BERGBAHNEN-STREIT: Die verletzte Seele von Wildhaus

Das Übernahmeangebot der Toggenburg Bergbahnen an die Wildhaus Bergbahnen hat für viel böses Blut gesorgt. Funktionieren wird es nicht, nur wenig Aktien werden den Besitzer wechseln. Dies zeigt die Nachfrage vor Ablauf der Frist.

Regula Weik, Christoph Zweili
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Sessellift der Bergbahnen Wildhaus AG auf die Gamsalp. (Bild: PD)

Sessellift der Bergbahnen Wildhaus AG auf die Gamsalp. (Bild: PD)

Regula Weik, Christoph Zweili

ostschweiz@tagblatt.ch

Wer sich im Obertoggenburg umhört, stellt rasch fest: Im aktuellen Bergbahnenstreit spielen unternehmerische Überlegungen bei den Aktionären eine untergeordnete Rolle. Es sind die Emotionen, die den Ausgang bestimmen werden. In die Karten lassen sich die Aktionäre der Bergbahnen Wildhaus AG nicht blicken. Zu klein ist das Gebiet. Zu eng die Banden. Zu gross die Befürchtung, falls einer im Innersten die «Eppenberger-Idee» doch nicht ganz abwegig finden sollte, als Abtrünniger verschrien zu werden. Hinter vorgehaltener Hand gibt es durchaus Sympathien für das «feindliche» Angebot: «Rein unternehmerisch betrachtet, losgelöst von allen Emotionen, ist die Strategie der Toggenburg Bergbahnen AG längerfristig womöglich nachhaltiger. Ihr Fokus ist nicht so sehr auf den Winter gerichtet und sie verfügen über mehr Geld.» Und weshalb gibt der Aktionär seine Anteile dennoch nicht weg? «Das ist eine Herzensangelegenheit.»

Eine Bergbahnaktie ist keine Wertanlage, die Gewinn abwerfen müsse, sagt eine Aktionärin und fährt fort: «Egal, ob 25 oder 150 Franken geboten werden: Es ist eine Frage des Stils.» Es gehe nicht an, «einfach ein Inserat für eine unfreundliche Übernahme zu schalten und dann zu hoffen, die dummen Wildhauser würden dankbar annehmen». Verletzter Stolz? «Nein. Aber verletzt sind wir schon.» Er habe die Aktien mit der Zeichnung bereits abgeschrieben, sagt ein Heimweh-Wildhauser. «Ich hätte das Geld auch spenden können.» Auch er verkauft nicht. «Es ist ein rein emotionaler und kein rationaler Entscheid.»

Wie schätzt Rolf Züllig, Gemeindepräsident von Wildhaus-Alt St. Johann, die aktuelle Situation ein? «Meine Einschätzung? Die Bereitschaft zum Aktienverkauf ist sehr gering.» Ist die Idee eines einzigen Unternehmens am Berg derart abartig? «Überhaupt nicht», sagt Züllig. Er sperre sich nicht grundsätzlich dagegen. «Aber eine solche Lösung lässt sich nicht erzwingen. Erst recht nicht, wenn das Ergebnis unberechenbar ist.» Auf Nachfrage erklärt er: «Wir wissen nicht, welche Strategie die neue Gesellschaft für den Berg verfolgen wird.» Heute hätten die beiden Bahnunternehmen keine unterschiedliche Strategie, auch wenn dies immer wieder moniert werde. Sie hätten vielmehr ein unterschiedliches Marketing – entsprechend ihrem unterschiedlichen Zielpublikum, Familien in Wildhaus, «gehobenere» Gäste in Unterwasser. Dies allein widerspreche sich nicht und hätte auch künftig Platz am Berg – «so es denn gewollt wird». Klar ist, welche Strategie Züllig Bauchweh bereiten würde: «Wenn die neue Gesellschaft primär dem Shareholder und Profit verpflichtet wäre, der Wildhauser Strang nicht erneuert und auf die Chäserrugg-Achse fokussiert würde.»

Breit verankerte Publikumsgesellschaft

«Ich weiss nichts von Verkäufen, beziehungsweise Umtauschen unserer Aktionäre», sagt Jakob Rhyner, Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Wildhaus AG. 2060 Aktionäre sind es derzeit. Sie halten die 33656 Aktien im Wert von je 200 Franken, was ein Aktienkapital von rund 6,7 Millionen Franken ergibt. Die meisten Aktionäre sind aus dem Toggenburg, weitere kommen aus dem Thurgau und aus Zürich. Einige besitzen 100, andere 20 oder gar nur eine einzige Aktie. «Wir sind eine klassische, breit verankerte Publikumsgesellschaft, getragen von viel Herzblut. Was unsere Aktionäre vereint, ist ihr Faible für das Obertoggenburg.»

