«Luege, lose, laufe»: So startet Benedikt Würth im Ständerat

Bislang war er als St.Galler Regierungsrat häufig zu Gast in Bern, nun ist er Mitglied des inneren Zirkels im Bundeshaus: Am Montag wurde Benedikt Würth im Ständerat vereidigt. Auf der Fahrt nach Bern erklärte er, wie er die Aufgabe angehen will – und dass das Thema Bundesrat für ihn erledigt sei.

Adrian Vögele, Bern
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Vergnügt nach der Vereidigung: Benedikt Würth (links) mit Daniel Fässler und Hans Wicki im Ständeratssaal(KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Vergnügt nach der Vereidigung: Benedikt Würth (links) mit Daniel Fässler und Hans Wicki im Ständeratssaal(KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Der Zug nach Bern wartet auf Benedikt Würth. So scheint es zumindest. Seit zehn Minuten steht der Intercity in St.Gallen auf Gleis 1 parat. Vom frischgewählten Ständerat ist nichts zu sehen. Erst kurz vor der Abfahrt kommt Würth heran, zügig, aber nicht gehetzt, ohne Entourage, mit leichtem Gepäck. Den Zug in die Bundesstadt zu erwischen, ohne Zeit zu verlieren: Er ist es gewohnt – seine Chargen als Regierungsrat und Präsident der Kantonsregierungen (KdK) lassen grüssen.

Doch dieser Tag ist keine Routine: Die Vereidigung im Ständerat steht an. Er spüre eine «positive Anspannung», sagt Würth. Die kleine Kammer sei ein würdevolles Gremium – «ich habe Respekt vor dieser Aufgabe.» Und man dürfe sich keine Illusionen machen: «Im Bundesparlament hat niemand auf mich gewartet» – trotz aller Kontakte, die er geknüpft habe. «Für mich beginnt nun eine Lernphase, nach dem Motto ‹Luege, lose, laufe›.» Bereits hat er sich von CVP-Kollegen einfuchsen lassen in die Regeln des Ständerats, «damit ich nicht gleich in den ersten Fettnapf trete». Und er ist am ersten Tag auch nicht ohne private Begleitung: Etwa zehn Familienmitglieder und Freunde reisen mit, auf einem späteren Zug. Ob er in Bern übernachtet, entscheidet Würth «von Fall zu Fall» – wenn, dann im Hotel, so wie bisher.

Für vier Tage Ferien reichte es

Seine vieldiskutierte Mehrfachbelastung hat Würth im Griff, wie er sagt. «Die Sessionen in Bern halte ich mir frei.» Eine Ausnahme seien die Regierungssitzungen am Dienstagmorgen in St.Gallen, das habe er schon während des Wahlkampfs klargemacht. Für die nächsten paar Monate seien die Aufgaben und Termine bereits organisiert – «mir kommt entgegen, dass dieses Jahr im St.Galler Finanzdepartement keine aussergewöhnlichen parlamentarischen Geschäfte bevorstehen, Steuerreform und E-Government sind abgeschlossen.» Über die Auffahrtstage reichte es für ein paar Tage Ferien mit der Familie in Italien. «Das habe ich ihr so versprochen.» Doch der nächste Wahlkampf wartet gleich um die Ecke – schon im Oktober muss sich Würth der Wiederwahl stellen. «Ich wusste, dass es ein intensives Jahr wird», sagt er.

In der aktuellen Session sieht Würth einige wichtige Geschäfte, auch aus Sicht der Kantone – etwa die Neuregelung des Finanzausgleichs und der Ausbau von Bahn und Nationalstrassen. «Gerade bei den Infrastrukturthemen ist es wichtig, dass wir den Ostschweizer Schulterschluss pflegen. Auch wenn es manchmal mehrere Anläufe braucht.»

«Ich werde sicher kein Vorstosskönig»

Dass der Ständerat für Würth Neuland ist, fällt bei der Vereidigung am Nachmittag kaum auf. Er wirkt locker, lacht, schüttelt Hände. Auf die leichte Schulter nimmt er die Sache allerdings nicht. Die Vereidigung sei ein «ergreifender Moment» gewesen, sagt er kurz danach.

Zu Wort melden wird sich der neue St.Galler Ständerat in seiner ersten Session kaum – das wird im Rat nicht gern gesehen. Und was eigene Vorstösse angeht, wird sich Würth generell eher zurückhalten. «Ich werde sicher kein Vorstosskönig. Das war ich schon als Kantonsrat nie.» Er werde eher im Hintergrund wirken und dafür seine Kontakte nutzen – etwa zu Bundesämtern und Bundesräten.

Apropos: Was hat es mit dem Gerücht auf sich, der Ständerat sei für Benedikt Würth nur ein Zwischenhalt auf dem Weg in den Bundesrat? «Realistisch betrachtet ist das Thema Bundesrat für mich gelaufen», sagt er. Vielmehr freue er sich darauf, im Frühling 2020 das Regierungsmandat abzugeben und sich nebst dem Ständerat eine neue berufliche Tätigkeit aufzubauen. In welchem Bereich, sei noch offen. «Aber ich war 20 Jahre Berufspolitiker, es ist ein guter Zeitpunkt für etwas Neues.» Die ganze Familie befinde sich gerade in einer Umbruchsphase, «meine Frau hat sich letztes Jahr beruflich neu ausgerichtet, dieses Jahr kommt meine Tochter in die Kanti, der Sohn in die Lehre.» Nächstes Jahr werde sich dann alles wieder etwas einpendeln.

Die neugewählten Ostschweizer CVP-Ständeräte Benedikt Würth und Daniel Fässler leisten den Amtseid. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Die neugewählten Ostschweizer CVP-Ständeräte Benedikt Würth und Daniel Fässler leisten den Amtseid. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Daniel Fässler wechselt die Kammer

Zusammen mit Benedikt Würth wurde am Montagnachmittag auch Daniel Fässler (CVP/AI) im Ständerat vereidigt – und hat damit vom Nationalrat in die kleine Kammer gewechselt. Er werde nun seine politische Arbeit «mit mehr Stimmkraft» fortsetzen können, sagt der 58-Jährige. Im Ständerat herrsche eine andere Kultur als im Nationalrat. In der grossen Kammer sei man stärker in eine Fraktion eingebunden. «Ich freue mich, jetzt meine eigene Meinung verstärkt zum Ausdruck zu bringen.» Auch regionalpolitische Anliegen zu vertreten, sei im Ständerat einfacher als im Nationalrat. (av)

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