«Ich habe eine klare Antwort des Bundesrats vermisst» – Während Coiffeursalons auch in der Ostschweiz Ende Monat öffnen, bleiben Beizen im Ungewissen

Der Bundesrat lockert den Lockdown schrittweise. Die Reaktionen aus verschiedenen Branchen in der Ostschweiz.

Adrian Lemmenmeier und Luca Ghiselli
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Wann und unter welchen Bedingungen Bars und Restaurants wieder öffnen dürfen, ist unklar.

Wann und unter welchen Bedingungen Bars und Restaurants wieder öffnen dürfen, ist unklar.

Bild: Urs Bucher

Drei Phasen der Lockerung hat der Bundesrat am Donnerstag präsentiert. Am 27. April dürfen Coiffeursalons, Kosmetikstudios, Massagepraxen, Baumärkte, Blumenläden und Gärtnereien wieder öffnen – vorausgesetzt, es besteht ein Sicherheitskonzept. Am 11. Mai können obligatorische Schulen und andere Läden öffnen. Am 8. Juni dürfen – je nach Situation – Mittelschulen, Unis, Museen, Zoos und Bibliotheken den Betrieb wieder aufnehmen. Was bedeutet das für einzelne Branchen in der Ostschweiz? Die wichtigsten Punkte dazu.

Haare schneiden mit Handschuhen und Maske

Die Coiffeure-Branche begrüsse den Entscheid des Bundesrats, sagt Andrea Klaus, Präsidentin der Sektion St.Gallen des Verbandes Coiffure Suisse. «Wir sind sehr froh, wieder arbeiten zu können.» Ein Sicherheitskonzept hat Coiffure Suisse bereits vor einigen Tagen präsentiert. Mit Einweghandschuhen, Maskenpflicht für Kunden und Coiffeure, Desinfektion und mehr Distanz zwischen den einzelnen Coiffeurstühlen soll die Sicherheit von Kunden und Angestellten gewährleistet sein. Man rechne jetzt mit einer grossen Nachfrage, sagt Klaus. «Wir bitten deshalb unsere Kunden um Verständnis dafür, dass man am Anfang einige Tage auf einen Termin warten muss.»

Gärtner fordern Entschädigung

Auch Baumärkte und Gartenzentren öffnen ab dem 27.April wieder. Somit können Ostschweizer Gärtner wieder Pflanzen absetzen. «Die Produzenten haben jetzt endlich eine klare Perspektive», sagt Marco Schafflützel, Präsident von Jardin Suisse Ostschweiz. Wegen des Lockdowns hätten kubikmeterweise Blumen und Pflanzen kompostiert werden müssen. «Wir appellieren an Bund und Kantone, Gärtner für diese teilweise massiven Ausfälle zu entschädigen.» Mit der Lockerung der Massnahmen könnten die Produzenten nun immerhin sicher sein, dass sie jene Pflanzen, die sie derzeit in ihren Gewächshäusern aufziehen, im Sommer verkaufen könnten.

Gewerbeverein sieht Ungleichbehandlung

Von einer grundsätzlichen Ungleichbehandlung unter den Geschäften schreibt der St.Galler Gewerbeverband in einer Medienmitteilung. Denn am 27. April werden auch die Sortimentsbeschränkungen in Supermärkten aufgehoben. Somit können etwa Haushaltsgeräte wieder in einer Migros gekauft werden. Die übrigen Geschäfte können aber frühestens am 11. Mai öffnen. «Dies ist aus unserer Sicht eine Ungleichbehandlung und löst bei uns Kopfschütteln aus», schreibt der St.Galler Gewerbeverband.

