Bei minus 20 Grad über die Alpen

Am Samstag starten in Ebnat-Kappel 17 Gasballone zum 56. Gordon Bennett Race. Mit dabei sind die Thurgauer Kurt Frieden und Pascal Witprächtiger. Sie haben das härteste Gasballonrennen der Welt vor zwei Jahren gewonnen, nach 2435 Kilometern und 59 Stunden in der Luft.

Hansruedi Kugler
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Der Thurgauer Kurt Frieden beim Navigieren mit GPS und der ICAO-Karte, der offiziellen Luftraumkarte. (Bild: pd)

Der Thurgauer Kurt Frieden beim Navigieren mit GPS und der ICAO-Karte, der offiziellen Luftraumkarte. (Bild: pd)

EBNAT-KAPPEL. «Nach heutiger Prognose wird uns der Wind am Samstag in Richtung Spanien tragen», sagt Kurt Frieden. Bise ist angesagt, in bis zu 5000 Metern Höhe werden die Gasballone den Schweizer Alpen entlang von Osten nach Westen fahren: Höchstgeschwindigkeit 120 Stundenkilometer, immer genauso schnell wie der Wind. Die Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius verkraften Kurt Frieden und sein Co-Pilot Pascal Witprächtiger in Kühlanzügen der Konservenfabrik Bischofszell und mit heisser Suppe. Denn in ihrem offenen Ballonkorb gibt es neben Funkgerät, Karten, Sitzbank und chemischer Trockentoilette auch einen Gasbrenner, unter anderem für den Kaffee zwischendurch.

Geschlafen wird vier Stunden am Stück, dabei hängen die Beine aus dem 1,3 Meter breiten Korb – eine Klappe macht es möglich. Zu essen gibt es Brot, Salametti, Früchte. Besonders gemütlich tönt das nicht, aber Kurt Frieden erzählt lieber vom «unbeschreiblichen Gefühl, so viele Stunden in der Luft zu sein», von «phantastischen Sonnenauf- und -untergängen» und vom «gigantischen Blick auf die Landschaft und den Sternenhimmel». Dies in fast kompletter Ruhe: Denn anders als beim Heissluftballon wird die Fahrt mit dem Gasballon über die Alpen, das Mittelmeer oder über norwegische Berge nicht gestört vom gelegentlichen Fauchen des Heissluftballon-Brenners.

Fast wie die Ballonpioniere

So abenteuerlich, wie der Toggenburger Ballonpionier Eduard Spelterini vor über hundert Jahren die Alpen überquert hat, ist das Gasballonfahren nicht mehr. «Der Hauptunterschied liegt in den Wetterprognosen. Die sind heute über mehrere Tage voraus ziemlich zuverlässig», sagt Kurt Frieden. Während des Rennens ist er per Satellitentelefon permanent in Kontakt mit einem Meteorologen in Zürich. Die Ballone sind gleich gross geblieben. Sie steigen und sinken immer noch mit Sand und Wasser, aber die Qualität der Ballonhülle ist wesentlich besser geworden. Schwieriger ist das Langstrecken-Ballonfahren im 21. Jahrhundert, weil der Luftraum über Europa immer enger wird. München, Frankfurt, Paris oder London müssen weiträumig umfahren werden. Gelingt dies nicht, ist der Pilot zur Landung gezwungen.

Für die diesjährige Fahrt am «Gordon Bennett» rechnet Kurt Frieden mit drei Tagen. Stimmt die Windprognose, wird er in Spanien oder Portugal landen müssen, noch vor dem Atlantik. Es wird seine fünfzehnte Teilnahme am härtesten Gasballonrennen der Welt. Beim Sieg vor zwei Jahren landete er 59 Stunden und 2435 Kilometer nach dem Start in Bristol in Rumänien, hundert Meter vom Ufer des Schwarzen Meers entfernt.

Ballonfeind Gewitter

Kurt Friedens Ehrgeiz ist ungebrochen: «Ich werde alles daran setzen, das Rennen wieder zu gewinnen. Aber Sicherheit geht immer vor.» Beim letztjährigen Rennen hat er die Fahrt wegen einer Schlechtwetterfront vorzeitig abgebrochen. Respekt und Vorsicht sind angebracht: Vor zwei Jahren geriet ein Ballon über offenem Meer in ein Gewitter und stürzte ab. Die zwei amerikanischen Piloten kamen ums Leben. Und 1995 wurde gar ein Gasballon von der weissrussischen Luftwaffe wegen unerlaubten Eindringens in ihren Luftraum abgeschossen – die zwei Piloten kamen dabei ebenfalls ums Leben.

Konsequenterweise sind beim Gordon Bennet Race 2012 die Ukraine, Weissrussland, Moldawien, Albanien, aber auch die Türkei gesperrtes Gebiet – «weniger aus politischen Gründen, sondern weil die dortige Flugsicherung unflexibel ist», sagt Kurt Frieden. Der Thurgauer Ballonpilot relativiert aber die Gefahren des Gasballonfahrens: «Wollen Sie wissen, was das Gefährlichste beim Ballonfahren ist? Die Fahrt mit dem Auto zum Startplatz und wieder zurück.»

Wanderpokal und Händedruck

Die Begeisterung für das Ballonfahren hat den 44jährigen Kurt Frieden schon als kleinen Buben gepackt, als er zusammen mit seinem Vater als Helfer Ballonen hinterhergefahren ist. Am kommenden Wochenende sind die Rollen vertauscht: Seine Frau wird ihm mit Auto und Anhänger auf dem Boden nachfahren – und wenn alles klappt nach drei Tagen in Südspanien aufladen und zur Siegerehrung am Freitag zurück ins Toggenburg bringen.

Gewinnt Kurt Frieden mit seinem Co-Piloten Pascal Witprächtiger wiederum das Gordon Bennett Race, so winkt als Siegerpreis kein Check, sondern «ein Wanderpokal, eine Urkunde und ein feuchter Händedruck», lacht Kurt Frieden. Im Ballonsport zählt offenbar immer noch vor allem eines: die Ehre.

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