Bereit zum Abflug

Klimawandel Die Mauersegler sind schon weg, die Rauchschwalben beinahe. Sie überwintern im Süden. Doch immer mehr Zugvögel bleiben im Herbst länger hier. Und manche treten die Reise gar nicht erst an.

Katharina Brenner
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Die Mauersegler sind die ersten, die die Ostschweiz verlassen. Ende Juli und Anfang August brechen sie ins südliche Afrika auf. «Im Normalfall reisen Männchen und ein kleinerer Teil der Einjährigen zuerst und die restlichen Altvögel und Jungen etwas später», sagt Gaby Schneeberger von der Seglerberatung der Stadt St. Gallen. Sie hat dieses Jahr rund 990 Nistplätze in der Stadt gezählt, die von Mauerseglern belegt waren.

Der Mauersegler ist eine von knapp 100 Zugvogelarten, die in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und beiden Appenzell brüten. Michael Gerber von Birdlife Schweiz geht von rund einer Million Individuen aus. Arten, die vor allem in der Ostschweiz vorkommen, gebe es kaum. Eine der wenigen sei der Gelbspötter. Gelbspötter gehören wie Mauersegler zu den Langstreckenziehern. Diese überqueren die Sahara und legen mindestens 3500 Kilometer zurück. Deshalb brechen sie früher Richtung Süden auf als Kurzstreckenzieher. Diese überwintern im Mittelmeerraum und reisen wenige hundert bis zu 2000 Kilometer weit.

Stare bleiben häufiger hier

Es gebe etwas mehr Kurz- als Langstreckenzieher, sagt Gerber. Zu den hiesigen Kurzstreckenziehern zählen Stare – zumindest einige von ihnen. Denn Stare sind Teilzieher. Sie fliegen Ende Oktober in den Süden – oder auch nicht. «Immer mehr Stare, Mönchsgrasmücken und Zilpzalps überwintern inzwischen hier», sagt Gerber. Der Grund dafür seien die milderen Winter. Generell seien aufgrund zunehmender Temperaturen in den vergangenen Jahren eine frühere Ankunft und spätere Abreise der Zugvögel festzustellen. Die Anpassung an das veränderte Klima sei weder positiv noch negativ zu bewerten, sagt Gerber. «Kommt jedoch unerwartet ein strenger Winter, kann das zum Problem für die Vögel werden.»

Allgemein sind Kurzstreckenzieher flexibler. «Sie können die Grosswetterlage in Europa oft im Winterquartier miterleben und ihre Rückkehr ein Stück weit danach richten.» Bei sehr gutem Wetter können sie mit dem Abflug im Herbst noch etwas warten, weil sie bei einem Kälteeinbruch relativ schnell ins Winterquartier gelangen. «Langstreckenzieher hingegen können das Wetter in Europa nicht abschätzen. Sie ziehen zu festeren Zeiten», sagt Gerber. Ihre Ankunft könne sich verzögern, wenn das Wetter auf dem Weg lange Zeit sehr schlecht sei und die Vögel zu einer Rast zwinge. «Zugvögel ziehen bevorzugt bei schönem Wetter mit Rückenwind, weniger bei Gegenwind und fast gar nicht bei Regen», sagt Matthias Kerstenholz von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach.

Nasser Frühling beeinflusst Brut

Während der Sommermonate in der Ostschweiz brüten die Zugvögel. Schlechtes Wetter kann ihre Brut beeinträchtigen. «Dieses Jahr hatte der nasse Frühling sicher einen negativen Einfluss», sagt Gerber. Das gelte insbesondere für die Langstreckenzieher. Da sie wenig flexibel seien, bleibe ihnen oft keine Zeit für eine weitere Brut bei besserem Wetter. «Kurzstreckenzieher dagegen können noch eine Zweit- und manchmal sogar Drittbrut machen», sagt Gerber. Zugvögel verlassen die Ostschweiz nicht nur zum Überwintern. Manche kommen auch hierher. Für sie liegt die Ostschweiz im Süden. Rotkehlchen sind unter anderem in Nordeuropa beheimatet. «Manche dieser Populationen verbringen den Winter bei uns», sagt Gerber. Es sei zudem ein Trugschluss, dass Zugvögel nur im Frühjahr und Herbst ziehen. Fast das ganze Jahr über seien welche unterwegs. Die Mauersegler sind längst weg, bis die Stare aufbrechen – wenn sie denn fortziehen.