Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Beim Lohn kochen die Emotionen hoch

Frauen verdienen weniger als Männer und Ostschweizer weniger als der Schweizer Durchschnitt. Linke und Gewerkschafter fordern, dass wir offen über Löhne sprechen, um Lohngleichheit zu erreichen. Doch die Transparenz hat Schattenseiten.
Katharina Brenner
Lohnungleichheit führt zu Frustration: Frauen verdienen in der Schweiz sieben Prozent weniger als Männer für die gleiche Arbeit. (Bild: Getty)

Lohnungleichheit führt zu Frustration: Frauen verdienen in der Schweiz sieben Prozent weniger als Männer für die gleiche Arbeit. (Bild: Getty)

Die Löhne zweier Ostschweizer aus gänzlich unterschiedlichen Branchen wurden diese Woche in den Fokus gerückt. Zum einen der Lohn von Thomas Bieger, Rektor der Universität St.Gallen (HSG), nachdem sein Mandat als Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahn Holding AG Fragen aufgeworfen hatte. Für diese Nebentätigkeit sowie ein weiteres Mandat erhält er pro Jahr insgesamt knapp 200000 Franken plus 335000 Franken als Rektor der HSG.

Das ist gut das Siebenfache von dem, was Beat Schenk, Präsident der Juso Thurgau, als Elektro-Sicherheitsberater pro Jahr verdient. Er hatte sein Gehalt von 5800 Franken pro Monat anfangs Woche publik gemacht. Ginge es nach dem 26-Jährigen, wäre er damit Vorbild für viele Schweizerinnen und Schweizer. Schenk ist überzeugt: Würden wir über Lohn reden, «würden wir merken, dass wir eigentlich alle etwas zu wenig verdienen». Eine breite Debatte hat er damit allerdings noch nicht angestossen.

Probleme nicht nur bei Topverdienern

Die Lohntransparenz hat auch Schattenseiten. Darauf verweist Roland Waibel, Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der Fachhochschule St.Gallen. Erfahrungen in der Schweiz, England und den USA hätten gezeigt, dass nach der Einführung einer gesetzlichen Pflicht zur Veröffentlichung der höchsten Löhne in börsenkotierten Unternehmen die Lohnspirale angefacht worden sei. Grund sei der Statuswettbewerb, der gerade bei den hohen Einkommen von Topmanagern eine extreme Form angenommen habe. Nicht nur bei Topverdienern sieht Waibel Probleme. Lohntransparenz fache den Lohnwettbewerb an. Gleichzeitig senke er die Zufriedenheit, weil sich «der Mensch als relatives Wesen» an Personen mit ähnlichem Profil orientiere, allerdings an den obersten Positionen. Finde sich jemand bei einem Lohnvergleich an der dritten Stelle von zehn, werde er sich nicht freuen, im ersten Drittel zu liegen, sondern die beiden Topplatzierten beneiden. Deshalb sagt Waibel:

«Lohnvergleiche fachen meist starke Emotionen an und erschweren eine Diskussion auf der Grundlage von sachlichen Kriterien.»

Ein fairer Lohn sollte die Anforderungen berücksichtigen, Leistung honorieren, nüchtern und aufgrund sachlicher Kriterien bestimmt werden.

Frauen sollten sachlich und mutig auftreten

Auch Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell, ist gegen Lohntransparenz. Der Schutz der Privatsphäre sei in Zeiten der Digitalisierung eines der grossen Anliegen. Barbara Gysi, Präsidentin des Kantonalen Gewerkschaftsbunds St.Gallen, ist anderer Meinung: Für die Lohngleichheit sei es wichtig, offen über Löhne zu reden. «Sehr viele Frauen merken erst dann, dass sie weniger verdienen als männliche Arbeitskollegen.» Rechnet man Lohnunterschiede bezüglich Ausbildung, Alter, Branche und Position heraus, verdienen Männer in der Schweiz sieben Prozent mehr als Frauen. Diese Lohndiskriminierung dürfe nicht sein, sagt Roland Waibel.

Welche Massnahmen helfen? Man müsse bei der Bewusstmachung bei Arbeitgebern und Frauen ansetzen. Betriebe, die sich zum Ziel setzen, Arbeit gleich zu bezahlen, sollten dies gegen aussen explizit kommunizieren. Für die Frauen sei es wichtig, sehr gut vorbereitet in Lohnverhandlungen zu gehen. Sie treten hier oft defensiver auf als Männer. «Wenn frau sich zum Ziel setzt, sachlich, mutig und hartnäckig aufzutreten, und sich entsprechend vorbereitet, wird dies eher gelingen.» Wer den Eindruck habe, weniger als die Kollegen zu verdienen, sollte erst mit diesen sprechen, empfiehlt Waibel.

Tiefere Löhne und tiefere Mieten

Es existieren nicht nur Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Kantonen. Ostschweizer verdienen rund sechs Prozent weniger als der Schweizer Durchschnitt. Bei Kaderfunktionen ist die Differenz noch grösser (siehe Grafik). Warum? «In der Ostschweiz haben wir mehr KMU und weniger Grossbetriebe als landesweit», sagt Waibel. Zudem seien Hochlohnbranchen wie Finanzen, insbesondere das Investmentbanking, oder Pharma unterdurchschnittlich vertreten.

«Diese beiden Faktoren erklären den Löwenanteil des tieferen Lohndurchschnitts der Ostschweiz.»

Da die Lebenshaltungskosten wie Hauspreise, Mieten oder Krankenkassenprämien in der Ostschweiz ebenfalls unter dem Schweizer Durchschnitt liegen, dürfte die Kaufkraft trotz tieferer Löhne durchaus vergleichbar mit der Schweiz sein, sagt Waibel.

Kurt Weigelt von der IHK nennt dieselben Gründe wie der Institutsleiter und verweist ebenfalls auf die tieferen Lebenshaltungskosten. «Unter Berücksichtigung der Kaufkraft hat die Ostschweiz damit keinen Lohnrückstand», so Weigelt. Barbara Gysi widerspricht: Die sehr viel schlechteren Löhne in der Ostschweiz im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt liessen sich nicht über tiefere Lebenshaltungskosten ausgleichen.

«Lebensmittel kosten hier gleich viel, die Steuern sind nicht tiefer und die Mieten bei Weitem nicht überall in der Ostschweiz günstig.»

Vor Kurzem hat Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Lohnerhöhungen von zwei bis zweieinhalb Prozent gefordert. «Eigentlich müssten die Löhne in der Ostschweiz um weitere Prozente erhöht werden», sagt Gysi. Aber diese Forderung sei hoch. «Wir wollen darum wenigstens die zwei bis zweieinhalb Prozent.» Das werde schon «ein schwieriger Kampf». Dabei gehe es der Wirtschaft besser und im Zuge des Frankenschocks hätten viele Mehrarbeit für gleichen oder sogar weniger Lohn geleistet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.