Raperswilen gewinnt, Grub verliert: So hat sich die Wohnbevölkerung in Ostschweizer Gemeinden entwickelt

Die Bevölkerung in der Ostschweiz wächst – am schnellsten im Thurgau. Entscheidend für den Wohnort ist, ob jemand lieber Auto oder Bus fährt. Der Steuerfuss hingegen wird erst ab einem Einkommen von 200000 Franken relevant.

Katharina Brenner; Regula Weik
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Raperswilen und Grub, die Gemeinde mit dem grössten Wachstum und die mit der grössten Abnahme in der Ostschweiz: Hier die Thurgauer Gemeinde mit knapp 400 Einwohnern. Dort die Ausserrhoder Kommune mit 1003 Einwohnern.

Raperswilen und Grub, die Gemeinde mit dem grössten Wachstum und die mit der grössten Abnahme in der Ostschweiz: Hier die Thurgauer Gemeinde mit knapp 400 Einwohnern. Dort die Ausserrhoder Kommune mit 1003 Einwohnern.

Die Schweizer Wohnbevölkerung ist im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent gewachsen. Auch die Ostschweiz hat dazu beigetragen – am stärksten der Thurgau mit einer Zunahme von 1 Prozent, am geringsten Ausserrhoden und Innerrhoden mit 0,1 und 0,2 Prozent. Damit liegen die beiden Appenzell im schweizweiten Vergleich am unteren Tabellenende, auch in den letzten Jahren waren sie nur langsam gewachsen. St.Gallen liegt mit einer Zunahme von 0,6 Prozent national im Mittelfeld.

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Bevölkerungsänderung Kanton AR

Gemeinde 2017 2018 Bevölkerungsänderung
Schweiz8 484 1308 542 3230,7
Appenzell Ausserrhoden (Kanton)55550,1
Bezirk Hinterland2424–0,1
Herisau1515–0,2
Hundwil957940–1,8
Schönengrund5185332,9
Schwellbrunn11–0,4
Stein (AR)110,4
Urnäsch22–0,5
Waldstatt111,2
Bezirk Mittelland17170,7

Bevölkerungsänderung AI

Gemeinde 2017 2018 Veränderung
Schweiz8 484 1308 542 3230,7
Appenzell Innerrhoden (Kanton)16160,2
Appenzell55–0,3
Gonten110,5
Rüte331,2
Schlatt-Haslen110,2
Schwende22–0,3
Oberegg110,5

Bevölkerungsmässig entwickelt sich der Thurgau also dynamischer als die anderen Ostschweizer Kantone. Auch im nationalen Vergleich wächst er überdurchschnittlich. Für den Thurgau selber ist die Zunahme eher bescheiden: Sie hat in den vergangenen Jahren an Schwung verloren; 2012 hatte sie noch 1,6 Prozent betragen.

Rasantes oder langsameres Wachstum hin oder her: Die Aufholjagd des Thurgau dürfte länger dauern. Ende 2018 lebten mehr als eine halbe Million Personen im Kanton St.Gallen, nämlich 507'573. Im Thurgau waren es zum Jahresende 275'488.

Der Thurgau wird zum Wohnkanton

Noch etwas fällt auf: Der Thurgau wird immer mehr zum Wohnkanton. Das verraten die Pendlerbewegungen: Die Zahl der Zupendler ist halb so gross wie jene der Wegpendler; der St.Galler Arbeitsmarkt lockt die Thurgauer fast gleich stark wie Zürich. Ganz anders die Pendlerbilanz des Kantons St.Gallen; da sind die Zupendler seit Jahren deutlich in der Überzahl. Umgekehrt arbeitet jeder achte St.Galler auswärts – mit Abstand am meisten in Zürich.

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Bevölkerungsänderung Kanton Thurgau

Gemeinde 2017 2018 Veränderung
Schweiz880,7
Thurgau (Kanton)2732761
Bezirk Arbon56560,7
Arbon14140,6
Dozwil706694–1,7
Egnach440,1
Hefenhofen110,5
Horn220,5
Kesswil1991–1
Roggwil (TG)330,1
Romanshorn10111,8
Lineo Devecchi, Co-Leiter des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden an der Fachhochschule St.Gallen (Bild: pd)

Lineo Devecchi, Co-Leiter des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden an der Fachhochschule St.Gallen (Bild: pd)

Dass die Bevölkerung in der Ostschweiz wächst, erklärt Lineo Devecchi mit den «diversen Wohnorten», die sie bietet: ein urbanes Zentrum mit St.Gallen, viele kleine und mittelgrosse Städte sowie viele ländliche Gemeinden. Devecchi ist Co-Leiter des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden an der Fachhochschule St.Gallen. Er sagt, dass sich Familien in der Ostschweiz den Traum vom Einfamilienhaus noch verwirklichen können. In der Zürcher Agglo sei das für die wenigsten möglich. «Viele weichen inzwischen bis nach Weinfelden aus.» Grundsätzlich gelte in der Schweiz, dass alle am liebsten Seesicht hätten.

