könne darüber hinaus auch nicht sein, dass «der Kanton St. Gallen eine Bewilligungspraxis mit eigenen Spielregeln einführt, wie dies der Rechtsdienst des Baudepartements im Fall der Familie Dudler versucht hat». Dieser hatte in einer früheren Beurteilung durchschnittliche Wohnflächen angeführt – als generellen Massstab. Dudlers erstes Bauprojekt lag darüber; ihr heutiges Wohngebäude misst 1639 Kubikmeter Rauminhalt. «Wir haben nun die Bestätigung, dass der Rechtsdienst Entscheide willkürlich kreiert hatte», sagt Gisela Dudler.

Abbrucharbeiten beginnen nach der Ernte
Dudlers sind einer der grössten Produzenten von Tafelobst im Kanton St. Gallen; ihr Betrieb ist elf Hektaren gross. Die Natur gibt denn auch den Baufahrplan vor; mit dem Abbruch des heutigen Wohnhauses kann erst nach der diesjährigen Ernte begonnen werden. Die Familie rechnet mit einer Bauzeit von acht bis zwölf Monaten; sie hätten bewusst einen Elementbau gewählt – «ausschliesslich aus einheimischem Holz», wie sie betonen. Die Familie zieht vorübergehend in eine Wohnung; in den Obstplantagen wird ein Provisorium erstellt – Energie und Wasser für den Betrieb, ein Schlafplatz, eine Kochgelegenheit. «Die Bauzeit wird eine Herausforderung, vor allem logistisch», sagt Rainer Dudler. Er schmunzelt. Sie seien gestählt: «Die sechs Jahre Rechtsstreitereien sind nicht mehr zu überbieten.»