BERNECKER EX-GEMEINDEPRÄSIDENT: Psychiater: "Sexuelle Umpolung ist nicht möglich"

Der frühere Gemeindepräsident von Berneck hat sich an Pornobildern minderjähriger Mädchen sowie an Gewalt- und Tötungsfantasien ergötzt. Thomas Knecht, leitender Arzt der Forensischen Psychiatrie im Kanton Appenzell Ausserrhoden, im Interview.

Marcel Elsener
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Kinder als schwächste Glieder unserer Gesellschaft bedürfen eines speziellen Schutzes vor Übergriffen. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Kinder als schwächste Glieder unserer Gesellschaft bedürfen eines speziellen Schutzes vor Übergriffen. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Der wegen Pornografie mit Minderjährigen verurteilte ehemalige Gemeindepräsident ist seit seinem Geständnis in einer deliktorientierten ambulanten Therapie. Wie läuft eine solche Therapie ab?
Zunächst ist die Frage zu klären: Mit oder ohne Medikamente. Bei hoher Triebstärke und schwacher Selbstkontrolle braucht’s zumindest eine Zeitlang triebdämpfende Medikamente. Sonst steht die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie im Vordergrund. Dazu gehört eine Therapievereinbarung, welche Dinge wie die Sitzungsfrequenz und die Berichterstattung an die Justiz genau regelt.

Und um was geht es in der Therapie?
Typische Themen, mit denen man sich auseinandersetzt, sind: gefährliche Neigungen und Fantasien, problematischer Internetkonsum, exakte Deliktrekonstruktion, Einfühlung in das Opfer, Mittel der Selbstkontrolle, Vermeidung von Risikosituationen. Das Ziel ist immer die Rückfallfreiheit, nicht eine sexuelle Umpolung, da letzteres gar nicht möglich ist.

Das heisst mit anderen Worten: Ein Pädophiler wird immer pädophil bleiben?
Ja, er kann daneben auch noch normale Neigungen haben.

Die Delikte passierten im Internet und in Chats. Macht es einen Unterschied für die Therapie, wenn die Fantasien nur virtuell vorgestellt und nicht real ausgelebt werden?
Die Ausführung eines "Hands-on-Deliktes", das heisst mit direkter Opferbeteiligung, rückt schlagartig näher, sobald eine reale Zielperson miteinbezogen wird. Von den Tätern, die wegen betrachtendem Konsum erwischt wurden, geht nur ein kleiner Teil zu handfesten Übergriffen über. Das ist für die Prognose von Bedeutung.

Thomas Knecht (Bild: Reto Martin)

Thomas Knecht (Bild: Reto Martin)

Sie erwähnten die Rekonstruktion der Delikte. Demnach wird der Täter mit seinen konkreten Vergehen konfrontiert?
Ja, das ist von grösster Bedeutung: Der Täter muss sich noch einmal voll und ganz mit seiner Tat und den damit verbundenen Gefühlszuständen konfrontieren. Das kann recht hart und beschämend sein, aber er wird vom Therapeuten eng begleitet. Rollenspiele können bei dieser Arbeit durchaus Verwendung finden, damit der Täter ein neues Verhaltensrepertoire einüben kann.

Ist es in einem solchen Fall immer eine Einzeltherapie, oder käme auch eine Gruppentherapie in Frage?
Wenn eine Gruppe mit passender personeller Zusammensetzung zur Verfügung steht, würde ich dieser Form sogar den Vorzug geben. Die gleichartig Betroffenen rücken sich mit einer gewissen Schonungslosigkeit zu Leibe und lassen sich gegenseitig keine Ausflüchte durchgehen.

Wie lange dauert eine solche Therapie, wann zeichnet sich eine Heilung ab?
Das Gesetz sieht eine maximale Höchstdauer von fünf Jahren vor, allerdings mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere fünf Jahre. Bei überzeugendem Resultat kann auf Antrag hin schon früher ein Abschluss genehmigt werden. Ein qualifiziertes Gruppenprogramm umfasst beispielsweise ein Grundangebot von 18 Monaten, was aber bei Bedarf verlängert werden kann. In den günstigsten Fällen kann sich also schon nach eineinhalb Jahren eine deutliche Besserung abzeichnen.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, dass eine Therapie Erfolg hat?
Besonders günstige Voraussetzungen sind ein klares Unrechtsbewusstsein, eine Anerkennung des Veränderungsbedarfes sowie eine starke Motivation, an sich selbst zu arbeiten. Wer ehrlich bereut, ist gewöhnlich auch bereit zur Umkehr. Diese ist aber mit einem gehörigen Aufwand und einigen Unannehmlichkeiten verbunden.

Im vorliegenden Fall kommt ein Gutachten zum Schluss, dass eine hohe Rückfallgefahr droht. Was könnte das bedeuten?
Nun, im Bereiche der Sexualdelinquenz sind hohe Basis-Rückfallquoten leider üblich, bei den Homopädophilen, der ungünstigsten Gruppe, beträgt sie sogar über 50 Prozent. Bei reinen Internet-Tätern sind mir leider noch keine exakten Werte bekannt.

Bei einer derart gravierenden Veranlagung, bis hin zu Gewalt- und Tötungsfantasien mit Kindern - wie würden Sie die Erfolgschancen einschätzen?
Es mag vielleicht erstaunen, aber die Abnormität oder Aggressivität der Sexualpraktiken respektive Fantasien sind nicht unbedingt die entscheidenden Faktoren in Bezug auf die Rückfallwahrscheinlichkeit. Die Gesamtpersönlichkeit wiegt hier mindestens so schwer wie die Trieborientierung. Denn sie ist es, die letztlich entscheidet, welches Triebverhalten zugelassen wird und welches nicht. Die Art und Menge der bereits begangenen Delinquenz ist daher ein besseres Mass für das Rückfallsrisiko als die Befremdlichkeit der sexuellen Fantasien.

Wie lässt sich eine therapierte Person nach Abschluss des Verfahrens kontrollieren?
Wenn die Massnahme wirklich abgeschlossen ist, gibt es keine Nachkontrollen mehr. Um zu prüfen, ob eine Behandlung gelungen ist, gibt es verschiedene Anhaltspunkte: einwandfreie Bewährung bis dahin, gutes Risikomanagement, das heisst Lebensstiländerung mit Elimination aller Versuchungssituationen, reifere Einstellung mit der Fähigkeit zur Opferempathie, wenn möglich: Etablierung eines Erwachsenen-Sexuallebens. Um nur einige zu nennen.

Den Lebensstil zu ändern und alle Versuchungen zu elimieren: Das heisst in diesem Fall ein Leben ohne Internet?
Das ist heute wohl nicht mehr realistisch, aber evenuell keinen Privatanschluss oder nur mit gesperrten spezifischen Suchwörtern.

Was hat sich denn für einen Psychiater im Internet-Zeitalter verändert? Steigen die Pornografie-Delikte, weil die Bilder leichter zugänglich sind als früher?
Ja, das Internet ist eine grosse Versuchung. Der Konsument glaubt sich in seinen eigenen vier Wänden in trügerischer Sicherheit, verliert alle Hemmungen und wird blitzschnell mit dem abartigsten Material bedient. Die Vorstellung, dass einem die Justiz gleichsam über die Schulter gucken kann, ist gewöhnlich weit weg. Da ist die Hemmschwelle um einiges tiefer als in der Zeit davor, als man sich seine Erotika noch im Sexshop oder am Kiosk holen musste.