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Arbeitslos vor der Pension: Zahl der Sozialhifebezüger über 55 steigt in der Ostschweiz

Verlieren ältere Arbeitnehmer ihre Stelle, dauert die Rückkehr ins Arbeitsleben oft lang. Dadurch nimmt die Zahl der Sozialhilfebezüger über 55 deutlich zu – auch in der Ostschweiz.
Kaspar Enz
Ältere Arbeitslose haben länger, bis sie wieder eine Stelle finden. (Bild: Bilder: Christoph Schürpf, Gaëtan Bally/KEY)

Ältere Arbeitslose haben länger, bis sie wieder eine Stelle finden. (Bild: Bilder: Christoph Schürpf, Gaëtan Bally/KEY)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Hat man die turbulente Jugend hinter sich, lebt es sich hierzu­lande in ruhigen Bahnen: Die Arbeitslosenquote bei älteren Arbeitnehmern ist die tiefste aller Altersgruppen. Ähnlich sieht es bei der Sozialhilfequote aus. «Die Älteren sind ein kleiner Teil unserer Kunden», sagt Daniel Wessner, als Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Thurgau auch Chef der dortigen RAV. Aber sind sie einmal beim Arbeitsamt, bleiben sie länger. «Es dauert zwei- bis dreimal so lange, bis sie wieder eine Stelle gefunden haben.»

Oft so lange, dass die Taggelder der Arbeitslosenkasse auslaufen und die Aussteuerung droht – und schliesslich das Sozialamt. Tatsächlich landen dort immer mehr Arbeitslose über 55, stellt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) fest: Zwar ist die Sozialhilfequote in dieser Altersgruppe immer noch recht tief, aber sie ist in den letzten Jahren stark angestiegen.

Über 2000 ältere Sozialhilfebezüger in der Ostschweiz

Das dürfte auch für die Ostschweiz zutreffen. Waren 2010 in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell noch 1585 Personen über 55 Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, überschritt die Zahl 2016 schon 2000. Dem will die Skos Einhalt gebieten: Wer mit 55 Jahren arbeitslos wird, soll nicht mehr ausgesteuert werden.

Dass die Zahl der älteren Sozialhilfebezüger zunehme, bestätigt auch Heinz Indermaur, Leiter der Sozialdienste der Stadt St. Gallen. Allerdings nehme die Zahl der älteren Menschen generell zu. Oft seien es allein wohnende Personen, die bei der ­Sozialhilfe landen, sagt er. Teilweise seien sie gesundheitlich beeinträchtigt, das Bildungsniveau sei oft tief. Es sei deshalb schwierig, ältere Sozialhilfebezüger wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen.

«Der Arbeitsmarkt bevorzugt jüngere Mitarbeiter.»

Dynamisch oder arbeitslos

Davon kann Daniela Häderli ein Lied singen. Sie leitet die Ostschweizer Sektion von Avenir 50 Plus in St. Gallen mit. Der Verband setzt sich für ältere Arbeitnehmer ein. «Man hätte gern eine dynamische Person oder jemanden, der ins Team passt», solche Antworten bekämen ältere Bewerber immer wieder zu hören, auch die 57-jährige Häderli. Seit kurzem sucht sie eine neue Stelle.

Von einer Aussteuerung ist sie noch weit entfernt. Aber dass viele Arbeitgeber die Dossiers älterer Interessenten aussortieren, sei nicht selten. Sie sagt:

«Wenn ich fast alle Anforderungen erfülle und doch nach zwei Tagen eine Absage bekomme, dann liegt diese Vermutung nahe.»

Ältere Mitarbeiter seien vielleicht langsamer. «Aber sie haben mehr Erfahrung, sind zuverlässiger und pflichtbewusster.»

Oft fehlt Qualifikation

Die Schwierigkeiten älterer Arbeitnehmer hätten nicht mit dem Alter allein zu tun, glaubt Daniel Wessner. Zwar sei hinderlich, dass die Pensionskassenbeiträge der älteren Mitarbeiter höher seien. «Aber im Grunde ist es ein Qualifikationsproblem», sagt Wessner. «Ein 55-jähriger Ingenieur findet leicht eine Stelle.» Anders gehe es einem gleichaltrigen Hilfsarbeiter, auch weil die Jahrzehnte auf dem Bau durchaus körperliche Spuren hinterlassen.

