Brennpunkt Notfall: Wie Ostschweizer Spitäler mit Renitenten umgehen

Verbale und körperliche Gewalt gegen das Personal ist in Ostschweizer Spitälern keine Seltenheit. In den letzten Jahren hat die Zahl der Attacken zugenommen. Heikel ist die Situation besonders in Notfallaufnahmen. Ohne Sicherheitsdienste und Notfallkonzepte wäre die Lage dort noch kritischer.

Alexandra Pavlovic
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25 bis 30 Vorfälle mit renitenten Patienten verzeichnet das St.Galler Kantonsspital pro Jahr. (Archivbild: Urs Bucher)

25 bis 30 Vorfälle mit renitenten Patienten verzeichnet das St.Galler Kantonsspital pro Jahr. (Archivbild: Urs Bucher)

Beleidigen, schlagen, drohen: Das Personal in Ostschweizer Spitälern erlebt regelmässig aggressives Verhalten von eingelieferten Patienten. «Auch am Kantonsspital St.Gallen kommt es seit Jahren immer wieder vor, dass sich Patienten oder auch deren Begleitpersonen gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern teilweise aggressiv verhalten», sagt Philipp Lutz, Kommunikationsverantwortlicher des Kantonsspitals. Zwar sei das Phänomen nicht neu, es habe aber auch in St.Gallen tendenziell leicht zugenommen.

Besonders bemerkbar macht sich das gemäss Lutz, wenn in der Stadt und in der Region viel los ist. Die Mitarbeitenden der Zentralen Notfallaufnahme seien davon am meisten betroffen. «Häufig stehen solche Patienten oder Begleitpersonen unter dem Einfluss von Alkohol oder Betäubungsmitteln.»

1200 Übergriffe: Kritische Lage in Bern

Obwohl die Patienten immer renitenter werden, konnte das St.Galler Kantonsspital die Anzahl Fälle, in denen die Polizei beigezogen werden musste, stabil halten. «Wir sprechen von 25 bis 30 Fällen pro Jahr», sagt Lutz. Deeskalierend auf drohende Personen wirke vor allem die Massnahme mit dem hauseigenen Sicherheitsdienst. Dieser sei nicht nur rund um die Uhr erreichbar, sondern führe auch regelmässig Kontrollgänge zu sämtlichen Tages- und Nachtzeiten durch. Lutz betont aber:

«Ohne unseren Sicherheitsdienst wäre diese Zahl sicher höher.»

Auch in anderen Schweizer Spitälern bestätigt sich der Trend zu mehr Gewalt. Das Genfer Unispital registrierte 2017 400 Fälle, im Jahr 2018 waren es 530. Das Triemlispital in Zürich verzeichnete 2017 70 Fälle, ein Jahr später stieg die Zahl auf 90. Besonders dramatisch ist es aber am Berner Inselspital. Physische und verbale Attacken stehen dort an der Tagesordnung. Im vergangenen Jahr kam es zu 1200 Übergriffen gegenüber Mitarbeitern, wie 20 Minuten berichtete. Etwa dreimal pro Tag musste Verstärkung angefordert werden. «Besonders in den letzten zwei Jahren hat die Gewalt gegen das Personal zugenommen», sagt eine Sprecherin. Die Zwischenfälle seien im Vergleich zum Vorjahr um 33 Prozent gestiegen.

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Gewalt in Schweizer Spitälern

Anzahl Fälle pro Jahr
2018
2017
020040060080010001200Unispital GenfInselspital BernTriemlispital ZürichSpital

Warum aber üben die eingelieferten Personen überhaupt Gewalt aus? Auslöser sind gemäss Experten in den meisten Fällen Alkohol oder Drogen. Oft sind es aber auch psychische oder medizinische Probleme. Zu tätlichen Angriffen kommt es im St.Galler Kantonsspital zum Glück eher selten. «Latent ist aber auch dieses Risiko immer vorhanden. Nicht nur auf der Notfallaufnahme», bestätigt Lutz.

