Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Berufswahl: Ostschweizer Jugendliche wollen «Influencer» werden

Laut Studien verschwindet durch die Digitalisierung die Hälfte aller Berufe. Die Berufsberatung im Kanton St. Gallen reagiert gelassen auf diese Unsicherheit. Seit ihrer Gründung vor 100 Jahren sind schon viele Berufe verschwunden.
Katharina Brenner
Der Blick in die Zukunft ist für viele der Blick ins Smartphone: Soziale Medien beeinflussen die Berufswahl von Ostschweizer Jugendlichen stark. Bild: Christof Schuerpf/Keystone

Der Blick in die Zukunft ist für viele der Blick ins Smartphone: Soziale Medien beeinflussen die Berufswahl von Ostschweizer Jugendlichen stark.
Bild: Christof Schuerpf/Keystone

Als 1918 die erste Berufsberatungsstelle im Kanton St. Gallen gegründet wurde, fuhren auf den Strassen die ersten Autos. Heute trägt jeder mit seinem Handy die ganze Welt in der Tasche. Und Informationen zu Ausbildungsstellen und Arbeitgebern. Braucht es da noch eine Berufsberatung? «Sie gibt Orientierung in der Informationsflut», sagt Sabine Reinecke, Leiterin Zentralstelle für Berufsbildung im Kanton
St. Gallen. 7440 Personen suchten 2017 Rat für ihre weitere Laufbahn.

Welche Fragen die 53 Berufsberater und Berufsberaterinnen besonders häufig hören, kann Reinecke nicht pauschal beantworten. Zu individuell seien die Gespräche, Vorstellungen und Fähigkeiten. Bei den Jugendlichen sei ein wichtiges Thema, ob sie mit der Schule weiter- oder eine berufliche Ausbildung machen sollen. Die Vorstellungen, die Eltern vom Leben ihrer Kinder haben, spielten dabei eine entscheidende Rolle. Die Berufsberater versuchten, auf die Wünsche der Jugendlichen einzugehen, die stark von den sozialen Medien geprägt seien. «Influencer ist momentan ein beliebter Berufswunsch» – das Platzieren von Markenprodukten in sozialen Medien. Firmen bezahlen diese «Beeinflusser», doch nur sehr wenige verdienen damit Geld.

Die Ostschweiz braucht Informatiker

Statt Influencern braucht die Ostschweiz Fachkräfte, vor allem in der Informatikbranche, im Gesundheitswesen und im Bereich Elektrik und Elektronik. Werden die Jugendlichen gezielt an diese Branchen herangeführt? Früher habe der Berufsberater gesagt, dass der Ofenbauer im Dorf einen Stift suche und dem Jugendlichen diese Ausbildung empfohlen. Heute seien Fähigkeiten und Interesse ausschlaggebend, aber auch der Arbeitsmarkt und das Lehrstellenangebot spielten eine wichtige Rolle. Besonders beliebt bei Jugendlichen ist die KV-Ausbildung. «Damit bleiben ihnen viele Optionen offen», sagt Reinecke. Über 70 Prozent der St. Galler Schulabgänger im Jahr 2017 haben eine Lehre oder Attestausbildung angefangen, 9 Prozent entschieden sich für eine weiterführende Schule.

Anlässlich von 100 Jahren Berufsberatung haben Ostschweizer Persönlichkeiten von ihren Berufsträumen erzählt. Sie wünschte, jemand hätte ihr vom Studiengang «Literarisches Schreiben» in Biel erzählt, sagte die Autorin Rebecca C. Schnyder. Und fragte: «Ob ein Berufsberater dies getan hätte?» Reinecke antwortet: «Wir nehmen solche Wünsche ernst.» Der Berufsberater zeige aber auch mögliche Schattenseiten des Berufs auf. Er überlege mit dem Ratsuchenden, ob es eine Lösung gebe, das Schreiben als zweites Standbein neben einem anderen Beruf auszuüben. «Und wenn jemand einen ganz sicheren Job sucht, würden wir ihm eher vom Schreiben abraten.»

Flexibilität und Offenheit sind gefragt

Sabine Reinecke, Leiterin Zentralstelle für Berufsberatung Kanton St. Gallen Bild: privat

Sabine Reinecke, Leiterin Zentralstelle für Berufsberatung Kanton
St. Gallen Bild: privat

Eine gewisse Unsicherheit auszuhalten, flexibel zu bleiben und offen für Neues
zu sein, spiele in der Zukunft vermehrt
eine Rolle, sagt Reinecke.
Auf Bürokratendeutsch heisst das «Laufbahngestaltungskompetenzen». Pessimistische Studien gehen davon aus, dass in 10 bis 15 Jahren bis zu 50 Prozent der heute bekannten Berufe verschwinden. Setzen sich selbstfahrende Autos durch, braucht es keine Buschauffeure oder Lastwagenfahrer mehr. Weil ein Beruf in zehn Jahren verschwinden könnte,
rät Reinecke heute aber niemandem davon ab: «Das dauert noch eine Weile, und wir
müssen ohnehin alle flexibel bleiben.»

Sie geht davon aus, dass neue Berufe besonders in der Sharing Economy, in der Ressourcen oder Plattformen geteilt werden, sowie in den Bereichen Gesundheit und sozialer Austausch entstehen werden.
Wie sich Berufe verändert haben, zeigt ein Blick auf die Berufslisten, die das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation seit den 1930er-Jahren führt. Über 120 Berufe auf Sekundarstufe II waren 1936 aufgelistet, darunter Korsettschneiderin, Lederzuschneider und Seiler. 2016 waren es noch gut 80 Berufe, die meisten im Gross- und Einzelhandel.

Frauen spielten bedeutende Rolle bei Gründung

Wer hat die Berufsberatung vor 100 Jahren initiiert? Die Antwort überrascht: Frauen. Sie waren als Arbeitskräfte gefragt, da viele Männer in der Armee waren. 1916 schuf die Zentrale Frauenhilfe mit anderen Frauenverbänden eine Berufsberatung für Mädchen. Auch das Streben nach Gleichberechtigung dürfte ein Grund gewesen sein, inspiriert vom Frauenstimmrecht in England und anderen europäischen Ländern. Ab 1918 wurden im Kanton St. Gallen Beratungen für Knaben und Mädchen angeboten, lanciert von der Zentralen Frauenhilfe, dem kantonalen Gewerbeverband sowie dem Kantonalverband der Kaufmännischen Vereine; finanziert zur Hälfte aus privaten Mitteln und zu grossen Teilen von der Pro Juventute. 1920 hatten bereits 14 Bezirke im Kanton Berufsberatungsstellen; die Nachfrage war gross.

Obwohl Frauen also früh Berufe suchen sollten, blieb der Haushalt klar weibliche Domäne. In einer Broschüre von 1968 zu 50 Jahren Berufsberatung St. Gallen heisst es, die Berufsberatung ermuntere Eltern und Mädchen, sich nicht mit dem Minimum an Schulbildung zufriedenzugeben. «Unser Volk benötigt aber nach wir vor – vielleicht heute mehr denn je – tüchtige Hausfrauen und Mütter.» Der Grund: Bei der starken beruflichen Beanspruchung der Väter liege die Kindererziehung oft vorwiegend bei der Mutter. Ist sie berufstätig, müsse sie den Haushalt beherrschen, «damit er für sie nicht eine auf die Dauer untragbare Belastung bedeutet».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.