Es treffe allerdings bei weitem nicht nur Niedrigqualifizierte, sagt Daniela Häderli. «Zu unseren Treffen kommen auch Kaderleute, die keine Stelle finden.» Manche seien allerdings nicht aufs RAV angewiesen.

«Manchmal suchen diese auch eine einfache Stelle – und werden abgelehnt, genau weil sie vorher Führungsfunktionen hatten.»

Es gebe eine erhebliche Anzahl älterer Arbeitsloser, die in den Statistiken nicht vorkommen. «Man traut sich nicht unbedingt, das zuzugeben», sagt sie. «Auch der Gang zu einem Verband wie unserem, wo man sich austauschen und Rat holen könnte, fällt schwer.»

Pensionskassenbeiträge diskriminieren

Schwer fällt allerdings auch die Suche nach einer Lösung des Problems. «Eine Anpassung der Pensionskassenbeiträge ist die wichtigste Forderung», sagt Häderli. Eine, die schon oft an die Politik gestellt wurde. «Aber die Mühlen mahlen langsam.» Vorschläge, die Altersdiskriminierung zu verhindern, seien schwer umzusetzen. «Die Altersangabe oder das Foto auf der Bewerbung wegzulassen nützt wenig», sagt sie. «Das Alter kann man am Lebenslauf abschätzen.»

Eine Angleichung der Pensionskassenbeiträge ist auch für Daniel Wessner ein Ansatz. Allerdings ist er optimistischer. Er meint:

«Wir sind in einer Phase, in der die Volkswirtschaft gerade in der Ostschweiz sehr gut läuft.»

Fachkräfte seien gesucht, und nicht mehr so leicht im nahen Ausland zu rekrutieren – denn in Vorarlberg oder Bayern brumme die Wirtschaft ebenso. «Und viele Unternehmen haben den Fingerzeig der Stimmbürger verstanden und suchen im Inland.»

Übergang in Sozialhilfe sanfter gestalten

Der Vorschlag der Skos habe gewisse Mängel, sagt Wessner. Aber er spreche bestehende Probleme an. «Dass man nach dem RAV gleich in der Sozialhilfe landet, ist nicht ideal.» Dieser Übergang müsste sanfter gestaltet werden. Auch ein besserer Kündigungsschutz für ältere Mitarbeiter müsse man diskutieren. Hier setzt auch Fürsorger Heinz Indermaur an. «Besser als eine Wiedereingliederung wäre es, ältere Mitarbeiter gar nicht erst zu entlassen, sondern von deren ­reichen Berufserfahrung zu profitieren.»

Ergänzungsleistungen statt Sozialhilfe

Wer über 55 Jahre alt ist und die Stelle verliert, findet oft lange keinen Job. So droht die Aussteuerung. Dann endet auch die Hilfe bei der Stellensuche, die RAV bieten. Rund 4000 Personen zwischen 57 und 62 werden jedes Jahr ausgesteuert. Nur jeder siebte Ausgesteuerte in dieser Altersgruppe findet wieder eine Stelle, klagt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos).

Deshalb schlägt die Skos vor, ältere Arbeitslose nicht mehr auszusteuern. Das RAV soll diesen Langzeitarbeitslosen weiterhin bei der Stellensuche helfen. Doch statt Beiträgen aus der Arbeitslosenversicherung sollen sie Ergänzungsleistungen erhalten. Damit würden diese arbeitslosen Personen nicht nur besser unterstützt, sie würden auch vor Altersarmut geschützt, hofft die Skos. Die Einsparungen bei der Sozialhilfe würden einen Grossteil der Kosten dieser neuen Leistungen aufheben. Die gesamten Mehrkosten beliefen sich auf 25 Millionen Franken, berechnet die Skos.

Sorgen um die Altersarbeitslosigkeit macht sich nicht nur die Skos. Häufig wird vorgeschlagen, die Pensionskassenbeiträge gleichmässiger zu gestalten. Diese steigen mit dem Alter stark an und sind ein Grund, weshalb ältere Arbeitnehmer teurer sind. Andere Vorschläge zielen darauf ab, die Altersarbeitslosigkeit zu verhindern. Etwa mit einem besseren Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer oder Steuervor­teilen für Unternehmen, die diese einstellen. (ken)

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