Gastronomen vermissen klare Ansage

Wann Restaurants und Bars wieder öffnen, ist noch unklar. Der Bundesrat hat sich dazu nur vage geäussert. Frühestens dürften sie wohl im Juni öffnen, wenn die dritte Etappe des Ausstiegs beginnt. «Ich habe eine klare Antwort des Bundesrats vermisst», sagt Walter Tobler, Präsident von Gastro St.Gallen. Und: «Bis jetzt haben die Behörden nicht mit der Branche gesprochen.» Es sei erstaunlich, dass der Bundesrat keinen klaren Plan für eine Branche mit schweizweit 240000 Angestellten habe. «Ich teile zwar die Einschätzung, dass man mit Augenmass wieder öffnen muss. Aber warum muss ein Beizer im Tessin und einer in St.Gallen gleich behandelt werden?» Tobler rechnet damit, dass viele Restaurants den Betrieb aufgeben müssten, sollte die Schliessung bis zum Sommer dauern. «Der Dachverband Gastrosuisse geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent aller Gastrobetriebe in der Schweiz verschwinden würden.» In der Ostschweiz könnte die Zahl ähnlich hoch sein.

Festivals zwischen Stuhl und Bank

Auch bei Grossveranstaltungen gibt es noch keinen definitiven Fahrplan. Bundesrat Alain Berset verwies in einer Antwort an der Pressekonferenz vom Donnerstag auf Deutschland, das alle Grossveranstaltungen bis Ende August verboten hat. Viel Hoffnung keimt in der Eventbranche also nicht auf. Mehr noch: Die Vertagung des Entscheids bringt Grossveranstaltungen wie das Open Air St.Gallen in eine paradoxe Situation. Einerseits scheint es kaum möglich, dass das Festival im Sittertobel Ende Juni oder das Open Air Frauenfeld Mitte Juli stattfinden kann. Eine Absage kommt aber momentan ebenfalls nicht in Frage – dafür brauchen die Veranstalter eine rechtliche Grundlage, also ein behördliches Verbot. «Unser Festivalteam hätte sich heute vom Bundesrat einen klaren Entscheid zumindest zu Grossveranstaltungen in den ersten Sommermonaten gewünscht», schreibt das Open Air St.Gallen in den sozialen Medien.

Lehrer sind bereit für regulären Unterricht

Am 11. Mai öffnen die Schulen wieder. «Wir freuen uns sehr, dass der Unterricht wieder vor Ort stattfindet», sagt Daniel Thommen, Co-Präsident des kantonalen Lehrerverbandes St.Gallen. Wie genau das Ende des Fernunterrichtes aussehe, sei noch offen. Weil aber der Kanton mit einer Rückkehr zur Normalität im Mai gerechnet habe, sei man in der Planung auf gutem Weg.

St.Galler Regierung begrüsst Ende
des Behandlungsstopps

Die Exit-Strategie des Bundesrats stösst beim Kanton St. Gallen auf Zustimmung. Die Regierung habe sich im Vorfeld für eine Lockerung des Lockdowns eingesetzt, dabei aber darauf hingewiesen, dass verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden müssen, schreibt die Staatskanzlei in einer Mitteilung.
Der Bundesrat hat gestern unter anderem bekanntgegeben, dass der Präsenzunterricht an den obligatorischen Schulen voraussichtlich am 11. Mai wiederaufgenommen werden kann. Die St. Galler Regierung habe sich auch hierfür starkgemacht. Sie schreibt: «Die St. Galler Schulen betreiben damit bis zum 8. Mai Fernunterricht.» Dazu wurden gemäss Mitteilung mit allen Anspruchsgruppen der Schule Weisungen ausgearbeitet, die übers Wochenende bereinigt und Anfang nächster Woche verbreitet werden.

Gemäss der Regierung ist es zudem richtig, dass der Bundesrat eine Normalisierung der Gesundheitsversorgung einleitet, indem er alle Eingriffe wieder zulässt. Der Behandlungsstopp habe grosse Einnahmeausfälle bei Spitälern und Praxen verursacht. Es müsse gewährleistet sein, dass die Spitäler für einen möglichen Anstieg der Hospitalisationen gerüstet blieben und Medikamentenengpässen entgegengewirkt werde. (mge)