Urteil
Prozess um totes Mädchen von Staad: Kantonsgericht spricht Eltern vom Vorwurf der vorsätzlichen oder fahrlässigen Tötung frei

Freispruch vom Vorwurf der vorsätzlichen oder fahrlässigen Tötung: So lautet das Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen für die Eltern eines Kleinkindes, das im Sommer 2015 verstarb.

Claudia Schmid
Merken
Drucken
Teilen

Vor einer Woche verhandelte das Kantonsgericht St.Gallen den Berufungsprozess gegen die Eltern eines zweijährigen Mädchens, dessen Leichnam vor etwas mehr als fünf Jahren im Keller ihres Einfamilienhauses in Staad gefunden wurde. Am Freitag gab es nun sein Urteil mündlich bekannt und begründete den Entscheid.

Todesart und Todeszeitpunkt unklar

Beide Elternteile erhielten Freisprüche vom Vorwurf der vorsätzlichen oder fahrlässigen Tötung. Hingegen verurteilte sie das Kantonsgericht wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Vater erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe von 21 Monaten mit einer Probezeit von drei Jahren. Die Mutter wurde zusätzlich wegen Störung des Totenfriedens und der falschen Anschuldigung schuldig erklärt.

Ihr Strafmass ist eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Davon sind zwölf Monate vollziehbar. Bei 18 Monaten gilt eine Probezeit von drei Jahren. Die Beschuldigten haben Verfahrenskosten in der Höhe von über 100'000 Franken zu bezahlen.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Kreisgericht hätten angenommen, dass das Kind am Nachmittag des 3. Juli 2015 allein gelassen worden und an einem Hitzetod gestorben sei, erklärte der vorsitzende Richter zum Urteil. Nach eingehender und sorgfältiger Würdigung aller Beweise gelange das Kantonsgericht zum Schluss, dass diese Annahme nicht haltbar sei.

«Die rechtsmedizinischen Untersuchungen belegen den von der Staatsanwaltschaft und dem Kreisgericht angenommenen Todeszeitpunkt nicht und lassen überdies keinen Schluss auf die Todesart und -ursache zu.»

Auch die Kantonspolizei St.Gallen sei in ihrem Schlussbericht zur Auffassung gelangt, dass der 3. Juli 2015 als Todeszeitpunkt «eher unzutreffend» sei. Und selbst die Staatsanwaltschaft habe vor Kreisgericht eingeräumt, dass nicht gesagt werden könne, an was genau das Kind gestorben sei. «Vor diesem Hintergrund können der in der Anklage enthaltene Todeszeitpunkt und die vom Kreisgericht gestützt darauf angenommene Todesursache nicht als erwiesen betrachtet werden. Da der gesamte Entscheid des Kreisgerichts auf dieser Annahme beruht, ist der vorinstanzliche Schuldspruch nicht haltbar und aufzuheben», erklärte der vorsitzende Richter weiter.

Verletzung der Fürsorgepflicht erwiesen

Laut dem Urteil lassen sich jedoch verschiedene und zum Teil erhebliche Verletzungen der Fürsorgepflicht gegenüber dem Kind nachweisen. Namentlich zu erwähnen sei der Konsum von Kokain während der Stillzeit und die ausgebliebenen kinderärztlichen Besuche trotz Entwicklungsauffälligkeiten. Hierfür seien die Beschuldigten schuldig zu sprechen.

Die Vernachlässigungen hätten aber nicht im von der Staatsanwaltschaft behaupteten und vom Kreisgericht angenommenen Ausmass stattgefunden. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die ungeklärte Todesursache könne nicht gesagt werden, dass die Vernachlässigungen durch die Beschuldigten zum Tod ihres Kindes geführt hätten. «Andere Ursachen bleiben möglich. Auch unter dem Gesichtspunkt der geschilderten Vernachlässigungen scheidet ein Schuldspruch wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Tötung deshalb aus», erklärte der Richter.

Erwiesen sei hingegen, dass die Mutter den Leichnam ihrer Tochter in einen Koffer gesteckt und im Keller versteckt habe. Sie habe damit den Leichnam «verunehrt» und sei deshalb wegen Störung des Totenfriedens schuldig zu sprechen.

Deutlich milderes Urteil gegenüber der Vorinstanz

Damit fiel das Urteil des Kantonsgerichts gegenüber der Vorinstanz deutlich milder aus. Das Kreisgericht Rorschach war zum Schluss gekommen, dass die Eltern für den Tod ihres gemeinsamen Kindes verantwortlich sind. Es hatte aber den Anklagepunkt «vorsätzliche Tötung» in «fahrlässige Tötung» abgewandelt und die Mutter zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren, den Vater zu fünf Jahren verurteilt.

Im Berufungsprozess hatte die Verteidigung mehrheitlich Freisprüche verlangt. Die Anklage forderte hingegen die Erhöhung des Strafmasses auf 8 Jahre Haft für den Vater und 10,5 Jahre für die Mutter.

Der Entscheid des Kantonsgerichts St.Gallen ist noch nicht rechtskräftig. Die ausführliche Begründung erfolgt in einem späteren Zeitpunkt.

Mutter versteckte Leichnam der Tochter in Koffer

Rückblick: Das Elternpaar musste sich 2018 wegen vorsätzlicher Tötung, Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vor Gericht verantworten. Die zweijährige Tochter der beiden Beschuldigten starb im Sommer 2015 in ihrem Kinderzimmer. Die Mutter hatte damals den verwesten Leichnam in einen Koffer gesteckt und im Keller des Einfamilienhauses in Staad versteckt. Vom Kreisgericht Rorschach wurden die Beschuldigten Ende 2018 schliesslich wegen «fahrlässige Tötung» verurteilt. Die Mutter erhielt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, der Vater wurde mit fünf Jahren sanktioniert.

In diesem Einfamilienhaus in Staad fand die Polizei im Sommer 2015 ein totes Mädchen im Keller. Der Leichnam des Kleinkindes war in einem Koffer versteckt.

In diesem Einfamilienhaus in Staad fand die Polizei im Sommer 2015 ein totes Mädchen im Keller. Der Leichnam des Kleinkindes war in einem Koffer versteckt.

Archivbild: Gian Ehrenzeller/key

Die Eltern wollten das Urteil aus erster Instanz nicht akzeptieren und sind in Berufung gegangen. Bei der Verhandlung vom vergangenen Freitag forderte das Paar Freisprüche. Ihre Verteidigerinnen wiesen beim Berufungsprozess darauf hin, dass die Todesursache des Kindes nie geklärt worden sei. Es sei unklar, wo, wann und woran das Mädchen gestorben sei. Man habe es ausserdem nicht geschafft, eine klare Beweislage ohne Spekulationen zu schaffen. Es sei daher nicht ausgeschlossen, dass die Tochter am plötzlichen Kindstod gestorben sei.