53 St.Galler Gemeinden sind gewachsen

Von den 77 St.Galler Gemeinden sind gegenüber dem Vorjahr 53 gewachsen. Weesen wuchs prozentual am stärksten (+4,7 Prozent), Rheineck verlor am meisten (–1,9 Prozent). Die Stadt St. Gallen kann sich freuen: Sie wuchs 2018 um 0,4 Prozent. Zum Jahresende lebten 79551 Personen in der Gallusstadt – so viele wie zuletzt vor 50 Jahren. Für das «Selbstverständnis als Zentrum der Ostschweiz und als Stadt» sei es für St.Gallen wichtig, zu wachsen, so Devecchi.

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Bevölkerungsveränderung Kanton St.Gallen

Gemeinde 2017 2018 Veränderung
Schweiz8 484 1308 542 3230,7
St. Gallen (Kanton)5045070,6
Wahlkreis St.Gallen1221220,2
Häggenschwil112,4
Muolen110
St. Gallen75750,4
Wittenbach99–1
Eggersriet220,2
Andwil (SG)123,2
Gaiserwald88–0,1
Gossau (SG)18180

Dass das über Jahre nicht passiert war, findet er unproblematisch. Denn die Stadt habe alles, um ihre Zentrumsfunktion zu erfüllen, wie Theater, Restaurants und soziale Einrichtungen. Ob St.Gallen 4000 Einwohner mehr oder weniger habe, spiele dabei keine Rolle.

Für das Leben in der Agglo und der Stadt sei ein gutes ÖV-Angebot zentral, so Devecchi. Danach kommen Dienstleistungsangebote wie Kindertagesstätten oder Restaurants, dann die Nähe zum Arbeitsplatz. Aufs Land ziehe, wer gerne Auto fährt. Dort spiele auch das subjektive Sicherheitsgefühl eine grössere Rolle. Egal ob Stadt oder Land:

«Die meisten Personen zügeln, weil sie unzufrieden sind mit ihrer Wohnsituation.»

Weil sie Kinder bekommen, weil sie mit dem Partner zusammenziehen oder der Partner gestorben ist. Die wenigsten zügelten, weil sie mit ihrer Wohngemeinde unzufrieden sind.

Oder mit dem Steuerfuss. Dieser spielt laut Devecchi «eine relativ geringe Rolle» bei der Wohnortswahl. Er werde erst ab einem Haushaltseinkommen von 200000 Franken relevant. Selbst dann seien Faktoren wie das Traumhaus oder das kulturelle Angebot entscheidender.

«Gemeinden sollten also vor allem darauf achten, ein attraktives Umfeld zu schaffen.»

Toggenburg ist Aufsteiger des Jahres

Die «boomenden» Regionen im Kanton St.Gallen sind seit Jahren Werdenberg und Rheintal. Gründe sind die starke Industrie und die rigide Einwanderungspolitik im Fürstentum. Aufsteiger des Jahres 2018 ist das Toggenburg. Mit 46443 Einwohnern zählte es erstmals mehr als in den 1990er-Jahren. Devecchi erklärt diese Zunahme mit dem besseren ÖV-Anschluss und Entwicklungsprojekten auf kommunaler Ebene.

Gottlieben, mit 300 Einwohnern eine der beiden kleinsten Thurgauer Gemeinden, hat mit 3,4 Prozent die meisten Einwohner im Kanton verloren. (Bild: Donato Caspari)

Gottlieben, mit 300 Einwohnern eine der beiden kleinsten Thurgauer Gemeinden, hat mit 3,4 Prozent die meisten Einwohner im Kanton verloren. (Bild: Donato Caspari)

Die «boomenden» Bezirke im Thurgau sind Weinfelden, Kreuzlingen und Münchwilen. Generelle Erklärungen dafür zu finden, ist schwierig. Gerade in kleineren Gemeinden können ein Dutzend neue Wohnungen zu einem auffallenden Wachstum führen – prozentual. So sind auch die Spitzenreiter bei der ­Bevölkerungsentwicklung die beiden kleinsten Gemeinden des Kantons. In Gottlieben lebten Ende 2018 gut 300 Personen; 3,4 Prozent weniger als im Vorjahr. In Raperswilen gut 400 Personen; 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr – der grösste Zuwachs in der Ostschweiz.

Ist Wachstum das grosse Ziel jeder Gemeinde? «Generell gilt die Formel: Wachstum gleich gut», meint Devecchi. Ob das allgemein und für alle möglichen Grössen gilt, sieht er kritisch. Wann eine Grenze erreicht ist, sei aber schwer zu sagen. Fest steht: Für das 400-Seelen-Dorf Raperswilen gilt eine andere als für die Ostschweizer Metropole St.Gallen.

Welche Gemeinden wachsen? Und welche schrumpfen? - Die Karte zeigt den Überblick über die Ostschweiz.

Welche Gemeinden wachsen? Und welche schrumpfen? - Die Karte zeigt den Überblick über die Ostschweiz.

Das grösste Wachstum und die grösste Abnahme: Der Überblick über alle Schweizer Kantone. (Grafik: sbu)

Das grösste Wachstum und die grösste Abnahme: Der Überblick über alle Schweizer Kantone. (Grafik: sbu)

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