Grossaktionärin ist die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann mit ursprünglich Aktien im Wert von 500000 Franken; im Rahmen des Projekts Wildhaus 2.0 hat die Bürgerschaft weitere 500000 Franken zugesagt. Die Gemeinde Grabs besass 250 Namenaktien; auch sie hat 2016 mit Blick auf das Ausbauprojekt ähnlich wie Wildhaus-Alt St. Johann weitere 125 Namenaktien dazugekauft. Grösste Grabser Eigentümerin ist die Ortsgemeinde; sie besitzt 435 Aktien. «Unser Unternehmen ist heute kerngesund», sagt Rhyner. So gesund, dass es sich vehement gegen das «feindliche Übernahmeangebot» der Toggenburg Bergbahnen AG zur Wehr setzt. Das will der Verwaltungsratspräsident auch seine Aktionäre noch einmal wissen lassen, sie erhalten heute Post.

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann besitzt Aktien beider Bergbahnunternehmen. Hat ihr Präsident zwei Seelen in seiner Brust? «Ich fühle mich verantwortlich für das gesamte Obertoggenburg», sagt Züllig. Hinzu komme: Ein Bergbahnunternehmen sei in seinen Augen kein gewöhnliches KMU. «Es ist Teil einer Destination. Wir sind eine Art von Schicksalsgemeinschaft.» Als sich die Gemeinde entschlossen habe, für weitere 500000 Franken Aktien der Bergbahnen Wildhaus AG zu kaufen, habe sie der Toggenburg Bergbahnen AG angeboten, sich mit dem gleichen Betrag auch an ihrem Unternehmen zu beteiligen. «Unser Angebot wurde abgelehnt.» Man wolle sich nicht von der öffentlichen Hand abhängig machen, habe die Begründung gelautet. Züllig hat dafür kein Verständnis. Es gelange kein Gast einer Bergbahn im Obertoggenburg ohne Strasse oder Bahn dorthin – «alles Infrastruktur der öffentlichen Hand».

Auf die Anschlussfrage, ob andere Projekte oder das Image des Obertoggenburgs unter dem Bahnenstreit leiden, antwortet Züllig: «Der Kollateralschaden für die Region ist riesengross.» Auch wenn er sich mit Zahlen und Geldbeträgen nicht beziffern lasse. Einer, der sich aktuell für ein Projekt im Obertoggenburg engagiert, ist Ma­thias Müller. Der Lichten­steiger Stadtpräsident und Präsident von Klangwelt Toggenburg macht sich gemeinsam mit einer Interessengruppe aus dem Tal für eine Neuauflage des Klanghauses am Schwendisee stark. Der Streit zwischen den beiden Unternehmen sei «unschön», doch bislang habe er nicht auf ihr Vorhaben durchgeschlagen. «Die Leute können schon unterscheiden.»

Das Obertoggenburg hänge stark vom Tourismus ab, sagt Daniel Blatter, Geschäftsführer Region Toggenburg. Der Bahnenstreit und die damit verbundene Unsicherheit seien «imageschädigend» für die Region. «Der Gast gibt den Takt vor. Seine Zufriedenheit oder eben seine Unzufriedenheit mit einer Leistung ist matchentscheidend.» Plädiert er für noch ein Unternehmen am Berg? «Es wäre sicher ideal, wenn alles aus einer Hand geführt würde.» Doch rasch fügt er an: «Die Zeit dafür ist noch nicht reif. Es braucht noch einige Jahre.»

«Es werden Aktien abwandern, aber wohl wenige»

«Die TBB-Verwaltungsratspräsidentin Melanie Eppenberger wird ihr Ziel der Aktienmehrheit von 51 Prozent nicht erreichen», sagt Jakob Rhyner. «Es werden wohl Aktien abwandern, aber wohl verschwindend wenige».

Die Gemeinde Grabs bestätigt diese Einschätzung. «Wir verkaufen nicht», sagt Gemeindepräsident Niklaus Lippuner. Das gemeinsame Winterticket sei gesichert bis 2018/19. «Das ist für uns absolut zentral. Es gibt keinen Grund, auf das unmoralische Angebot der TBB einzugehen.» Im TBB-Verwaltungsrat sitzt seit 2012 der Skispringer und vierfache Olympiasieger Simon Ammann. Welche Rolle spielt der inoffizielle Botschafter für das Toggenburg? «Steht er hinter dem Angebot?», fragte ein Leserbriefschreiber Anfang Woche. «Er wäre doch der Richtige für eine Vereinigung der Bergbahnen.» Fragen, auf die es bis heute keine Antwort gibt. Ammann, der in Wildhaus das Skispringen gelernt hat, liess die Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet.

«Irgendwann sind es die Leute leid, Gotte- oder Götti-Funktion für die Region zu übernehmen», sagt Gemeindepräsident Züllig. Auf die Frage, wie gross der Graben in der Bevölkerung im Tal sei, antwortet Züllig mit einem Appell: «Lasst Euch nicht entzweien. Lasst keinen Keil zwischen Euch treiben.»