Berner ergründen den Bodensee

LANGENARGEN. Ein Team der Universität Bern vermisst zurzeit den Grund des Bodensees mit hochmodernen Sonden. Dabei stossen sie auf tiefe Canyons und Wracks. Die Forscher führen eine Schweizer Tradition fort, die 1893 mit Graf von Zeppelin begann.

Marc Engelhard
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Professor Flavio Anselmetti zeigt auf ein Bild des Bodenseegrundes, das mit Farben die unterschiedlichen Tiefen hervorhebt. (Bild: Marc Engelhard)

Professor Flavio Anselmetti zeigt auf ein Bild des Bodenseegrundes, das mit Farben die unterschiedlichen Tiefen hervorhebt. (Bild: Marc Engelhard)

Das Schiff Kormoran tuckert über den Bodensee, Geologe Michael Hilbe steht auf dem Heck und kurbelt eine Sonde aus dem Wasser. Die Wellen brechen am Backbord, das Schiff schaukelt vor der Küste des deutschen Langenargens. In der Kombüse sitzt Professor Flavio Anselmetti vor einem Computer und klickt mit der Maus. Rot, gelb, grün und blau ragt auf dem Bildschirm der Bodenseegrund hervor, Hügel und Täler sind erkennbar. Die beiden Forscher der Universität Bern messen den ganzen See mit einem Fächerecholot. Sie streben Daten, dreidimensionale Modelle und Karten über den drittgrössten Sees Europas an, die es bisher noch nicht gegeben hat.

Den Auftrag für das Grossprojekt hat die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee erteilt, bei der die Schweiz und der Kanton Thurgau Mitglied sind. 612 000 Euro kostet es, 156 000 Euro bezahlt die Schweiz. Anselmetti und sein internationales Team bilden den Bodensee so ab, als gebe es dort kein Wasser – was gemäss Hochrechnungen erst in 15 000 Jahren der Fall sein sollte. Dadurch wird das Gelände sichtbar. 200 Meter tief ist etwa der Canyon beim Delta des Rheins, 40 Meter in die Tiefe geht jener, den die Forscher vor der Insel Mainau gefunden haben. Vor dem Thurgau seien vor allem die Spuren eines Gletschers bemerkenswert, sagt Anselmetti. Dieser habe tiefe Löcher hinterlassen.

Nichts für Schatzsucher

Die Daten auswerten wird das Institut für Seenforschung in Langenargen. Die Bilder dienen nicht nur den Geologen, die wissen wollen, wie sich die Landschaft am Grund des Bodensees verändert. Sie sollen den Gewässerschutz verbessern, denn: «Man muss kennen, was man schützt», sagt Projektleiter Gerd Schröder vom Institut für Seenforschung. Auch können die Behörden mit den Daten besser auf Hochwasser reagieren und Ufer gezielter renaturieren. Archäologen und Hobbytaucher können die Bilder und Karten gebrauchen. Schatzsucher bleiben hingegen auf der Strecke: Sensible Daten über Trinkwasserversorgungen oder Wracks veröffentlichen die Forscher nicht.

Als würde man HD schauen

Bereits von 1986 bis 1990 haben Wissenschafter den See vermessen, die neuen Bilder des Fächerecholots sind aber hochauflösend und um ein Vielfaches detaillierter. Vergleicht man die beiden Ergebnisse, ist der Unterschied so gross wie zwischen normalen Fernsehprogrammen und solchen in HD. «Es ist, als wenn man als Kurzsichtiger ein Bild ohne und dann mit Brille anschaut», sagt Projektmitarbeiter Martin Wessels.

«Die Nachfrage nach dem Fächerecholot ist gross», sagt Professor Flavio Anselmetti. Er hat auch andere Schweizer Seen abgebildet mit seinem Fächerecholot, der einmalig ist in der Schweiz und nun am Bug des Schiffs Kormoran hängt. Den grössten Teil des Thurgauer Bodensees haben die Forscher der Universität Bern noch vor sich. Sie sind aber nicht die ersten Berner, die dem Bodensee auf den Grund gehen. Dreimal haben Experten den Bodensee vermessen. 2013, 1990 und das erste Mal 1893, als Ferdinand Graf von Zeppelin wissen wollte, wie gross der See ist. Dazu holte er ebenfalls Forscher aus Bern zu sich.

Tiefste Stelle ist bei Uttwil

Der Bodensee ist zwischen Bregenz und Bodman 63 Kilometer lang und zwischen Romanshorn und Friedrichshafen 14 Kilometer breit. An der tiefsten Stelle zwischen Fischbach und Uttwil misst er 254 Meter.

An diesen Grössen wird sich auch mit der neuen Messmethode kaum etwas ändern. 1893 haben die Berner Wissenschafter diese Masse mit einem einfachen Lot ermittelt, das sie 11 000mal ins Wasser plumpsen liessen. Das ergab 80 Lotungen pro Tag. Das Fächerecholot schafft das hundert Jahre später in einer hundertstel Sekunde.

Das Fächerecholot befindet sich am Bug des Schiffes.

Das Fächerecholot befindet sich am Bug des Schiffes.

Ein Forscher kurbelt eine Sonde aus dem Wasser, mit der er die Schallgeschwindigkeit des Fächerecholots misst.

Ein Forscher kurbelt eine Sonde aus dem Wasser, mit der er die Schallgeschwindigkeit des Fächerecholots misst.

Das Schiff Kormoran wird noch bis Juli oder August auf dem Bodensee fahren und mit dem Fächerecholot Daten des Grundes sammeln. (Bild: pd)

Das Schiff Kormoran wird noch bis Juli oder August auf dem Bodensee fahren und mit dem Fächerecholot Daten des Grundes sammeln. (Bild: pd)