Psychische und emotionale Belastungen wegen Bedrohungen

Für die Mitarbeitenden der Notfallaufnahme ist der Umgang mit verbaler und physischer Gewalt heute Teil ihrer Betreuungsarbeit. Deswegen wappnen sich die Spitäler für solche Fälle. Ein hauseigener Sicherheitsdienst ist das eine. Das andere: «Die erforderlichen Kompetenzen werden bereits in der Ausbildung und später auch in Fortbildungen erworben», sagt Elisabeth Heeb, Leiterin Pflege im St.Galler Kantonsspital. Damit sich das Betreuungsteam sicher fühle, komme in St.Gallen bei risikoreichen Situationen des Weiteren ein stufenweises Alarmkonzept zum Einsatz. Hierbei werde in erster Linie der eigene Sicherheitsdienst alarmiert, anschliessend die Polizei via Telefon und als letzten Schritt gebe es sogar einen Alarmknopf, der auf Druck bei Betätigung bei der Polizei sofort Alarm auslöse.

Trotzdem: Die Bedrohungen führen zu einer hohen psychischen und emotionalen Belastung von Personal und Mitpatienten, wie Robert Sieber, Chefarzt der St.Galler Notfallaufnahme, festhält. «Entsprechend hat die Thematik einen wichtigen Stellenwert, und allfällige Ängste oder Bedenken werden mit dem Personal regelmässig angesprochen.»

Überwachte Notfalleingänge und Notknöpfe im Appenzellerland

Im Appenzellerland ist die Situation in den Notaufnahmen weniger dramatisch als im Rest der Schweiz. Gemäss Arben Maliqai, Teamleiter Notfall Spital Herisau, kommt es auch in den Notaufnahmen der Spitäler Herisau und Heiden zu Vorfällen mit verbaler oder physischer Gewalt. «In den vergangenen Jahren konnten wir aber keine signifikante Zu- oder Abnahme der Vorfälle sowie von deren Schweregrad feststellen.» In den allermeisten Fällen handle es sich um verbale Angriffe, welche sich gegen das Personal richten würden. Dazu zählen lautes Schreien und Fluchen. «Direkte persönliche Drohungen sowie physische Attacken kommen glücklicherweise sehr selten vor», sagt Maliqai.

Persönliche Drohungen sowie physische Attacken kommen im Spital Herisau sehr selten vor. (Archivbild: Ralph Ribi)

Persönliche Drohungen sowie physische Attacken kommen im Spital Herisau sehr selten vor. (Archivbild: Ralph Ribi)

Kommt es dennoch zu Zwischenfällen, melden die Angestellten diese intern, so Maliqai. Gewaltvorfälle sowie alle anderen speziellen Ereignisse würden anschliessend im Team und mit den Vorgesetzten analysiert und besprochen. Bei Bedarf werden daraus Massnahmen abgeleitet und umgesetzt.

«Für Mitarbeitende sind Vorfälle dieser Art nie angenehm. Da sich die Anzahl Vorfälle momentan im erwarteten Rahmen befindet und physische Attacken nur sehr selten vorkommen, haben die Mitarbeitenden zwar Respekt, aber keine grundsätzliche Angst im Dienst.»

Trotz der eher geringen Anzahl Vorfälle unternimmt auch das Spital Herisau einiges für die Sicherheit seiner Mitarbeiter. So sind in der Nacht die Notfalleingänge videoüberwacht. Dem Personal stehen zudem Notfallknöpfe zur Verfügung, mit welchen sie einen Hilferuf absetzen können. «Durch die kurzen Wege in unseren Spital ist sichergestellt, dass schnell mehrere Personen vor Ort wären. In ganz heiklen Fällen ziehen wir die Polizei bei.» Zusätzlich werden die Mitarbeiter regelmässig geschult, sodass diese für den Umgang mit verbalen Attacken vorbereitet sind. Zuhören und deeskalierendes Handeln führten in der Mehrheit der Fälle zum gewünschten Erfolg, sagt Maliqai.

Zu einer Anzeige ist es gemäss dem Herisauer Notfall-Teamleiter glücklicherweise nie gekommen. Und auch in St.Gallen ist es ähnlich. «Wir oder bedrohte Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren nie Anzeige erstattet. Bei gravierenden Vorfällen würden wir aber sicher die rechtlichen Massnahmen einleiten», sagt Philip Lutz.

Wie sich die Situation im Kanton Thurgau gestaltet, bleibt derweil unklar. Die Spital Thurgau AG konnte auf Nachfrage keine Auskunft zum Thema geben.

Chefarzt: "Olma - Horrorzeit für die Anwohner"

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